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Medien Autoren mit Widerspruch zur „Charta 2017“
Nachrichten Medien Autoren mit Widerspruch zur „Charta 2017“
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15:32 06.12.2017
Undine Materni Quelle: privat
Dresden

Es waren Begriffe wie „Gesinnungskorridor“ oder „Gesinnungsdiktatur“ in der so genannten „Charta 2017“, die literaturaffine Dresdner auf den Plan riefen. Mitte Oktober hatte Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz mit dieser Online-Petition gegen den Börsenverein des Deutschen Buchhandels protestiert und ihm als Veranstalter der Frankfurter Buchmesse mindestens eine Mitverantwortung an den tätlichen Übergriffen auf ultrarechte Verlage unterstellt. Die Deklaration als „missliebige Verlage“ mit „nicht gut zu heißendem Gedankengut“ passe nicht zu einer offenen und toleranten Gesellschaft, hieß es in der Charta. Im MDR-Gespräch ging sie noch weiter und bezeichnete beispielsweise die Absetzung des Sieferle-Nachlasses „Finis Germania“ von der Spiegel-Bestenliste als „Moskau 1937, Stalinismus, DDR und Meinungsdiktatur!“

Unter anderem mit diesem Sprachgebrauch setzt sich ein Aufruf auseinander, der gestern über das Dresdner Literaturhaus Villa Augustin veröffentlicht wurde. Entstanden ist er in einem sich spontan formierenden Netzwerk von etwa 25 Autoren, Herausgebern, Literaturveranstaltern, Künstlern und Kulturmanagern, das sich am 7. November erstmals getroffen hatte. Der kurze 21-Zeilen-Text nimmt nicht unmittelbar Bezug auf die „Charta 2017“, setzt sich gleichwohl mit „Diffamierungen“ auseinander und versucht, positive Positionen zu formulieren. Man wolle nicht über jedes hingehaltene Stöckchen springen, hieß es bei den Zusammenkünften des Netzwerks. In einem zweiten Schritt soll sprachanalytische Werkstattarbeit folgen, eine „Dekonstruktion“ auch der in der Charta benutzten Wendungen. 100 Schriftsteller und Kulturleute haben vor der Veröffentlichung unterschrieben. Unter ihnen sind die Büchnerpreisträger Marcel Beyer und Durs Grünbein, Ingo Schulze, Thomas Rosenlöcher, Lutz Rathenow, MDR-Literaturpreisträgerin Undine Materni und weitere Dresdner Autoren wie Jens Wonneberger, Michael Wüstefeld oder Norbert Weiß.

Gewalt als Mittel des Meinungsstreits wird abgelehnt. Aber auch die zunehmend in den Sprachgebrauch einsickernde Gewalt treibt die Erstunterzeichner um. „Gesinnungsdiktatur“ sei eine verbale Entgleisung, heißt es. Meinungsfreiheit bedeute nicht das Recht, sich unwidersprochen zu äußern. „Der Opferhabitus, der durch die Klage über „Gesinnungskorridore’ und Anspielungen auf historische Dissidentenbewegungen eingenommen wird, ist unangemessen und verhöhnt alle jene, die in Geschichte und Gegenwart mit Leib und Leben in Diktaturen für ihre Überzeugungen einstanden und einstehen“, heißt es weiter. In ähnlichem Sinn hatte sich bei den Tschechisch-Deutschen Kulturtagen bereits Jan Sokol geäußert, einer der Erstunterzeichner der „Charta 77“ in der damaligen Tschechoslowakei.

Die Verfasser des Aufrufs werten die Charta aus dem Buchhaus Loschwitz als indirekte Unterstützung der rechten Verlage und von Texten, „die liberale, pluralistische Gesellschaftsentwürfe verachten“. Sie distanzieren sich deshalb von „demokratiefeindlichen, antipluralistischen und rassistischen Ideologien“. Vor allem aber geht es ihnen um Sprache. Der Soziologe Willi Hetze, Vorsitzender des Autorenvereins „Literaturner“ und Verfasser des ersten Entwurfs, beobachtet das Einsickern von rechtem Neusprech schon länger. „Wir führen heute Worte in der öffentlichen Debatte, die vor zehn Jahren undenkbar gewesen wären, weil sie zum einen dem moralischen und ethischen Grundempfinden widersprochen hätten und zum anderen die Realitäten gar nicht abbilden“, sagt er. Andrea O’Brien, Leiterin des Literaturhauses am Albertplatz, stellt seitens der Neuen Rechten einen fortschreitenden Anspruch auf kulturelle Hegemonie fest, eigentlich ein von dem Linken Antonio Gramsci geprägter Begriff. Dieser sei mit einer „perfiden Begriffsumdeutung“ wichtiger historischer und Wertekontexte verbunden. Die Forderung der ehemaligen AfD-Vorsitzenden Frauke Petry, das Adjektiv „völkisch“ neu zu bewerten, ist ein solches Beispiel.

Angesichts solcher Tendenzen wollen nun Willi Hetze und der Arbeitskreis nicht länger schweigen. Schriftsteller Jens Wonneberger spricht von „Nadelstichen“, die vom Buchhaus Loschwitz schon eine Weile ausgingen und denen man begegnen müsse, bevor sie zur Normalität werden. Herausgefordert fühlt sich beispielsweise auch Schauspieler Tom Hantschel von den Landesbühnen Sachsen. Unabhängig von diesem Aufruf plant er bereits ein Sprachprojekt mit Victor Klemperers „LTI“ im Rücken, also der brillanten Analyse des Nazijargons von 1946. Auslöser war für ihn der Ausruf Alexander Gaulands am Wahlabend: „Wir werden sie jagen!“ „Wenn in den Bundestag gewählte Volksvertreter über Sprache anfangen, ihre Gegner zu entmenschen, dann muss man sich äußern“, sagt Hantschel.

Das Netzwerk will aber keinesfalls in der Protesthaltung verharren. Andrea O’Brien möchte einen öffentlichen Diskurs befördern darüber, was Anstand heute bedeutet und wie eine zukunftsfähige Gesellschaft für alle aussehen könnte. Selbstkritik eingeschlossen. In diesem Sinne will Jens Wonneberger schematische Einordnungen möglichst vermeiden und offen bleiben. „Da ist von rechts ein Kommentar gekommen und jetzt kommt von links ein Kommentar – darum geht es überhaupt nicht“, plädiert er eher für den unpolemischen Austausch von Positionen und Gegenpositionen.

www.literaturhaus-dresden.de

Von Michael Bartsch

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