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Doku-Drama "Zug in die Freiheit" erzählt die Geschichte der Prager Botschaftsflüchtlinge

Doku-Drama "Zug in die Freiheit" erzählt die Geschichte der Prager Botschaftsflüchtlinge

Menschen, die auf die Berliner Mauer klettern, Bagger, die die Betonplatten niederreißen - diese Bilder der Wiedervereinigung haben sich ins kollektive historische Gedächtnis der ganzen Welt eingebrannt.

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"Zug in die Freiheit" auf der Leinwand der Filmnächte am Elbufer. Auch die Krawalle am Dresdner Hauptbahnhof werden in dem Doku-Drama thematisiert.

Quelle: Christian Juppe

Doch welche Entwicklungen gingen diesem monumentalen Ereignis voraus und machten die friedliche Wende überhaupt erst möglich? Eine durchaus beachtenswerte Rolle spielt hier die Geschichte der Prager Botschaftsflüchtlinge.

Im Spätsommer 1989 kam es in der bereits als Brücke in den Westen bekannten westdeutschen Botschaft in Prag zu einem wahren Ansturm von DDR-Flüchtlingen, bis sich im September zeitweise bis zu 4000 Menschen auf dem Areal drängten. Bundesaußenminister Genscher verhandelte mit seinem sowjetischen Amtskollegen schließlich die Ausreise der Exilsuchenden - da Erich Honecker jedoch auf die Wahrung des Scheins eines regulären Vorgangs drang, musste diese in Zügen über DDR-Territorium erfolgen. Am 1.Oktober verließen schließlich die ersten Transporte den Prager Hauptbahnhof, um über Dresden und Karl-Marx-Stadt nach Hof zu rollen. Unsicherheit und Angst vor einer Verhaftung begleiteten die Republikflüchtigen auf jedem Meter.

Diese dramatischen Ereignisse schildert nun die MDR/ARTE-Co-Produktion "Zug in die Freiheit" in einer Mischung aus Archivmaterial, Spielszenen und Zeitzeugeninterviews. Das Fernsehdrama, das eine Voraufführung auf der großen Leinwand der Filmnächte am Elbufer feiern durfte, fasst die Ereigniskette in 90 Minuten kompakt und packend zusammen. Dies ist neben der inhärenten Dramatik der Geschichte vor allem den so gefühlsstarken wie aussagekräftigen Interviews mit den Beteiligten auf allen Seiten zu verdanken, die abwechslungsreich arrangiert sowohl die individuell-menschlichen Facetten als auch die politische Dimension der Geschehnisse beleuchten.

Von den Flüchtlingen selbst, die ihre Ängste und Erwartungen schildern, die Suche nach Familienangehörigen oder das oft menschenunwürdige Leben in der völlig überfüllten Botschaft, über die Diplomaten und Rot-Kreuz-Mitarbeiter, die mit ihren teils eigenverantwortlichen und mutigen Entscheidungen viele reale oder potentielle Krisen umschiffen konnten, bis hin zu den Regierungsvertretern wie Hans-Dietrich Genscher, die an vorderster politischer Front um eine Lösung der Krise rangen - dem Film gelingt es, mit einem breitgefächerten Spektrum an Interviewpartnern die Ereignisse begreif- und erfühlbar zu machen. Sehr positiv fallen auch kleinere Anekdoten auf, wie die des westdeutschen Diplomaten, der bei der Ankunft in Hof mit solcher Begeisterung aus dem Zug sprang, dass er sich den Meniskus verletzte.

Zwar sind die Spielsegmente mitunter ein wenig statisch inszeniert, und die Darsteller können nur selten mit den emotionsgeladenen Erinnerungen der realen Zeitzeugen mithalten. Dafür sind die Übergänge zwischen den verschiedenen Materialien fließend, und die komplexe Abfolge der Ereignisse dramaturgisch klug verzahnt - für Regisseur Sebastian Dehnhardt nach eigener Aussage auch die größte Herausforderung bei der Aufarbeitung der Thematik. So wechselt die Dokumentation zwischen den Hauptbrennpunkten und diversen Nebenschauplätzen, fängt die Situation in Botschaft und Zügen ebenso ein wie die dramatischen Ereignisse zum Beispiel am Dresdner Hauptbahnhof, wo ein Großaufgebot der Polizei die freie Passage der Flüchtlingszüge sichern sollte und es zu regelrechten Straßenschlachten mit sympathisierenden Bürgern und Ausreisewilligen kam.

Letztlich waren es auch in der DDR kaum unterdrückbare Bilder wie diese, die Erich Honeckers Umleitungsidee zu einem gefährlichen Bumerang werden ließen. Das Beispiel der erfolgreichen Flucht inspirierte zahlreiche Nachahmer, und schließlich sah sich die politische Führung am 9.November gezwungen, alle Reisebeschränkungen in die Bundesrepublik aufzuheben. Der Eiserne Vorhang war endgültig gefallen. Das Verdienst der mutigen Prager Flüchtlinge und ihrer Unterstützer kann somit nicht hoch genug bewertet werden, und "Zug in die Freiheit" wird zu einem sehenswerten Zeitdokument.

Laut Sebastian Dehnhardt stecken insgesamt zwei Jahre Arbeit in dem Projekt, nicht zuletzt galt es ja unzählige Stunden Archivmaterial zu sichten. Das Ergebnis erfuhr bei allen bisherigen Präsentationen sehr positive Reaktionen, sowohl von den Beteiligten der damaligen Ereignisse als auch all jenen Zuschauern, die sich über dieses wichtige Stück Geschichte informieren möchten. Der Applaus des Filmnächte-Publikums freute den Regisseur dabei besonders - genauso wie die Möglichkeit, seinen Film vor der "spektakulären Kulisse" der Dresdner Altstadt präsentieren zu können, in der ja zudem ein Teilstück der Handlung angesiedelt ist.

"Zug in die Freiheit" wird am 30. September um 20.15 Uhr auf ARTE ausgestrahlt, gefolgt von weiteren Sendeterminen am 3.Oktober um 18.30 Uhr in der ARD und am 2.November um 20.15 Uhr im MDR.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.08.2014

Rafael Kühn

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