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Der Nationale Wettbewerb beim Filmfest offenbart handwerkliche Qualitäten und verbreitete Drehbuchschwächen

Der Nationale Wettbewerb beim Filmfest offenbart handwerkliche Qualitäten und verbreitete Drehbuchschwächen

Dreißig Angebote hat der Nationale Wettbewerb des 25. Dresdner Kurzfilmfestivals zu bieten und offeriert eine lebendige Szene, die zunehmend von europäischen Einflüssen - sagen wir schlicht: kreativer Unterwanderung - profitiert.

Mindestens neun von 29 Regisseuren des ehemals deutschen Wettbewerbs haben Geburtsorte jenseits der Grenzen. Und auch Frauenquoten sind in der Kreativbranche völlig unnütz - sie sind schlicht gleichwertig. Diese einheimische Internationalität manifestiert sich einerseits in englischsprachigen Filmen mit englischen Untertiteln ("Lucky Seven", Spielort Derry) oder gar in komplett chinesisch anmutenden Filmen ("Mr. Xu", Spielort Peking). Und es gebärt Perlen wie den Trickfilm "Bear me" von Kasia Wilk aus Polen oder den Spielfilm "Domoj" von Simona Feldman, ausgestattet mit jüdischen und ukrainischen Wurzeln, aber inzwischen in Berlin zu Hause und als Einzige mit zwei Filmen im Wettbewerb vertreten. Mit Robert Löbel, der eine witzige, fast vier-minütige "Wind"-Animation schuf, ist auch ein gebürtiger Dresdner gut im Rennen.

Das Programm dominieren Abschlussfilme der bekannten Hochschulen, dem deutschen Film ging es in Breite und Spitze wohl noch nie so gut. Die Kehrseite der Medaille: Es gibt ein Überan-gebot an solide ausgebildeten Filme-machern. Und ebenso, dank des TV-Serienwahns, genug schöne, aber unterbeschäftige Schauspieler, die nicht für den Theaterbühnenalltag taugen. Doch oft mangelt es an Storytelling - viele handwerklich durchaus perfekten Filmen fehlt die bis zum Ende durchdachte Story und damit nachhaltige Wirkungskraft. Bei den Animationen geht der Trend sowieso zum textlosen Musikvideo - sicher ein vorauseilender Einfluss der talentgierigen Werbebranche.

Doch der Aufwand selbst kurzer Filmproduktionen - meist enorm kaschiert durch die Selbstausbeutung im Gusto privater Ideale - sind enorm. Ein gute, fünfminütige Kneteanimation - so wie jene "Im Rahmen" aus Kopf und Händen von Evgenia Gostrer - kann zweieinhalb Jahre dauern, ein viertelstündiger Spielfilm kostet schnell über fünfzigtausend Euro. Der Hauptpreis des sächsischen Kunstministeriums, der mit 20000 zweckgebundenen Euro das Festival zum zehnten Male zum höchstdotierten seiner Art macht, ist daher wirklich gut angelegtes Geld. Es erzeugt auch die Gelassenheit, die ein Künstler für gute Werke braucht. Dies zeigt beeindruckend Vorjahresgewinner Philipp Döring, dessen Namen man sich merken muss. "Kann ja noch kommen" zeigt in einem 15-minütigen Spielfilm die formale Endphase einer Adoption.

Ebenso direkt aus dem Leben: die nordostdeutsche Dreiecksgeschichte "Es geht nichts verloren". Regisseurin Keti Vaitonis, Berlinerin mit litauischen Wurzeln und im Hauptberuf TV-Doku- und Essayfilmerin, macht das textkarge Drehbuch von Produzentin Sabine Bothe zum einem herrlich trostlosen Augenschmaus. Vaitonis und Bothe, beide ganz leicht jenseits des Absolventinnenalters, wagten den Film sogar ganz ohne Förderung, also auf eigene Rechnung. Die Produktionskosten verdreifachten sich auf den Neuwert von zwei kleinen Kleinwagen. Nun läuft der Film (mindestens) vier Mal in Dresden, nächste Woche dreimal bei "Achtung Berlin" und im Juni beim internationalen Filmfestival auf dem Times Square in New York.

Wenig schlimm ist die Beobachtung, dass sich die jungen Hochschulfilmemacher nicht zu Lynch- oder Tarantino-artigen Gewaltorgien berufen fühlen, sondern zumeist humanen Grundgedanken huldigen. Das war vor einigen Jahren noch anders - und wurde auch prämiert. Große aktuelle Politik ist im Jahrgang 2013 eher selten. Vuk Jevremovics geniale und wie gewohnt abstrakte Animation "Toteninsel", in der er - inspiriert von Kafkas "Strafkolonie" und dessen Zeichnungen - eine achtminütige Murnau-Ode schuf, könnte man mit Guantanamo assoziieren. Doch dem Dresdner Stammgast droht - wie auch Olaf Held oder Philipp Döring - das Schicksal der Erfolgreichen: Jurys meiden möglichst Wiederholungen, was gut für den Nachwuchs ist. Politische Brisanz, heruntergebrochen auf persönliche Beziehungen, wagt auch Jens Wischnewski in "Die Welt danach", indem er Anne Ratte-Polle als Lisa vor die Entscheidung stellt, Atommüll oder Ehe zu retten.

Nähme man den bekundeten Beifall als Indikator - wie bei vielen Festival gilt auch in Dresden das Publikum als beste Jury - wären für den Publikumspreis "Wind", "Half you met my Girlfriend" oder "Flucht nach vorn" favorisiert.

@www.filmfest-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.04.2013

Andreas Herrmann

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