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16:06 16.02.2018
Der Journalist Günter Wallraff Quelle: dpa
Dresden

Günter Wallraff war stets eine umstrittene Person, das ist er bis heute geblieben. Die einen hassten ihn, weil er ihre schmutzigen Geschäfte publik machte, und überzogen ihn dafür mit Anklagen. Die anderen liebten ihn geradezu, weil er mit Geschick und Gespür so viel Ungemach auf sich nahm, um die Dinge aufzudecken. Von Hass und Beliebtheit ist der in Köln lebende Autor des Jahrgangs 1942 noch immer umgeben. Was treibt ihn an, was bekümmert ihn? Darüber gab Günter Wallraff im DNN-Gespräch Auskunft.

Herr Wallraff, Sie kommen als Laudator für Thomas C. Smith, der als Tommie Smith berühmt wurde, nach Dresden - Ihr erstes Treffen mit ihm?

Günter Wallraff: Wir sind uns bisher nie begegnet. Aber ich bin glücklich, dass dies nun in Dresden geschehen wird. Durch diese Laudatio habe ich mich wieder intensiv mit seinem Protest beschäftigt, der weit über normalen Protest hinausging. Es war perfekt vorbereitet, geradezu eine Kunstform, er hat dafür alles riskiert, musste sogar um sein Leben fürchten und ihm war bewusst, dass er danach geächtet und seine Läufer-Karriere beendet sein würde.

Einem solchen Menschen zu begegnen, vor dem ich allergrößten Respekt habe, darauf freue ich mich sehr.

Wann haben Sie von dieser Aktion erfahren und wie hat das auf Sie gewirkt?

Ich war damals ja selbst Leistungssportler und habe natürlich die Olympischen Spiele mit großer Begeisterung verfolgt. Ich muss allerdings gestehen, dass ich die Folgen der Aktion von Tommie Smith damals nicht in dieser Konsequenz und in allen Einzelheiten mitbekam. Warum der Handschuh und nicht nur die Faust? Er wollte nicht in die Verlegenheit kommen, dem IOC-Präsidenten Avery Brundage, der für seine rassistische Haltung „Slavery-Brundage“ genannt worden ist, die Hand reichen zu müssen. Insofern war auch die Reaktion von Brundage typisch, er hat den Protest als „üble Demonstration gegen die amerikanische Flagge durch Neger“ herabgewürdigt und dichtete dem Athleten eine „verzerrte Geisteshaltung“ an. Smith wurde in Schimpf und Schande nach Hause geschickt. Er wurde nie wieder in internationalen Leichtathletikwettkämpfen nominiert, obwohl sein Weltrekord über 200 Meter mehr als zehn Jahre Bestand hatte. Fortan musste er sich mit Hilfsarbeiten durchschlagen, seine Ehe ging unter dem Druck in die Brüche, seine Mutter starb, weil sie die Anfeindungen nicht länger ertrug: Rassisten schickten ihr mit der Post sogar tote Ratten ins Haus.

Damals, bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko, ging es um Smiths Zeichen gegen Rassismus. Heute in Deutschland geht es um Fremdenfeindlichkeit. Ein anderes Wort für dasselbe Symptom?

Dieses Wort ist eine Beschönigung, ein Euphemismus. Überall, wo Menschen ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft und Fremdheit wegen attackiert werden und sogar um ihr Leben fürchten müssen, muss man das offen benennen. Dann gibt es auch die Chance, das zu überwinden und den Hass zu bewältigen.

Der alltägliche Rassismus dagegen schafft es nur selten in die Zeitungen, was nicht bedeutet, dass er allgegenwärtig ist. Er schafft es nicht über die Wahrnehmungsschwelle, er gehört zum Alltag in vielen Regionen dieser Welt. Anders als die öffentlich geäußerten rassistischen Stellungnahmen und Hasstiraden bestimmter AfD-Politiker, die einen Rückfall in finsterste überwunden geglaubte deutsche Zeiten darstellen.

Woher kommt dieser Hass, ausgerechnet in einem Land, in dem es den Menschen so gut geht wie noch nie?

Da würde ich Abstriche machen. Es gibt eine immer größere Zahl von Menschen, die einfach nicht mehr dazugehören und sich abgehängt fühlen durch mangelnde Bildung, prekäre Arbeitssituationen und auch durch ererbte Armut. Die zu Protestwählern werden oder aber dem jeweils Fremdesten ihre Aggressionen aufladen. Dieses Verhalten findet man immer wieder, dass man nicht die für das Dilemma Verantwortlichen belangt, sondern sich an den jeweils Schwächeren abreagiert.

Die Mehrheit der Deutschen sehe ich allerdings offen und Ausländern zugewandt. Denken Sie nur an die vielen freiwilligen Helfer. Das wird in den Medien nicht so berücksichtigt, da sehen wir immer nur die Fratze des ganz schlimmen Deutschlands.

Meinen Sie, diese Probleme können überwunden werden?

Ich bin einerseits Berufsskeptiker, andererseits Zweckoptimist. Sonst könnte ich meine Arbeit gar nicht machen. Ich habe den Eindruck, dass wir ein Aufbegehren wahrnehmen von Leuten, die sich nur noch selbst bestätigen und allzu gern Gerüchten aufsitzen. Dabei kann man sich in Deutschland wirklich hinreichend informieren und könnte sich differenziert austauschen. Wir leben in einer Demokratie, doch es fehlt eine Streitkultur, in der man aufeinander zugeht und sich wieder zuhört, ohne das Gegenüber als Feind zu diffamieren.

Sie reden von Zuversicht, obwohl doch gerade Sie während Ihrer Recherchen zu „Ganz unten“ größte Demütigungen erfahren mussten?

Als türkischer Leiharbeiter „Ali“ habe ich über zwei Jahre lang mit meinen türkischen Kollegen in Deutschland extreme Ausbeutung, Demütigung und Rassismus erlebt und erlitten. Ich bekam Bandscheibenprobleme und meine Bronchien waren geschädigt. Von den ausländischen Kollegen, die diesen Giftstäuben ohne Staubmasken über Jahre ausgesetzt wurden, sind inzwischen viele verstorben, sie wurden nicht älter als 60 Jahre. Um die Gesundheit der deutschen Kollegen zu schonen, wurden die schmutzigsten und schwersten Arbeiten von den Subunternehmern auf uns übertragen. Ich war in einer Sondersituation, denn ich wusste, dass ich meine Erlebnisse als „türkischer Leiharbeiter“ veröffentlichen werde. Als das geschah, musste Thyssen ein Millionenbußgeld zahlen und es gab ganz unmittelbare Verbesserungen für die Betroffenen: Die Leiharbeiter wurden nach Protesten fest eingestellt, es gab fortan keine Dauerschichten mehr, dafür aber Staubmasken, Schutzhelme sowie ein Dutzend neu eingestellter Sicherheitsingenieure.

Wie bewerten Sie den Dresdner Friedenspreis?

Gerade Dresden und in besonderem Maße die Semperoper ist ein Ort, an dem das eine symbolische Bedeutung erfährt. Insofern empfinde ich es als eine Ehre, diesen Athleten für seine symbolträchtige Protestaktion zu würdigen.

Wir leben in einer Welt von Symbolen. Würden Sie die erhobene Faust von Tommie Smith auf eine Stufe stellen mit dem berühmten Kniefall von Willy Brandt in Warschau?

Beide haben mit ihren Gesten etwas auf den Punkt gebracht. Beides hat eine politische Symbolik, eine Eindeutigkeit, und damit wurde viel gewagt und weltweite Aufmerksamkeit erreicht.

Werden Sie das in Ihrer Laudatio thematisieren?

Ich werde sicher den Rassismus in den USA zum Kernthema haben, aber im Moment arbeite ich noch an meinen Thesen. Da geht es auch um Barack Obama, der Tommie Smith mehrfach gewürdigt und ihn auch ins Weiße Haus eingeladen hat, und da geht es um Donald Trump, einen bekennenden Rassisten, wie er im Buche steht, etwa, wenn er z.B. Haiti und afrikanische Länder als „shithole countries“ (also Drecksloch-Länder) herabwürdigt. Ich erlaube mir zudem, auch auf deutsche Verhältnisse zu sprechen zu kommen, das lässt sich sicher nicht vermeiden.

Sie haben den Kriegsdienst an der Waffe verweigert und wurden daraufhin für verrückt erklärt. Heute gibt es privaten Waffenbesitz mehr denn je. Ist das nicht eigentlich verrückt?

Damals war die Bundeswehr noch von alten Nazis durchseucht. Ich habe den Kriegsdienst verweigert, bin aber dennoch eingezogen worden. Zehn Monate lang wurde versucht, meinen Willen zu brechen, um mich zum Töten auszubilden. Eine Waffe nahm ich trotzdem nicht in die Hand. Ich wurde zehn Monate lang schikaniert und habe Tagebuch geführt, das die Zeitschrift „Twen“ veröffentlichen wollte. Die Bundeswehr verlangte, ich solle unterschreiben, jegliche Veröffentlichung zu unterlassen, dann käme ich sofort frei. Als ich das ablehnte, wurde ich in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie des Bundeswehrlazaretts Koblenz eingewiesen, um mich unglaubwürdig zu machen, und dann mit dem Etikett, oder besser gesagt, mit dem Ehrentitel „abnorme Persönlichkeit, für Krieg und Frieden untauglich“ wieder in die Freiheit entlassen.

Die Bundeswehr übrigens hat dieses Stück Vergangenheit heute selbstkritisch aufgearbeitet und zeigt im Militärhistorischen Museum hier in Dresden Neustadt – fast ein „Antikriegsmuseum“ – anhand meines Falles und weiterer Dokumente, wie einfach es damals war, jemanden als „unzurechnungsfähig“ zu deklarieren.

Was den Waffenbesitz heute betrifft, das erleben wir im Extremfall in den USA, wo die Waffenlobby übermächtig ist - die Mordrate und die Zahl der Todesfälle durch Schusswaffen ist extrem hoch, Tendenz immer noch steigend. Man sollte andere Menschen nicht als Feindbild sehen, lieber aufeinander zugehen, Brücken bauen, um sich kennenzulernen. Waffen sind dabei der absolut falsche Weg.

Preisverleihung: Sonntag, 11 Uhr, Semperoper, Restkarten 10 Euro

Von Michael Ernst

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