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Medien Cyrano am Laptop: „Monsieur Pierre geht online“
Nachrichten Medien Cyrano am Laptop: „Monsieur Pierre geht online“
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12:09 22.06.2017
Monsieur Pierre blüht sichtlich auf: Er flirtet jetzt digital. Quelle: Tom Trambow
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Hannover

„Ich kann die Dinger nicht leiden“, stöhnt der betagte Monsieur Pierre (Pierre Richard) und schaut verzweifelt auf den silbernen Laptop – der neben Weinglas und Flachmann auf seinem Schreibtisch thront. Dass seine Tochter ihm Alex (Janiss Lespert) auf den Hals gehetzt hat, Freund der Enkelin und erfolgloser Schriftsteller, der ihn mit Computer und Internet vertraut machen soll, begeistert ihn nicht gerade.

Der Alte zeigt null Lust, sich mit modischem Kommunikationskram zu befassen. Bis er auf ein Datingportal stößt und es gar nicht fassen kann, wie viele hübsche, junge Mädchen einen Mann suchen. Plötzlich mag er das verhasste Internet und bezirzt die Damen mit romantischen Worten – so wie einst Cyrano de Bergerac seine Roxane. Er nutzt dafür Alex’ Foto und ist fortan im Netz unter dem Nutzernamen „Pierrot98“ und als Sinologe unterwegs. Das Ziel seiner Sehnsüchte: die attraktive Physiotherapeutin Flora (Fanny Valette). Als diese ihn zu seinem, nun ja, 31. Geburtstag in Brüssel treffen will, muss Alex einspringen. Erst ziert er sich, nimmt aber gegen ein fürstliches Honorar das unmoralische Angebot an.

Erstmals verkörpert Pierre Richard einen Miesmacher und Nörgler, was ihm sichtlich Spaß macht. Die Rolle des unleidlichen Witwers, der nach dem Tod seiner Frau nur noch in Erinnerungen schwelgt und sich auf der Couch von Dosenravioli und angeranztem Frikassee ernährt, hat Stéphane Robelin dem legendären Mimen auf den Leib geschrieben. Mit Yves Roberts Kassenhit „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ startete er in den Siebzigern eine rasante internationale Karriere und gewann – man höre und staune – erst aufgrund des riesigen Erfolges in Deutschland auch in seinem Heimatland an Popularität. Sein Markenzeichen: ungeschickte, unangepasste Charaktere, die in großer Arglosigkeit naiv-tollpatschig ihre Umgebung ins Chaos stürzen.

Für Regisseur Robelin stand er bereits als Jane Fondas Gatte in „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ vor der Kamera, die amüsante Betrachtung einer skurrilen Rentner-WG. Der 82-Jährige, der in den Achtzigerjahren drei Filme mit Gérard Depardieu drehte und wie dieser auch das Leben auf dem eigenen Weingut genießt, verzaubert heute noch mit umwerfendem Charme, wenn er als weißhaariger Monsieur Pierre zuschaut, wie der jüngere Alex im schummerigen Lokal mit dem Objekt der Begierde Chardonnay süffelt. Heftig hadert der Monsieur mit dem Schicksal, als es zwischen den beiden im Restaurant funkt.

Als die Holde den Oldie in seiner Pariser Wohnung besucht, wird’s delikat, zumal die Familie aufkreuzt und befürchtet, der wackere Senior wandele auf Freiersfüßen. Leichtigkeit und Lässigkeit, Witz und Warmherzigkeit, Situationskomik und scharfsinnige Dialoge machen beste Laune, hier regiert kein Haudrauf-Humor, sondern feinsinnige Heiterkeit.

Am Ende möchte man vor Glück die Welt umarmen, wenn der nicht mehr ganz taufrische Galan eine Dame an der Bar siegessicher anflirtet. Und wenn Pierre Richard, der sich im Gespräch selbst als „Träumer“ bezeichnet und bei amourösen Abenteuern eher den „altmodischen und direkten Weg“ vorzieht, fröhlich verkündet, man(n) könne in jedem Alter verführen und den „Kick in der Liebe“ spüren, glaubt man ihm das beim Blick in die strahlend blauen Augen sofort.

„Monsieur Pierre geht online“, Regie: Stéphane Robelin, 99 Minuten, FSK 0

Von Margret Köhler/RND

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