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Medien „Aktenzeichen XY ungelöst“ feiert 50. Geburtstag
Nachrichten Medien „Aktenzeichen XY ungelöst“ feiert 50. Geburtstag
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10:23 18.10.2017
Fälschte sein Diplom als Bauingenieur: Eduard Zimmermann war der erste Moderator der Sendung „Aktenzeichen XY“. Quelle: Fotos: ZDF
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Berlin

Es gibt Figuren aus grauer Röhrenvorzeit, die selbst in der bunten Flatscreen-Gegenwart noch Begriffe sind. Der betuliche Holländer Lou van Burg beim „Goldenen Schuss“ zum Beispiel, der herrische Altnazi Werner Höfer im Frühschoppen-Dunst internationaler Journalisten, der professorale Robert Lembke vorm klimpernden Schweinderl. Und natürlich Eduard Zimmermann – das Telefon Marke W48 aus Bakelit zur Rechten, ein rundes Sperrholzschild mit „Aktenzeichen XY ungelöst“ im Rücken, die Kamera fest im Blick. So ging er seiner Passion oder eher Obsession nach: fernsehöffentlich Kriminelle zu jagen.

Edouard Zimmermann. Quelle: Renate Schäfer

Am 20. Oktober 1967 spannte der stocksteife Moderator sein Publikum erstmals arglos lächelnd in die interaktive Polizeiarbeit ein. Auch die andere Seite kannte der Mann mit dem Spitznamen „Ganoven-Ede“ bereits: In der Nachkriegszeit schlug er sich als Dieb und Schwarzhändler durch und schrieb sich auch sein Diplom zum Bauingenieur selbst, wie er in seiner Biografie gestand. In der Sendung „Vorsicht, Falle!“ hatte er bereits zum Halali auf „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ geblasen. Bei „XY“ aber waren die wirklich schweren Jungs dran: Totschläger, Kindesentführer und Raubmörder. „Den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung einzusetzen“, sagte Zimmermann zur Premiere im ZDF, „ist der Sinn unserer neuen Sendereihe.“ Und zwar ein überaus erfolgreicher.

Denn Deutschlands ältestes Realityformat gibt es noch immer. Gut, die Telefone darin sind nicht mehr klobig schwarz, sondern flach und mobil. Statt Holzschildern gibt es Monitorwände. Und der Kamerablick von Eduard Zimmermanns „Enkel“ Rudi Cerne wirkt lockerer als beim Urvater der Wirklichkeit nach Noten. Stilistisch hat sich zum 50. Geburtstag also vieles geändert. In den nachgestellten Kriminalfällen sind längst Profis statt der früheren Laiendarsteller am Werk. Inhaltlich aber ist der modernisierte Dauerbrenner ziemlich nah dran am analogen Original.

Seit 2002 moderiert Rudi Cerne „Aktenzeichen XY ungelöst“. Quelle: Nadine Rupp

Noch immer nämlich wird die Welt da draußen in drei, vier Crime-Clips als Ort stetigen Grauens gezeichnet. Wer die 523 Sendungen fürs statistische Mittel hält, könnte den Eindruck gewinnen, eines der friedlichsten Länder dieses zusehends zerrütteten Planeten werde vom Verbrechen regiert wie Al Capones Chicago: überall Banditen, zum Äußersten bereit, gern mit finsterem Blick. Die Zahl der Kapitalverbrechen mag seit Jahrzehnten abnehmen, doch „XY“ malt weiter am Zerrbild dauernder Gefahr für Leib und Leben, vornehmlich bei Frau und Kind.

Dass die Menschen gern mal stark überschätzen, wie sehr typische „XY“-Delikte zugenommen haben, hat aus Sicht des Kriminologen Christian Pfeiffer seine Ursachen auch in deren „Überpräsenz am Bildschirm“. Getötet wird ja nicht nur alle vier, fünf Wochen beim ZDF, sondern in praktisch jedem der Abertausend Krimis pro Jahr.

Sendung lockt Millionenpublikum vor die Fernseher

So weit die Rückseite der Medaille. Ihre Frontalansicht kann sich indes sehen lassen. Die Sendung lockt nicht nur Monat für Monat ein Millionenpublikum an. Sie ist auch aus kriminologischer Sicht ein Erfolg: 1853 der 4486 vorgestellten Straftaten wurden aufgeklärt, wie sich der Sender in einer Hochglanzbroschüre brüstet. Der scheidende Bundesinnenminister Thomas de Maizière, qua Amt Schirmherr des „XY-Preises“, wünscht dem Format daher im Grußwort „weiterhin viel Erfolg im Kampf gegen das Verbrechen“. Schon weil sie, fügt BKA-Chef Holger Münch an gleicher Stelle hinzu, „fester Bestandteil der Öffentlichkeitsfahndung der deutschen Polizei“ sei. Gut 2300 festgenommene Täter sprechen da für sich.

Welche Mischung aus Misstrauen, Argwohn und Denunziation Eduard Zimmermanns Erfindung in fünf Jahrzehnten nach sich gezogen hat, was solch eine Sendung also in den Köpfen der Betrachter auslöst – all dies wäre trotz der unbestreitbaren Aufklärungseffekte mal Stoff genug für eine Dokumentation ganz ohne Lobeshymne. Der Moderator Rudi Cerne hat selbst Erfahrung damit, unschuldig unter Verdacht zu stehen: Er wurde 1978 mit einem RAF-Terroristen verwechselt.

Von Jan Freitag

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