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Die Macher von "Der Schwarze Nazi" werden von Rechten bedroht und von einem ähnlichen Film überrascht

Die Macher von "Der Schwarze Nazi" werden von Rechten bedroht und von einem ähnlichen Film überrascht

Als ob die Geschichte um den "Schwarzen Nazi" Sikumoya, der nach einem Zusammenbruch zum "perfekten Deutschen" wird und die "Nationale Partei Ost" (NPO) von innen aufmischt, nicht schon grotesk genug ist.

Der unter anderem mittels einer Crowdfunding-Kampagne finanzierte Spielfilm der Regie-Brüder Tilman und Karl-Friedrich König steht kurz vor der Vollendung. Der Schnitt ist zu 99,9 Prozent abgeschlossen, ein Team der Filmakademie Ludwigsburg feilt zur Zeit am Ton. Für Mitte November ist in Leipzig die Premiere geplant. Danach soll der Streifen in Programmkinos, auf Festivals und auch als Video-on-Demand im Netz zu sehen sein. Doch seit ein paar Wochen kommen sich die zwei Könige und ihre Mitstreiter von der Leipziger Filmgruppe Cinemabstruso vor wie im falschen Film.

Zunächst wurden sie an einem Sontagmorgen bei den Dreharbeiten für eine zusätzliche Szene auf offener Straße beinahe selbst von Neonazis überfallen. Bei einer Pressekonferenz im Luru-Kino schildert Tilman König die für ihn immer noch unglaubliche Begegnung. Ein Mann in einem T-Shirt der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) hatte die Aufnahmen von einem Fenster aus beobachtet und dann einige "Kameraden" heran telefoniert. Die kamen plötzlich mit einem Transporter angefahren und warfen den Filmemachern bedrohliche Blicke zu.

"Ich wollte das erst nicht glauben", erzählt Tilman. "Wir drehen hier für den Film 'Der schwarze Nazi' und werden von Nazis überfallen?" Während sein Bruder Karl-Friedrich die Polizei verständigte, "bewaffneten" sich die anderen Mitglieder des zehnköpfigen Teams mit Tonangeln und signalisierten auf diese Weise, dass sie sich nicht einschüchtern lassen. Bevor die Polizei eintraf, waren die offenbar nicht sehr cinephilen Glatzköpfe verschwunden. Zwar kennen die in den 90er Jahren in Jena aufgewachsenen Brüder Nazigewalt durchaus aus eigener Erfahrung - Tilman lag nach einem Übergriff schon mal auf der Intensivstation. "Aber das ist lange her. Und in Leipzig herrscht eigentlich ein sehr freies Gefühl, trotz Legida."

Obwohl die Sache letztlich glimpflich ausgegangen ist, fällt es den Filmemacher immer noch schwer, den Vorfall abzuhaken. Sie vermeiden es, über Nacht allein in ihrem Büro zu arbeiten und haben die Festplatten mit den Daten für den Film jetzt noch ein drittes Mal gesichert. Man weiß ja nie.

Zwei Wochen später die nächste filmreife Entwicklung: Einer der Darsteller stößt im Internet auf den Trailer für einen Kinofilm des bekannten Regisseurs Dietrich Brüggemann ("3 Zimmer/Küche/Bad", "Kreuzweg") mit dem Titel "Heil", der im Juli anläuft. Der Plot: Ein Afrodeutscher bekommt von ostdeutschen Neonazis einen Schlag auf den Kopf, verliert sein Gedächtnis und schließt sich der "Deutschnationalen Partei" (DNP) als "Integrationsexperte" an.

Die frappierenden Parallelen zu ihrem Projekt veranlassen die König-Brüder dazu, vorsichtig das böse Wort vom "Ideenklau" in den Mund zu nehmen. Immerhin haben sie die Story erstmals bereits 2006 in einer kürzeren No-Budget-Version verfilmt. Spätestens durch die Crowdfunding-Aktion im Frühjahr 2014 wurde dann eine größere Öffentlichkeit auf das Vorhaben aufmerksam. "Das ist die Crux beim Crowdfunding: Man muss ziemlich viel offen legen, um Unterstützer zu gewinnen", sagt Bernd Schumacher von der TV-Produktionsfirma 99pro media. Mit seinem Label 99pro independent ist er einer der Kooperationspartner von Cinemabstruso und der 2Könige GbR.

Hat hier also tatsächlich eine große Filmproduktion - Real Film Berlin in Zusammenarbeit unter anderem mit RBB, SWR und ARD Degeto sowie Arte - bei einer kleinen unabhängigen Truppe von Enthusiasten abgekupfert? Sikumoya-Darsteller Aloysius Itoko findet es zumindest "denkwürdig", dass jetzt beinahe gleichzeitig zwei Filme mit einem schwarzen Darsteller in einer zentralen Rolle in die Kinos kommen. "Das gibt es in Deutschland sonst kaum."

Gedreht wurde "Heil" nach Wissen der König-Brüder im Oktober vergangenen Jahres, also nach ihren Aufnahmen für "Der Schwarze Nazi" im Sommer. Trotzdem kommt der Brüggemann-Film jetzt eher in die Kinos. Anders als die Könige und ihr Team müssen sich die "Heil"-Produzenten ihren Lebensunterhalt vermutlich nicht noch durch diverse Nebenprojekte verdienen. "Trotzdem ist das selbst für eine professionelle Produktion extrem schnell", wundert sich Karl-Friedrich König über diese Eile.

Rechtliche Schritte planen er und sein Bruder derzeit nicht. So lange keine Dialoge oder komplette Handlungsstränge kopiert wurden, stehen die Chancen dafür wohl auch schlecht. "Prinzipiell ist es ja gut, wenn sich Filme mit so wichtigen Themen wie Rassismus beschäftigen", weist Tilman auf einen positiven Aspekt hin. Zumal sich die beiden Filme offenbar an ein unterschiedliches Zielpublikum richten.

"Heil" kommt ausweislich des Trailers eher als turbulente Komödie typisch deutscher Machart daher. "Der Schwarze Nazi" ist bei allen Überspitzungen viel ernsthafter und realistischer angelegt und konsequent aus der Perspektive des schwarzen Deutschen erzählt. Bei der Pressekonferenz wird ein erster kurzer Einblick in den fertig geschnittenen Film gewährt. Das Lachen bleibt einem dabei als Zuschauer geradezu im Halse stecken.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.06.2015

Frank Schubert

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