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16:01 13.11.2016
Kommissare, die wir lieb(t)en: (v. l. o.) Trimmel (Walter Richter), Schimi (Götz George) Boerne und Thiel (Jan Josef Liefers und Axel Prahl) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg).  Quelle: ARD
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Hannover

 Scheiße. So fing es an. Das war der Moment, diese eine Sekunde, als der „Tatort“ in der Gegenwart ankam. Als Schimi am 28. Juni 1981 kurz nach 20.15 Uhr „Scheiße“ sagte – genauer: „Zottel, du Idiot, hör auf mit der Scheiße!“ –, war Schluss mit den Beamten im Trenchcoat, mit den biederen Halbgöttern in ihren karierten Sakkos, mit den steifen Ermittlungsbürgern, die artig ihrem kriminalistischen Handwerk nachgingen. Da war der „Tatort“ plötzlich angekommen in der Wirklichkeit. Und wurde zu dem, was er bis heute ist: zum Spiegel der deutschen Befindlichkeiten, zum Brennglas, in dem sich Ängste und Sehnsüchte einer vom Verbrechen faszinierten Nation bündeln, die sich Sonntag für Sonntag zur Selbstfindung auf dem Sofa einfindet.

Horst Schimanski, dieser fluchende, hadernde, mies gelaunte Duisburger Bulle, verankerte den Sonntagskrimi im kollektiven Bewusstsein. Weil er keine Geschichten mehr erzählte, sondern vom Leben selbst mit all seinen Schründen und dem ganzen Scheiß. Zum nationalen Heiligtum wurde die Reihe dann, weil die Macher die brillante Idee, den Krimi als regionales Schaufenster mit zahllosen stilistischen Spielarten und Persönlichkeiten unter der Dachmarke „Tatort“ zu nutzen, konsequent durchhielten. Diese doppelte Einzigartigkeit – der Authentizitätsanspruch und die regionalen Ausprägungen – hat dieses seltsame, urdeutsche, ritualisierte Format und seinen Zwilling, den „Polizeiruf“, bis ins 46. Jahr getragen. Die „sexy Mischung“ (Maria Furtwängler) aus Tradition und Experimentierfreude ist einzigartig auf dem globalen Fernsehmarkt.

Es gab kreative Krisen. Es gab gescheiterte Experimente und peinliche Flops. Seit Jahren aber hält der Höhenflug an: 9,5 Millionen Menschen sahen im vergangenen Jahr im Schnitt bei den 40 Erstausstrahlungen zu. Spitzenreiter war der „Tatort: Schwanensee“ aus Münster mit 13,7 Millionen Zuschauern. In Zeiten der TV-Diversifizierung, der Zersplitterung der kulturellen Soziotope, sind kollektive Erlebnisse selten. Der Mord zum Sonntag ist ein gemeinsamer Kult, dessen Konstanz beruhigend wirkt. Es darf gern wehtun, aber bitte nur ein bisschen. Die deutsche Doppelhaushälfte als Zentrum des Verbrechens. Gut jagt Böse. Gut gewinnt. Böse verliert. Nun kann es wieder Montag werden.

Dass das Regionale meist gar nicht wichtig ist, dass Hannover nicht aussieht wie Hannover und Rostock nicht wie Rostock – geschenkt. Es sind dann doch Heimatfilme für ein Land, das sich so gern in seiner vermeintlichen Misere suhlt, das sich wohlig schaudernd seinen eigenen Abgründen nähert, dem Bösen in seiner Mitte – aber dann bitte doch an der Hand erfahrener Fachleute. Was, wenn der Nachbar doch ein Killer ist? Guckt der nicht immer so komisch? Gut zu wissen, dass jemand auf uns aufpasst.

„Taxi nach Leipzig“ heißt nun die Jubiläumsfolge – genau wie die Premiere am 29. November 1970 um 20.20 Uhr mit Walter Richter als Hamburger Ermittler Paul Trimmel. Sie beginnt in Braunschweig, wo Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) bei einer todlangweiligen Tagung über Gewaltprävention dem hungrigen Klaus Borowski (Axel Milberg) das letzte Käsebrötchen vom Büfett klaut. Stattdessen nimmt er einen Keks, dem noch eine wichtige Funktion zukommen wird. Beide landen mit dem nervenden Kollegen Affeld per Zufall im Taxi von Rainald (schön diabolisch: Florian Bartholomäi), der gerade erfahren hat, dass seine Exfreundin Nicki (liebenswert: Luise Heyer) in Leipzig seinen ärgsten Feind heiraten will. Keine gute Idee, diesen Typen zu provozieren. Affeld tut’s trotzdem und bezahlt mit seinem Leben.

Lindholm und Borowski werden zu Geiseln auf der Amokfahrt eines kaputten, zerstörten, hochgefährlichen und hochintelligenten Psychopathen, der seit einem Einsatz als KSK-Elitesoldat in Afghanistan mit seiner traumatisierten Seele kämpft. Was tun mit diesem Teufel auf dem Fahrersitz? Reden? Schweigen? Lügen? Kämpfen? Rainald beginnt ein zynisches Quiz. „Wie heißt die Hauptstadt von Venezuela?“ Wer falsch antwortet, stirbt. Er will nach Leipzig, seine Exfreundin zur Rede stellen.


Im Taxi entspinnt sich ein düsteres, paranoides, hochspannendes Kammerspiel zwischen dem brillanten Sadisten und den vor Angst schwitzenden Kripo-Profis. „Ich kann, wenn ich will, was ich muss“, droht Rainald kalt. Borowski will Empathie aufbauen, Lindholm will provozieren, um Rainald aus seinem Killermodus zu holen. In inneren Monologen, die Rainalds Distanz zur Welt auf das Grausamste enthüllen, reflektieren Täter und Opfer, was ihnen geschieht. Das Taxi wird zum Kerker, zu einem Schreckensort der Ausweglosigkeit. Es ist ein atmosphärisch dichter, dem Genre ganz und gar Ehre machender Gruselkrimi geworden. Weiter von Professor Boerne aus Münster kann ein „Tatort“ kaum entfernt sein. Können die Kommissare Rainald knacken? Und sich retten?

Ein starkes Team: Maria Furtwängler und Axel Milberg. Quelle: dpa

Souverän erledigen Furtwängler und Milberg ihren Job als aus dem Alltag gerissene Helden wider Willen. Sie wissen, was in einem Jubiläums-Doppel-„Tatort“ von ihnen erwartet wird. Das präzise Buch und die kluge Regie – für beides zuständig: Alexander Adolph – helfen ihnen, aus dem 1000. Fall einen komplexen Psychothriller und ein echtes Schmankerl zu machen. „Jubiläen kann etwas furchteinflößend Behäbiges anhaften“, sagt Adolph. Diese Klippe umschifft er mühelos. Ein Zitat von Anton Tschechow habe ihn geleitet: „Leute fahren nicht zum Nordpol. Leute gehen spazieren, streiten mit ihrer Frau und essen Suppe.“ Und so ist das heimliche Hauptthema dieses Films zugleich das Leitmotiv der ganzen „Tatort“-Reihe: Es geht darum, wie das Böse plötzlich und unerwartet ins banale Leben einbricht.

Für Furtwängler macht „die kindliche Spannung zwischen ,Ich würde das gern gucken’ und ,Ich halte das eigentlich gar nicht aus’“ den Reiz der Reihe aus. „Meinen ersten ,Tatort` habe ich zu früh gesehen“, sagt sie. „Wahrscheinlich haben meine älteren Brüder nicht aufgepasst, dass die kleine Schwester da von hinten zusah.“ Ihr Lieblingsermittler: Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp. „Der hatte so etwas tragisch Umwittertes, so eine männliche Melancholie.“

Große „Tatort“-Momente ziehen vorbei. Nastassja Kinski natürlich in Wolfgang Petersens „Reifezeugnis“. Max Ballauf und Freddy Schenk (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär) an ihrer Kölner Wurstbude. Der in die Nacht verschobene, knallharte Abschiedsfilm „Franziska“ mit Tessa Mittelstaedt. Matthias Brandt inmitten der Schuttberge nach dem Terroranschlag im Münchner Tunnel. Der in Kinobildern um sich ballernde Til Schweiger. Helene Fischer als atemlose schwarze Teufelin. Ulrich Tukur in seiner psychedelischen, vom Krebs befeuerten Kopf-Oper in „Im Schmerz geboren“. Mit einer doppeldeutigen Ansprache streift der 1000. „Tatort“ dann am Ende kurz und pathetisch den eigenen Geburtstag. „Sie alle stehen dafür, dass das Gute siegt“, lobt Günter Lamprecht – im ersten „Tatort“ als DDR-Grenzer zu sehen – als Tagungsleiter die Polizisten im Publikum. Und jeder weiß, wer dort eigentlich sitzen müsste. Batic und Leitmayr. Dorn und Lessing. Odenthal und Kopper. Thiel und Boerne. Zollfahnder Kressin. Stoever und Brockmöller. Bienzle. Ehrlicher. Und der große unvergessene Schimanski natürlich. Ach, Schimi.

Von Imre Grimm

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