Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Medien Alle reißen sich um Daniel Brühl
Nachrichten Medien Alle reißen sich um Daniel Brühl
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:08 22.04.2018
Nervenarzt: Daniel Brühl im Historienfilm „The Alienist“. Quelle: Foto: Netflix
Los Gatos

Es ist die bislang größte Rolle des deutschen Weltbürgers Daniel Brühl auf dem globalen Parkett: Er spielt in einem neuen Netflix-Film einen Nervenarzt, der wegen seiner Suche nach dem entfremdeten Geist Wahnsinniger auf Englisch einst „Alienist“ genannt wurde. Das ist denn auch der Titel der Bestseller-Verfilmung des belgischen Regisseurs Jakob Verbruggen („Black Mirror“). Sie entführt ins Fin de Siècle, das hier ganz unromantisch daherkommt. Die Straßen sind ein Morast, aus dem es stinkt. Statt Recht herrscht Gewalt, statt Ordnung Korruption. Nach dem Leichenfund arbeitet daher nicht die mafiöse Polizei an der Klärung des Mordes, sondern Lazlo Kreizler. „Heute würde man ihn als Kriminalpsychologen bezeichnen“, beschreibt der 39-Jährige seine Rolle.

Bald 25 Jahre nach seinem Karrierestart in der ARD-Telenovela „Verbotene Liebe“, dem 2001 der preisgekrönte Durchbruch als schizophrener Student in „Das weiße Rauschen“ folgte, ist das der nächste Schritt zum Superstar. Dabei war der 39-Jährige – geboren in Barcelona, aufgewachsen in Köln, groß geworden in Berlin – schon mit 22 international tätig. Drei Jahre vor „Good Bye Lenin“ (2003) drehte er fürs Teenagerdrama „Deeply“ an der Seite von Kirsten Dunst auf Englisch. Es folgten Geschichtsepen („Salvador“), Liebeskomödien („2 Tage in Paris“), Actionbombast („The Bourne Ultimatum“), bevor ihn sein Fliegerheld in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ endgültig nach Hollywood katapultierte, wo er mal mehr („Rush“), mal weniger tiefgründiges („Captain America“) Popcorn-Entertainment macht und zuletzt im Politthriller „Colonia Dignidad“ glänzte.

„The Alienist“ bedeutet auch in Bezug auf die Schauspielleistung eine weitere Stufe. Brühls Lazlo Kreizler ist ein zutiefst diffuser, spürbar seelenwunder, äußerst eindringlicher Charakter, dem im Kampf gegen das Böse nur zwei Verbündete beistehen: der Presse-Illustrator John Moore (Luke Evans) und die Polizeisekretärin Sara Howard (Dakota Fanning), deren Boss kein Geringerer als der spätere US-Präsident Theodore Roosevelt ist und schwer am unaufdringlichen Feminismus der Frau im Männerberuf zu tragen hat.

Szene aus „The Alienist“, Quelle: Kata VermesKata Vermes

Je tiefer das Trio nun in den bizarren Fall eines Serienkillers eintaucht und je weniger die Staatsmacht dagegen tut, desto mehr wird besonders Brühls Figur vom Beobachter zum Beteiligten.

„Weil er in seinem Leben viel Schmerz erlitten hat“, meint der Darsteller, „versteht man besser, warum Kreizler so besessen davon ist, den Killer zu finden.“ Diese oft rauschhafte, mitfühlende Verbissenheit spielt Daniel Brühl mit der glaubhaften Arroganz eines Wissenschaftlers, der sich noch vorm Siegeszug von Freuds Psychoanalyse ins Innerste menschlicher Seelen wagt.

Was genau ihn antreibt, bleibt zwar wie bei vielen der Protagonisten knapp unter der Oberfläche; die aber ist von einer Detailverliebtheit, der man gelegentliche Effekthascherei gern nachsieht.

Daniel Brühl in „The Alienist“. Quelle: Kata VermesKata Vermes

Huschende Schatten sind geräuschvoll und Gangsterblicke verschlagen, Tote werden nur nachts exhumiert, wobei es das Tageslicht sowieso nur in die Stadt schafft, wenn es durchs Kellerfenster in die Irrenanstalt dringt, während vor der Tür nicht nur dauermorbide Stimmung, sondern ewig mieses Wetter herrscht.

Gut, das sind nun mal die Regeln des Genres. Und dramaturgisch hat die aufgeblasene Historienästhetik ohnehin Gründe. Im hygienisch-juristisch-sozialen Desaster von „Charité“ über „The Knick“ bis „Babylon Berlin“ darf sich das Publikum anders als bei der vormodernen „Wanderhure“ nämlich seiner eigenen Behaglichkeit versichern. Zugleich jedoch erfährt es mit etwas Grusel, wie dünn der zivilisatorische Firnis sein kann, wenn selbst New York nur 122 Jahre zuvor ein solches Höllenloch war.

Daniel Brühl bewegt sich darin mit einer Souveränität, die nicht nur am beeindruckenden Englisch des Sprachtalents liegt.

Es ist seine Aura zwischen wehrhaft und sensibel, nüchtern und zornig, die der „Einkreisung“, wie der Mix aus „Jack the Ripper“ und „Gangs of New York“ hierzulande heißt, ihren Stempel aufdrückt.

Von Jan Freitag

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Lüneburger „Tatort“-Folge „Alles, was Sie sagen“ nähert sich dem Ideal, von dem die ARD-Chefs träumen. Er wird am Sonntag um 20.15 Uhr gezeigt.

20.04.2018

Der Star aus „Sherlock Holmes“ spielt in der ersten australischen Produktion des Senders mit. Darin nehmen Untote eine große Rolle ein.

20.04.2018

Erst am Donnerstagmorgen hat sich die Plattenfirma BMG hinter ihre Künstler Farid Bang und Kollegah gestellt. Nun wird aber über die „Frankfurter Allgemeine“ bekannt, dass die Bertelsmann-Tochter die Kooperation vorerst gestoppt habe.

19.04.2018