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Medien Als die ARD noch Kontakt zur Jugend hatte
Nachrichten Medien Als die ARD noch Kontakt zur Jugend hatte
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15:33 12.06.2017
Dauergäste bei „Moskito“: Die Ärzte in den Achtzigerjahren mit (v.l.) Bela B. (Dirk Felsenheimer), Farin Urlaub (Jan Vetter) und Sahni (Hans Runge). Quelle: dpa
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Hamburg

„Bloß keinen Grimme-Preis!“ Der Spruch ist scherzhaft gemeint, birgt aber einen wahren Kern: Es gibt eine ziemlich eindrucksvolle Liste von Reihen und Magazinen, die erst mit der begehrtesten deutschen TV-Trophäe geehrt und kurz darauf eingestellt worden sind. Bei „Moskito“ kann es keine direkte Kausalität gegeben haben, denn zwischen der Auszeichnung (1990) und dem Aus (1995) lagen fünf Jahre. Trotzdem passen Preis und Absetzung ins Bild; die Sendung war einfach zu gut fürs Fernsehen.

Tatsächlich ragte das vor dreißig Jahren zunächst im dritten Programm des Senders Freies Berlin gestartete Magazin – Motto: „Nichts sticht besser“ – mit seiner kritischen Haltung und den satirischen Sketchen aus dem Programmalltag heraus. „Moskito“ kam ohne Moderator aus und ließ stattdessen die Zielgruppe zu Wort kommen. Bis 1989 steuerte die Berliner Punkrockband Die Ärzte zu jeder Ausgabe einen eigens komponierten Song bei. Provokation war wichtig, aber nicht um ihrer selbst willen; entscheidender waren die Informationen über Themen, die den Alltag der Zielgruppe prägten.

Sex und Verhütung irritierten die ARD-Gremien

Dabei ging es selbstredend regelmäßig um Aspekte wie Sex und Verhütung, aber auch Politik spielte eine große Rolle. Dass dabei niemand ein Blatt vor den Mund nahm, wird vielen älteren Zuschauern genauso wenig gefallen haben wie manchen konservativen ARD-Gremien. Den Grimme-Preis gab es für eine Ausgabe über Sexualität, weitere Auszeichnungen waren der Prix Jeunesse und der Prix Europa.

Tatsache ist allerdings auch, dass das ab 1990 sonntagnachmittags ausgestrahlte Magazin ab 1992 kontinuierlich Zuschauer verloren hat. Innerhalb von drei Jahren waren die Marktanteile von 12 Prozent auf rund 7,5 Prozent gesunken; und das, obwohl „Moskito“ mittlerweile das letzte Feigenblatt des ersten Programms in Sachen Jugendfernsehen war. Zuletzt liefen die stets monothematischen Sendungen nur noch einmal im Monat; das war schon vor gut zwanzig Jahren der beste Weg, um ein Format zu beerdigen.

„Moskito“ störte den neuen „Programmfluss“

Um zu verstehen, warum das Ableben „Moskitos“ nicht ungewollt war, muss man sich mit Günter Struve beschäftigen. Der frühere Redenschreiber Willy Brandts war seit 1992 Programmdirektor des „Ersten“. Die lange unterschätzten Privatsender RTL und Sat.1 waren mittlerweile zur echten Konkurrenz geworden. RTL warb damals mit dem Slogan, der Sender habe „etwas für das Fernsehen völlig Neues entdeckt. Den Zuschauer.“ Das war zwar gemein, aber auch ein Volltreffer; das Publikum lief ARD und ZDF in Scharen davon.

Struve hatte die Aufgabe, dieser Abstimmung mit der Fernbedienung entgegenzuwirken, und deshalb sorgte er dafür, dass das Sendeschema des „Ersten“ berechenbar und verlässlich wurde. Außerdem sollte sich das Programm an jene richten, die auch die Gebühren zahlten. Sendungen wie „Moskito“ störten den damals gleichfalls vom Privatfernsehen in Deutschland eingeführten „Audience Flow“: Das Publikum sollte gar nicht erst auf die Idee kommen, umzuschalten; deshalb wurde zum Beispiel das Kinderfernsehen erst aufs Wochenende verschoben und schließlich 1997 in einen eigenen Kanal ausgelagert.

Auch „Moskito“ musste weichen, weil die Sendung nicht in die Strategie passte, aus dem „Ersten“ einen stromlinienförmigen Unterhaltungsdampfer zu mache. Anstelle des Jugendmagazins zeigte die ARD Spielfilme. Struve sorgte außerdem dafür, dass viele Informationsangebote von der Hauptsendezeit in den weniger attraktiven späteren Abend verschoben wurden. Ihm schwebte ein Ideal der perfekten Identifizierbarkeit vor: Die Zuschauer sollten an jedem Tag und zu jeder Stunde wissen, was die ARD zu bieten hat. Schaut man sich das heutige Sendeschema (nicht nur) des „Ersten“ an, hat er ganze Arbeit geleistet.

Liebloser Umgang mit der Zielgruppe Kinder und Jugendliche

Bei „Moskito“ aber lagen die Dinge offenbar noch etwas anders. Innerhalb der ARD hieß es damals, Struve habe nie einen Hehl daraus gemacht, das Magazin eliminieren zu wollen; hinter vorgehaltener Hand kursierte das Wort „Programmvernichter“. Gerade die kleinen ARD-Anstalten, zu denen neben dem Saarländischen Rundfunk und Radio Bremen auch der SFB zählte, fühlten sich mehr und mehr geknebelt, weil ihr kreativer Input im „Ersten“ nicht mehr gefragt war. Für die Richtigkeit dieser Vermutung spricht die Ablehnung eines eigentlich sehr vernünftigen Vorschlags von Uwe Rosenbaum: Der allseits geschätzte Leiter der SFB-Hauptabteilung Bildung, Familie und Wissenschaft wollte „Moskito“ in Kooperation mit anderen Anstalten inhaltlich verjüngen, die bis dahin 45 Minuten lange Sendung kürzen und dafür öfter auszustrahlen. Weil die Minisender schon damals chronisch unterfinanziert waren, gab es auch keine Möglichkeit, die Sendung wenigstens fürs „Dritte“ zu retten. Die Berliner sparten durch die Einstellung des Magazins keinen Pfennig, denn das Geld wurde in Kaufproduktionen fürs ARD-Familienprogramm investiert.

Dem „Ersten“ wiederum ging durch die Aktion nicht nur ein weiteres Stück Unverwechselbarkeit verloren. Die Einstellung von „Moskito“ war ein weiterer Beleg für den lieblosen Umgang mit der Zielgruppe Kinder und Jugendliche. Eigenproduzierte Serien, Nachrichten, Reportagen oder Dokumentationen gab es erst Jahre später im Kika wieder, zumindest für Kinder. Die Jugendlichen aber waren für immer verschwunden: erst aus dem Programm, dann Richtung Privatfernsehen und schließlich ins Internet.

Von Tilmann P. Gangloff/RND

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