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Medien Charlotte Roche: „Ich will nicht provozieren“
Nachrichten Medien Charlotte Roche: „Ich will nicht provozieren“
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20:00 29.11.2018
Gastgeberin Charlotte Roche (2. v. l.) lädt Robert Stadlober, Tim Wiese, Annalena Baerbock und Christine Neubauer in eine Hütte im Wald bei Hamburg. Quelle: Foto: Daniel Bremehr/NDR

Wie unterscheidet sich für Sie ein Format wie „Die Geschichte eines Abends“, in dem Sie Gastgeber und keine Themen vorgegeben sind, von einer Sendung, die Sie zu einem vorgegebenen Thema moderieren?

Die Sendung ist ein richtiges Psycho-Experiment. Wir haben da viele Stunden zusammen verbracht, gemeinsam gekocht, gegessen, gesoffen, gesungen, Lagerfeuer gemacht. Keiner von den Gästen darf Werbung machen. Die dürfen nicht dieser abgefuckte Profi sein, der in der Talkshow sitzt und Werbung für sein Buch macht. Wie ich das sonst immer mache. Es geht um den echten Menschen hinter dem Profi. Das erfordert richtig viel Mut, ernsthaft über seine Ängste zu sprechen oder über seine verstorbenen Eltern und solche Themen.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Ich habe viel über die Gäste gelesen, aber in der Hoffnung, dass ich das nicht brauche und sich alles spontan ergibt. Das ist wie eine Art Gruppen-Blind-Date. Da kriegt man richtig Zustände zwischendurch, da gibt es Momente, in denen keiner was sagt und alle sich angucken.

Zur Person

Ihre Karriere begann als Viva-Moderatorin: Heute ist Charlotte Roche (40) auch Autorin („Feuchtgebiete“, „Schoßgebete“), Schauspielerin und Hörspielsprecherin. Geboren wurde Roche in England, aufgewachsen ist sie in Deutschland. Die Autorin hat eine Tochter und ist seit 2007 mit Brainpool-Mitbegründer Martin Keß verheiratet. „Die Geschichte eines Abends“ läuft am Sonnabend, 1. Dezember, um 0.15 Uhr.

Das Format soll ganz natürlich sein, dadurch dass keine Themen vorgegeben werden. Geht das überhaupt, wenn überall Kameras stehen, die alles filmen?

Die von der NDR-Redaktion „Die Box“ sind so abgezockte Füchse, die haben sich so viele Gedanken gemacht, dass die Gäste so schnell wie möglich komplett vergessen, dass sie im Fernsehen sind. Die haben ganz kleine Kameras installiert, die man nicht sieht. Beim Essen hat man keinen anderen Menschen gesehen, es war nur unsere Gruppe am Tisch, man kriegt nichts von der Technik mit. Was wirklich den psychologischen Effekt hat, dass die Menschen – in Verbindung mit viel Alkohol – vergessen, dass sie im Fernsehen sind.

Zu Gast hatten Sie Ex-Fußballer Tim Wiese, die Schauspieler Christine Neubauer und Robert Stadlober und Politikerin Annalena Baerbock. Wer von denen hat Sie am meisten überrascht?

Mich hat ganz klar Tim Wiese am meisten überrascht. Der hat dieses Spannungsfeld zwischen einem braun gebrannten, aufgepumpten Muskelmann und dieser zarten, verletzlichen Seite in der Sendung. Das hat mich richtig umgehauen.

Wie zeigt sich denn seine zarte, verletzliche Seite?

Ich will jetzt nicht zu viel verraten, aber sein persönlicher Beitrag zum Thema Tod in der Familie reißt einem wirklich das Herz heraus.

Was machen Sie, wenn Sie einen Gast überhaupt nicht mögen?

Ich versuche erst mal, offen zu sein und allen eine Chance zu geben. Es wäre in so einer Sendung auch erlaubt, Abneigung zu signalisieren. Es gab Momente, in denen ich nicht den ganzen Gast blöd fand, aber in denen ich das Verhalten von manchen Gästen nicht gut fand.

In Ihren Romanen, besonders in „Feuchtgebiete“, provozieren Sie auch viel. Machen Sie das in so einem Gespräch auch gern?

Es gibt einen Unterschied zwischen der schreibenden Charlotte, die in ihrem stillen Kämmerlein so tut, als gäbe es keine anderen Leute und erst recht keine Familie, über die sie Schande bringen kann, und der Charlotte im Gespräch. Wenn ich in einer Gesprächssituation bin, geht es mir erst mal darum – und das ist natürlich auch ein Trick – , eine positive Atmosphäre zu schaffen. Weil sich dann alle am besten öffnen. Da finde ich Provokationen fehl am Platz, weil sich die Gäste dann eher verschließen und sich angeekelt wegdrehen.

Es ist also Taktik, in den Büchern zu provozieren, aber das in realen Gesprächssituationen nicht zu machen?

Meine Bücher provozieren einfach Leute, weil ich knallhart über den Körper schreibe. Ich setze mich nicht hin und denke „Hmm, wie könnte ich jetzt wieder provozieren?“. Es provoziert leider Leute, wenn sie wahrhaftige Sachen lesen. Das tut mir leid, ich will nicht provozieren.

Mit was für einem Verhalten kann man Sie so richtig provozieren?

Es gibt ein großes Lebensthema von mir und das ist eine Sache, mit der ich mich sehr beschäftige und, wie ich finde, auch feministische Sachen schreibe: Ich fühle mich von Sexismus massiv provoziert.

Sie haben gesagt, dass die Menschen sich schnell provoziert fühlen durch die Beschreibung von Körperlichkeit. Jetzt denke ich an das Instagram-Bild, auf dem Sie im Badeanzug zu sehen sind und knapp vor ihrem Intimbereich die roten Haare ihres Hundes. Spielen Sie mit dieser Art der Provokation auch auf Instagram?

Das Bild hat mir einfach super gefallen, mit dem buschigen roten Fell im Vordergrund, das finde ich schon fast kunstig. Ich mache die ganze Zeit Fotos und entscheide mich aus der Stimmung heraus dafür, ob ich das lustig finde oder zum Beispiel sexy. Ich freue mich, wenn ich auch mal ein sexy Bild hinbekommen habe. Das ist gar nicht so leicht. Ich habe auch schon sexy Bilder gemacht, die unfreiwillig komisch waren. Ich möchte gerne so, wie eine Frau einfach ist – mal sexy, mal total ungeschminkt und hässlich, beim Sport, beim Kochen, beim Arbeiten –, alle Facetten zeigen, die ich habe.

Sie sind ja erst seit ein paar Monaten bei Instagram. Warum haben Sie erst jetzt damit angefangen?

Ich bin eher vorsichtig damit, mich selbst mit der öffentlichen Meinung über mich zu konfrontieren. Ich lese nie Artikel über mich, weil ich Angst vor den Kommentaren habe. Ich habe gedacht, Instagram ist so wie Facebook, dass da viele Hasskommentare sind. Aber Freunde haben mir erzählt, dass wenn man was machen kann social-media-mäßig, das Instagram ist – weil da Herzchen verteilt werden und nicht so viele Psychopathen unterwegs sind.

Ab und zu gibt es aber auch da Hasskommentare. Setzen Sie sich damit jetzt auseinander?

Nein. Ich habe rumgefragt in meinem Freundeskreis und der Grundtenor ist, bei positiven Kommentaren freundlich zu antworten und Hasskommentare einfach zu ignorieren. Das fühlt sich für mich richtig an. Im Prinzip wie auf dem Schulhof: Wenn man gemobbt wird, nicht darauf eingehen, dann hört es eher auf, als wenn man die ganze Zeit zeigt, wie verletzt man ist.

In einem Interview mit Stefan Raab haben Sie mal gesagt, dass Sie für Ihr Buch „Schoßgebete“ eine Szene über ein Bordell geschrieben haben, damit Sie die Berechtigung hatten, sich in ein Bordell zu setzen und zu dem Thema zu recherchieren. Machen Sie das häufiger so?

Ja. Es gibt Sachen, die ich mich so nicht trauen würde. Ich bin dann mutiger, wenn ich sagen kann, dass es Recherche fürs Buch ist.

Von RND/Hannah Scheiwe

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