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Nachrichten Medien Deshalb ging der „Tatort“ in die Hose
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18:11 09.10.2017
Der Münchner „Tatort“ war auch für seine Darsteller „verstörend“ Quelle: Hagen Keller/BR/Bildarchiv/dpa
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München

Nein, das war keine gute Idee, den „Tatort“ am Sonntag gemeinsam mit den Schwiegereltern zu gucken. Oder die Fernbedienung so weit außer Reichweite zu legen, dass schlaftrunkene Schulkinder, die ins Wohnzimmer stolperten, noch kurz auf die Glotze linsen konnten. „Hardcore“ hieß der Film aus München. Es ging um den Mord an der Pornodarstellerin Luna Pink (Helen Bark). 9,12 Millionen Menschen guckten zu, trotz des parallel laufenden Fußball-Länderspiels. Was sie sahen, war zwar nicht Hardcore – für einen ARD-Hauptabendkrimi aber ungewöhnlich explizit.

Seltsame Flüssigkeiten. Baumelnde Genitalien. Zitternde Hintern. Massenmasturbation. Seelenloses Gerammel. Und für die Gruppensexszene am Ende kamen Komparsen aus der Swingerszene und Amateurpornodarsteller zum Einsatz. All das auf einem Sendeplatz, der ab 12 Jahren freigegeben ist.

Was genau sollte das? Man habe „mit einem visuell nicht voyeuristischen Blick“ ein gesellschaftlich relevantes Thema abbilden wollen, hieß es beim Bayerischen Rundfunk. Der Sender dreht den Spieß um: Gerade weil der Film in Teilen abstoßend wirke, sei er geeignet, Jüngere vor der zerstörerischen Kraft der tabuisierten Szene zu warnen.

Jugendschutz bei Dreharbeiten involviert

Tatsächlich hielt sich der Sender optisch an das legal Darstellbare. Sexszenen blieben im Ungefähren, unscharf in jeder Hinsicht. Zu hören aber war Pornovokabular, das keine Fragen offen ließ. Die Absicht dahinter: Regisseur Philip Koch wollte realistisch, ohne moralische Festlegung und beschönigenden Weichzeichner ein „gesellschaftlich brisantes Thema aufgreifen“, versicherte der BR. „Dazu gehört auch die Sexualisierung unserer Gesellschaft und der erschreckend hohe Pornokonsum mitsamt seinem zugehörigen Vokabular.“

Kein Voyeurismus? Natürlich gilt „Sex sells“ auch für die ARD. Schon der Teaser zum „Tatort“, in dem eine Frau auf hohen Hacken zu einem Kinderplanschbecken stöckelt, diente als erotisches Amuse-Gueule. So ehrlich sollte man sein bei der ARD. „Das Drehbuch fand ich anfangs sehr krass in seiner Sprache“, sagt auch Ferdinand Hofer, Darsteller des Assistenten Kalli Hammermann, dem „Focus“. „Die Szene mit dem Planschbecken war schon verstörend.“

Der Jugendschutz sei von Anfang an involviert gewesen, versichern ARD und BR. Dort habe es keine Einwände gegeben. Junge Zuschauer fänden trotz der drastischen Szenen „Halt in der Perspektive der beiden Ermittler und der Eltern der verstorbenen Luna“. Sie erlebten das Pornogeschäft als unerfreulich. „Gerade diese abschreckende Wirkung trägt den jugendschutzrechtlichen Kriterien aus unserer Sicht Rechnung.“

Hohe Resonanz trotz dünner Story

Tatsächlich wäre es albern anzunehmen, dass Jugendliche auf der Suche nach expliziten Sexszenen auf die ARD angewiesen sind. Und die pauschale Erregung über „Ekel-TV“ in den sozialen Medien und auf dem Boulevard ist zweifellos überdreht. Die Frage ist aber, ob der drastische Realismus der Geschichte überhaupt dienlich war. Die Story selbst blieb nämlich überraschend dünn, diese Schwäche konnten auch die grellen Bilder nicht übertünchen. Da schlichen zwei moralinsaure Silberrückenkommissare, die schon qua Amt Erfahrung mit menschlichen Abgründen aller Art haben sollten, als angebliche Porno-Erstkontaktler mit künstlicher Entrüstung durch eine fremde, kaputte Welt und staunen Bauklötze („Dieses ganze perverse Scheißzeug ist frei verfügbar!“). Ist nicht wahr?! Potztausend, Porno! Und was dieser von Männern gedrehte Film über weibliche Sexualität erzählte, war im Kern auch eher bitter: Klar, du darfst dich – wie die Steuerberatergattin Stella Harms (Luise Heyer) – schon irgendwie austoben, auch gegen die Konventionen, sicher. Aber das macht dann eben Familien kaputt, dein Kind unglücklich und deinen Mann zum Schläger.

Am Ende wirkte „Hardcore“ wie der Versuch, auf Teufel komm raus Tabus zu brechen, auch auf Kosten einer stringenten Story. Als fiktionale Kritik an der Übersexualisierung der Gesellschaft hätte der Film zweifellos auch ohne seine eigene Übersexualisierung funktioniert. Das war die Krux: dass „Hardcore“ keinen Mittelweg aufzeigte zwischen Steuerberater-Blümchensex und der teuflisch-toxischen Pornohölle. Entrüstung und Erregung statt reflektierendem Entertainment.

Selig die Zeiten, als sich das Land noch darüber aufregte, dass Schimanski „Scheiße“ sagt.

Von RND/Imre Grimm

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