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Medien Adidas gegen Puma: Ein Bruderzwist als episches ARD-Drama
Nachrichten Medien Adidas gegen Puma: Ein Bruderzwist als episches ARD-Drama
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16:11 12.04.2017
Der Meister und der Motivator: Noch sind die Dassler-Brüder Adi (Christian Friedel, l.) und Rudi (Hanno Koffler) ein Herz und eine Seele. Quelle: Foto: ARD
Herzogenaurach

Acht Paar Schuhe besitzt der deutsche Mann im Schnitt, bei Frauen sind es 14. Die Zurückhaltung der Kerle hat weniger mit Desinteresse zu tun als mit Kauf- und Putzfaulheit („Die sind doch noch gut!“). Das lästige Klischee, wonach sich Frauen exzessiv für Schuhe interessieren und Männer überhaupt nicht, ist ja außerhalb von Mario-Barth-Shows längst oll und widerlegt. Wer je beobachtete, mit welcher Liebe und Sorgfalt sich nigerianische Stürmerhoffnungen ihre papageienbunten Nike-Fußballschuhe zubanden, wer je die Instagram-Fotos von milchbärtigen Minimachos mit nagelneuen Sneakers sah, der weiß: Auch für Männer können Schuhe existenzielle Bedeutung haben.

Der Ursprung dieses Kultes liegt in der fränkischen Provinz, wo Rudolf „Rudi“ Dassler vor knapp 100 Jahren mit seinem introvertierten Schuhmacherbruder Adolf „AdiDassler in Vaters Flickschusterwerkstatt Sportschuhe zusammennähte. Es hat Gründe, dass diese Geschichte so gern erzählt wird, auch im Fernsehen, zuletzt vor genau einem Jahr an Karfreitag 2016 bei RTL. Denn es geht ja gar nicht um Schuhe im Dassler-Drama. Es geht um Zuversicht und Unternehmergeist, um einen biblischen Bruderzwist, um Rivalität als Motor für den Welterfolg, um Liebe, Eitelkeit, Eifersucht, Besessenheit und Geld. Es geht um die Geburt des Milliardenmarktes Sport, der sich als universales Ideal von Fairness und edlem Wettstreit so wunderbar ertragreich vermarkten lässt. Es ist eine süffige und noch dazu wahre Nachkriegssaga, bei der eben nicht deutsche Waffen, sondern deutsche Ideen die Welt erobern.

Adi, der Meister, und Rudi, der Motivator

Adi und Rudi. Der Forscher und der Verführer. Der Meister und der Motivator. Der ARD-Zweiteiler „Die Dasslers“ müht sich gar nicht erst, dem sporthistorischen Stoff neue Erkenntnisse abzupressen. In schwelgerischen, sepiagetränkten Bildern erzählt das Regie-Duo Cyrill Boss und Philipp Stennert von den Ursprüngen der Weltkonzerne Adidas und Puma. Für die Hauptrollen entschied man sich für Darsteller aus der zweiten Reihe: Christian Friedel spielt Adi Dassler mit subtiler Zerrissenheit als schüchternen Tüftler, Hanno Kofflers Rudi Dassler ist dagegen ein draufhgängerischer, munterer, mitunter etwas unterkomplex gezeichneter Zweckoptimist. Die Nebenrollen sind prominenter besetzt: Joachim Król ist als Vater Dassler ein Schuhmacher wie aus einem Grimmschen Märchenbuch, Johanna Gastorf spielt die stolze Mutter, Christoph Maria Herbst den schnauzbärtigen, ganz und gar „Stromberg“-freien Olympiatrainer Josef Waitzer und Alina Levshin Adis ehrgeizige Ehefrau Käthe, die sich schnell in die Belange der Firma einmischt, während Rudis Gattin Friedl (ganz stark: Hannah Herzsprung) als gutes Gewissen der Familie frustriert Kartoffeln schält.

Dem Autoren Christoph Silber gelingt es, das Zerbrechen der Familie behutsam in den zeitgeschichtlichen Rahmen einzuflechten. Die Erzählart freilich bricht an keiner Stelle mit den Erwartungen. Da wird erst mal im pittoresken Kämmerlein gemütlich Suppe gegessen. Der Vater haut mal auf den Tisch. Kurzbehoste Dorfjungs rennen hinter Autos her. Feiste Gernegroße paffen Zigarren. Und nach dem Sex sitzt man mit hängenden Hosenträgern im weißen Feinrippunterhemd auf der Bettkante. So sehen die Dreißigerjahre im Fernsehen immer aus. Es ist ein Epos, das ein bisschen zu sehr Epos sein will – unterhaltsam und reich bebildert, aber überraschungsfrei. Und selbst Herzsprung, die mit einem einzigen Blick alle an die Wand spielt, gelingt es nicht in jeder Szene, den teils allzu hölzernen Dialogen Leben einzuhauchen („Ich bin auf dem Weg zu meiner Tante, sie lebt allein, und da besuche ich sie, so oft ich kann“ – spricht jemand so?).

„Er braucht keinen Bruder. Er braucht einen Arzt.“

Doch dann, als das Böse hereindrängt, als sich die Dasslers mit den Nazis arrangieren müssen, der Krieg naht und die Brüche in der Familie zu schmerzen beginnen, gewinnt das hübsche Gemälde an Tiefe. Und nähert sich endlich der Frage, was das eigentlich ist: dieses unsichtbare Band, das Brüder verbindet, selbst nach Jahrzehnten des Schweigens. Da steht der gealterte Rudi – ganz stark: die Arbeit der Maskenbildner unter Birger Laube – in den Siebzigern an einem See, die Firma ist längst aufgespalten, als sich von Ferne ein älterer Mann nähert. Bruder Adi? Nein, ein Unbekannter. Ein Zucken des Mundwinkels verrät seine Enttäuschung. 1974 liegt Rudi im Sterben, er hat eine Lungenblutung, aber Adi bleibt hart: „Er braucht keinen Bruder. Er braucht einen Arzt.“ Die Söhne erben dann den Zwist ihrer Väter: Horst (Oliver Konietzny) und Armin (Rafael Gareisen) formen Adidas und Puma zu Weltmarken.

Opulentes Osterfernsehen ist dieser 180-Minuten-Bilderbogen allemal. Am Ende freilich kann auch er nicht final erklären, was Rudi zum Getriebenen und Adi zum Pedanten machte. Ob es der Liebe oder des Geldes wegen zum Bruch der Brüder kam. Und warum Rudis Firma eigentlich Puma hieß und nicht Rudidas. Aber das ist ein anderes Paar Schuhe.

Geld, Sport, Macht: Adidas und Puma

1920 fertigte Adi Dassler im Schuhmacherbetrieb seines Vaters in Herzogenaurach seinen ersten Sportschuh, 1922 stieß Bruder Rudolf dazu. 1924 gründen beide die Firma „Gebrüder Dassler Schuhfabrik“ und statten bei Olympia 1928 deutsche Sportler aus. 1936 bei den Sommerspielen von Berlin gewinnt der schwarze US-Sportler Jesse Owens vier Goldmedaillen in Dassler-Schuhen. 1943 wird die Schuhproduktion gestoppt, die Fabrik stellt stattdessen die Abwehrwaffe „Panzerschreck“ her. Nach dem Krieg werden beide Brüder als Nazi-Mitläufer eingestuft. 1948 wird die Firma nach langem Zwist aufgeteilt. Rudolf gründet Puma, Adi trägt die drei Streifen als Adidas-Markenzeichen ein und feiert seinen Durchbruch 1954 beim „Wunder von Bern“ – obwohl Bundestrainer Sepp Herberger auch mit Puma verhandelt hatte. Rudi stirbt 1974, Adi vier Jahre später. Heute sind die beiden Konzerne nicht mehr in Familienbesitz. Adidas ist nach Nike der zweitgrößte Sportkonzern der Welt, Puma der fünftgrößte.

Von Imre Grimm

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