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Zwiespältige Solidarität - Der Soziologe Heinz Bude eröffnete die "Dresdner Reden" 2015 im Schauspielhaus

Zwiespältige Solidarität - Der Soziologe Heinz Bude eröffnete die "Dresdner Reden" 2015 im Schauspielhaus

Als bei den islamismuskritischen Demonstrationen von Pegida in Dresden der Ruf erscholl "Wir sind das Volk!", erschauerte auch Heinz Bude. Nicht weil er den heiligen Slogan des Herbstes 1989 missbraucht sah.

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Heinz Bude

Quelle: Uwe Zucchi, dpa

Sondern weil der Satz in seinen Ohren so einfach und verloren klang, dass es auch ihm eine Gänsehaut über den Rücken trieb. Denn, so konstatierte der 60 Jahre alte, aus Wuppertal stammende Soziologe bei seiner "Dresdner Rede" im Schauspielhaus: "Ostdeutschland gibt es nicht mehr."

Das hatten er und seine Kollegen spätestens 2010 begriffen, nach einer dreijährigen Studie in Wittenberge. In jenem 33 000-Einwohner-Ort in Brandenburg, wo Anfang der 1990er Jahre mit dem Nähmaschinenwerk die Arbeitsstellen für rund 8000 Menschen schlagartig wegfielen. Die Soziologen registrierten dort einen gewachsenen Gegensatz zwischen denen, die es irgendwie geschafft hatten, denen es einigermaßen gut ging, und denen, die es nicht geschafft hatten, sich ignoriert, übergangen fühlten. Die einen wollten mit den anderen nichts mehr zu tun haben.

Also hörte er aus dieser Behauptung der Dresdner Demonstranten, sie seien das Volk, auch eine "endlose Sehnsucht" heraus, in der die Klage darüber steckt, warum ihre Bereitschaft, etwas zu leisten, nicht abgerufen wurde. Noch einmal sollte die alte Formel aufgerufen werden, ehe der Zusammenhalt völlig verschwinden würde. Freilich, konstatiert Bude, die Zeit von Pegida sei vorbei. "Die haben sich zerbröselt. Das wird bald Geschichte sein, eine Episode."

Aber was wird dann mit denen, die gerufen hatten, das Volk zu sein? Einige dürften künftig NPD wählen, andere AfD. Die allermeisten jedoch, so seine Vermutung, werden ins Lager der Nichtwähler zurücksinken. "Und sie werden es tun in dem Gefühl eines verbitterten Verstummens. Und sie werden im Internet recherchieren und böse Mails schreiben, böse Seiten aufmachen und werden versuchen, da ihr Verstummen zu pflegen."

Zeige sich "das Volk" also nur manchmal und löse sich dann wieder in die Vielheit der Leute auf? Die zentrale Frage von Heinz Budes Rede lautete: "Gibt es keinen Kitt mehr in unserer Gesellschaft?" Noch bis 1989 konnte im Osten wie im Westen Deutschlands dafür die "kollektive Kriegsfolgenbetroffenheit" herhalten. Dann rutschte Deutschland wirtschaftlich ab. Bis Gerhard Schröder (SPD) mit seiner Agenda 2010 kam und die neue Parole von der Steigerung der internationalen Konkurrenzfähigkeit ausrief. So stand Deutschland nach der Finanzkrise von 2008 als großer Gewinner da.

Aber die andere Seite seien eben jene, die nicht so gut mitkamen. Und ein nicht unbeträchtlicher Teil - etwa 30 Prozent, ermittelten sie 2011 in einer Studie - neige zu islamfeindlichen Ansichten. Seien es die "Selbstgerechten" mit mittlerer Bildung, seien es die "Übergangenen", die als "Dienstleistungsproletariat" ohne Aufstiegschancen die Konkurrenz der Einwanderer fürchten, oder seien es die Hochgebildeten mit Auto und Immobilie, die sagen: "Jetzt reicht's!"

Kann all diesen wachsenden Gegensätzen und Spannungen in der Gesellschaft, der Angst, sozial abzurutschen, etwas entgegengesetzt werden?, fragte sich Heinz Bude und antwortete: "Es gibt einen ganz alten, ehrwürdigen Begriff gegen die Angst vor der Mindereinschätzung: Solidarität."

Die hat für ihn jedoch zwei gegensätzliche Seiten: Wechselseitige Hilfe sei zwar eine aus dem Herzen kommende endlose Quelle des Zusammenhalts. Aber sie schließe andere aus, auf die sich diese Großzügigkeit nicht erstreckt. Zudem sei sie immer "eigentümlich regelfremd und wenig auf Dauer gestellt". Doch Solidarität verkörpert für Bude den entscheidenden Satz gegen die Angst: "Du bist nicht allein."

Diese Idee der sozialen Schicksalhaftigkeit müsse auch ihren öffentlichen Ausdruck finden. Bei Politikern, die eine überzeugende Alltagsmoral vertreten. Die einzige Art und Weise, das eigene Ungenügen auszuhalten formulierte Heinz Bude in einem Satz des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt: "Wir dürfen Angst haben. Das Allerschlimmste ist die Angst vor der Angst."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.02.2015

Tomas Gärtner

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