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Nachrichten Medien Der „Großkritiker“: Joachim Kaiser ist tot
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20:55 11.05.2017
„Die Kunst kann auch sensibel machen“: Joachim Kaisers Stimme galt in Musikerkreisen enorm viel – jetzt ist sie für immer verstummt. Quelle: epd
München

Als Joachim Kaiser 2008 seine Autobiografie veröffentlichte, wählte er ein Selbstzitat als Titel: „Ich bin der letzte Mohikaner“. Damit beschrieb er gewohnt unbescheiden, aber wie so oft auch sehr zutreffend und pointiert seine Rolle im deutschen Kulturbetrieb. Kaiser war der Letzte, auf den das Wort „Großkritiker“ zutraf, ein universell gebildeter, meinungsfreudiger Rezensent, dessen Urteil über Karrieren entscheiden konnte und, so es positiv ausfiel, bis heute gern in Lebensläufen zitiert wird. Noch in der Donnerstag-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“, der Kaiser über mehr als ein halbes Jahrhundert verbunden war, wurde er als leitender Redakteur im Impressum geführt, obwohl er krankheitsbedingt seit Längerem verstummt war. Am Donnerstag ist er im Alter von 88 Jahren in München gestorben.

Vom Wert der Worte

Nach dem Studium bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer machte der 1928 als Sohn eines Landarztes im ostpreußischen Milken geborene Kaiser als Literaturkritiker in der Gruppe 47 auf sich aufmerksam. Er schrieb Literatur- und Theaterkritiken, bevor er sich seinem wichtigsten Betätigungsfeld zuwandte: der Musik. Nach Stationen bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und beim Hessischen Rundfunk kam Kaiser 1959 in die Kulturredaktion der „Süddeutschen“ und leitete dort bald das Feuilleton. 1977 wurde er Professor an der Hochschule für Musik und darstellende Künste in Stuttgart. Seiner Stellung in der Münchener Redaktion tat das aber keinen Abbruch. „Es ist mir eigentlich egal, wer unter mir Feuilleton-Chef ist“, lautet ein typischer Kaiser-Satz dazu.

Mit seinen Kritiken, die ganz überwiegend in München entstanden, wurde Kaiser der wichtigste Chronist des deutschen Musiklebens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit großer Selbstverständlichkeit wendete er sich dabei an ein Publikum, das wusste, wovon er sprach. In Konzerten las er stets in der Partitur mit und fasste seine Besprechungen entsprechend präzise: Kaum eine Kaiser-Kritik kam ohne Taktzahlen aus. Zumindest solche Kritiken, in denen der Künstler sein Sujet ernst zu nehmen schien. Ansonsten griff er auch zu herzhaften Formulierungen: „Es müsste ein Gesetz erlassen werden, das mit härtesten Strafen denjenigen bedroht, der in Klavierabenden Mozart zum Einspielen benutzt. Mehrere Jahre Gefängnis wären dann der Pianistin Maureen Jones sicher, die Mozarts D-Dur-Rondo derb, willkürlich und unter Hinzufügung vieler falscher Töne hinrichtete“, schrieb er etwa über einen Auftritt der englischen Pianistin.

Seine Aufgabe betrieb Kaiser mit fast missionarischem Eifer. Das seiner Meinung nach richtige Verständnis von Musik, Literatur, Kunst und Theater zu vermitteln und zu fördern, sah er als gesellschaftspolitische Aufgabe an: „Die Kunst kann den Horizont erweitern und auch sensibel machen“, sagte er. „ Und man hat dadurch vielleicht auch mehr Fähigkeiten, den Reichtum an Glück und Empfindsamkeiten aufzunehmen.“

„Speere werfen und die Götter ehren“

Im Bestreben, seine Leser und das Publikum in diesem Sinne weiterzubilden und für die Musik zu begeistern, die auch Kaiser zeitlebens entflammte, veröffentlichte er einflussreiche Bücher etwa über Beethovens Klaviersonaten oder wichtige Pianisten. Denen pflegte der Kritiker stets selbstbewusst, aber mit offenen Ohren entgegenzutreten. „Speere werfen und die Götter ehren“ war sein von Schiller und dem Kritiker-Vorbild Alfred Kerr (1867-1948) entlehntes Berufsmotto. Zu den letzten Musikern, die das spüren konnten, zählt der in Hannover ausgebildete Pianist Igor Levit, der gern von seiner Begegnung mit dem greisen Kritikerpapst erzählt: Vor dem Auftritt habe der Levit beschieden, dass er beabsichtige, dessen Konzert in der Pause zu verlassen, weil er ja Brendel, Horowitz, Rubinstein, Gulda und all die großen Pianisten der vergangenen Jahrzehnte gehört habe. Was könne Levit dem schon noch hinzufügen? Dann sei er aber doch bis zum Ende geblieben, um den jungen Musiker anschließend in den höchsten Tönen zu preisen.

Levit war auch einer der Ersten, die den Tod des Kritikers am Donnerstag als „sehr, sehr traurig“ bezeichneten. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb derweil, mit Kaiser verliere die Zeitung eine ihrer prägenden Stimmen und „ein Stück ihrer Geschichte und ihrer Identität“. Das ist richtig und doch viel zu klein: Joachim Kaiser wird künftig nicht nur im Impressum der Zeitung fehlen.

Von RND/Stefan Arndt