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Der spektakulärste Kunstdiebstahl der DDR im Fernsehen - Der Raub des Sophienschatzes aus dem Stadtmuseum Dresden

Der spektakulärste Kunstdiebstahl der DDR im Fernsehen - Der Raub des Sophienschatzes aus dem Stadtmuseum Dresden

"Wen interessieren nicht die großen Geheimnisse und wertvollen Schätze, die Geschichten erzählen wie kaum ein anderer Gegenstand?" fragt Adina Rieckmann, lacht laut und wendet sich einen Augenblick später wieder Interviewauszügen und ihren Bildern zu.

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Ein Teil des sogenannten Sophienschatzes. Die Kettenanhänger sind alle wieder aufgetaucht, außer Nr. 6 und 13. Was weiterhin fehlt, ist dagegen die 1,3 Kilogramm schwere Kette.

Quelle: Stadtmuseum

Die Filmemacherin aus Dresden ist äußerst umtriebig und sammelt in ihrem kleinen Notizblock permanent Gedanken, Aussagen und Fragen. "Meist habe ich mehr Fragen als Antworten", sagt sie noch kurz, "aber das ist gar nicht so schlimm, das zeigt ja nur, dass längst noch nicht jedes Geheimnis gelüftet ist." Wie das um den spektakulärsten Kunstdiebstahl der DDR, den möglicherweise viele gesehen und keiner wahrgenommen hat. Der sogenannte Sophienschatz war das Prunkstück im Dresdner Stadtmuseum. Geborgen wurden die Schmuckstücke aus der 1602 geweihten Sophienkirche. Etwa 200 Jahre lang war sie die Begräbnisstätte für den Adel und das reiche Dresdner Bürgertum. Als 1910 der Fußboden der Kirche restauriert werden musste, kamen viele eingestürzte Grüfte zum Vorschein, deren Grabbeigaben alle noch erhalten waren, darunter Armbänder, Ketten und Ringe. Ausgestellt wurden die Schmuckstücke bis in die 1970er Jahre im Dresdner Stadtmuseum und vor allem Gästen aus dem "befreundeten" Ausland gezeigt.

"Im Film lassen sich die Bänder immer wieder zurückspulen", bemerkt Adina Rieckmann fast schon beiläufig, als würde sie laut denken, immer wieder macht sie von diesem Vorteil Gebrauch, sucht so die entscheidenden Aufnahmen, die ausdrucksstärksten Bilder und passenden Interviewpassagen. Für die Frau, die ungern still sitzt und immer mit ihrer Brille auf der Nase hantiert und manchmal laut lachend fast in den Monitor hineinkriechen will, weil ihr wieder ein Detail aufgefallen ist, das sie wochenlang übersehen hatte, ist das ein phantastisches Instrumentarium, weil sie so tatsächlich die Geschichte zurückdrehen kann bis zum 20. September 1977. Ein Tag, an den sich Friedrich Reichert, der Kustos für Stadtteilgeschichte des Stadtmuseums, noch ganz genau erinnert. Er hatte den Diebstahl als erster bemerkt.

"Es war ein trüber nasskalter Tag. Ich hatte gerade drei Gruppen aus der Pädagogischen Hochschule aus Wolgograd da. Ich hatte die Aufgabe, diese Gruppen so nach und nach (durchs Haus) zu führen." Friedrich Reichert zeigt seinen Gästen die Bildtafeln zu den Zehn Geboten und die Stadtmodelle, routiniert absolviert er die Rundgänge, bis er in der vierten Etage des Stadtmuseums seinen Augen kaum traut - die Vitrine, die den Sophienschatz schützte, war etwas durcheinander. Beim genaueren Hinsehen wurde schnell klar: Die Schlösser wurden geöffnet und es fehlten 57 Teile.

An der Vitrine sicherte die Polizei zwölf Finger- und sieben Faserspuren. 758 Personen hat die Kripo in knapp zwei Wochen nach der Tat ermittelt, vom Museumsmitarbeiter bis zum Kunstsammler. Dr. Sieglinde Richter-Nickel, die ehemalige stellvertretende Museumsdirektorin, gehörte auch zu den Befragten. "'Was hast du gemacht? Wer ist dir begegnet?' Die Fingerabdrücke wurden genommen, um auszuschließen, dass unsere Finger auf der Vitrine zu sehen sind... Bedrückende und belastende Momente." Wahrscheinlich ist der Diebstahl in Auftrag gegeben worden, denn zehn Jahre später tauchte ein Teil des Sophienschatzes via Schweiz in Hamburg auf. Die Spuren führen bis zum Auktionshaus Christie's in London, New York und den Kanalinseln. Die entscheidende Spur aber führte nach Skandinavien.

Viele Teile können zurückgekauft werden, bis auf 17 Schmuckstücke. Darunter eine 1,3 Kilo schwere Goldkette, deren reiner Materialwert wohl dafür gesorgt hat, dass sie schlichtweg eingeschmolzen wurde, damit der Dieb wieder flüssig ist.

Adina Rieckmann hat in den letzten Wochen viele Informationen gesammelt, Polizeiberichte ausgewertet und recherchiert, die Wege und Umwege der Schmuckstücke lassen sich nahezu lückenlos nachvollziehen. Nach Abschluss der Dreharbeiten und den fertigen Film vor Augen bleibt auch bei ihr die Hoffnung, dass die übrigen Teile, sollten sie noch existieren, irgendwann auftauchen. Vielleicht, wenn eine ganz andere Straftat auf- gedeckt wird, dann führt ein Zufall die Ermittler auf die Fährte des Sophienschatzes - eine schöne Vorstellung. Adina Rieckmann lacht noch einmal herzlich auf, rückt wieder ihre Brille zurecht und klappt das kleine abgegriffene Notizbuch zu.

i"Diebstahl vor aller Augen - Der spektakulärste Kunstraub der DDR", die Preview (nicht öffentlich) morgen ab 19 Uhr im Festsaal Stadtmuseum Dresden, am 31.7. um 21.15 Uhr im MDR Fernsehen

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.07.2013

Stephan Wiegand

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