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Regional Zwei gelungene Musikdokumentationen starten in Dresdner Kinos
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22:00 06.09.2017
Stephan Plank (r.), der Sohn des legendären Musikproduzenten Conny Plank, bei Dreharbeiten zu „The Potential Of Noise“ mit Musiker David Stewart von Eurythmics. Quelle: Salzgeber & Co.
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Dresden

Der große Saal im Deutschen Hygiene-Museum war der beste mit Zwischengröße, den Dresden zu DDR-Zeiten besaß. Wo der Kulturpalast oft nur zu kalt und zu breit war, letztlich ja auch in der Akustik, konnte man im „Hyg-Mus“ eigentlich sehr ordentlich Musik hören. Sogar Rock und Jazz. In beiden Gattungen gab es über viele Jahre hinweg Anrechtsreihen, in beiden auch – seltene – Sonderkonzerte mit internationalen Spitzenkünstlern. Jazzjünger rollen sich heute noch begeistert aus, kommt die Rede auf Lionel Hampton, doch auch Electronics-Anhänger haben ihren auf ewig andauernden Höhepunkt.

In der Nacht zum 26. November 1983 begab es sich, dass jugendliche Helfer gemeinsam mit professionellen Roadies stundenlang hunderte geheimnisvoll leichte Aluständer und -Stangen, Kisten und ewige Meter Kabel aus einem Truck mit Westberliner Kennzeichen durch die riesigen Fenster des Foyers auf die Bühne gehievt haben. Am Abend spielten dann Tangerine Dream, Edgar Froeses Pioniere. Knapp 1100 Menschen passten damals in den Kongress-Saal. Ausverkauft, logisch! Jene, die sich offiziell Karten besorgen mussten, hatten zuvor eine sehr kalte Nacht an der Vorverkaufskasse zugebracht.

Tangerine Dream, dereinst in der Besetzung Edgar Froese, Chris Franke, Johannes Schmoelling, waren zum zweiten Mal in der DDR. Bei Amiga war 1981 eine Langspielplatte mit dem Live-Mitschnitt ihres zweigeteilten DDR-Debüts vom Januar 1980 in Berlin erschienen. Jugendradio DT 64 hatte längst in Spezialsendungen Tangerine Dream und die anderen eher unverfänglichen und unbedenklichen, weil textlosen West-Electronics gefördert. Kein Wunder also, dass später auch zwei andere wesentliche Künstler live in Dresden aufgetreten sind: Klaus Schulze und Bernd Kistenmacher. Kein Wunder auch, dass es auch in der DDR eigene, verspätete Elektroniker gab: Pond, Hans-Hasso Stamer, Lacky Lakomy. Letzterer ist jetzt kurz im Film zu sehen, denn dieser Tage kommt die Dokumentation „Tangerine Dream – Revolution Of Sound“ ins Kino.

Lakomy und Froese haben Kontakt gehalten, letztlich hat Lacky Tangerine Dream zu tausenden DDR-Fans elektronischer Klänge gebracht. In Margarete Kreuzers Dokumentation kann dieser Fakt jedoch nur eine Randnotiz sein. Denn Egdar Froese und Tangerine Dream muss man zwangsweise größer denken – musikgeschichtlich eher global, in Platten meilensteinig, als Referenz, Einfluss und Wirkung essenziell.

Edgar Froese ist im Januar 2015 gestorben. Der Film war noch im Entstehen. 48 Jahre Bandgeschichte sind nicht aus Pappe, vor allem nicht, wenn man dem für Künstler-Dokus angestammten Konzept folgt, alle wichtigen Stationen zu berühren, persönlich zu sein und informativ zugleich, Archive zu plündern, Zeitzeugen zu treffen. Da in den direkten Gesprächen zwischen der Regisseurin und Froese dessen Krankheit schon nagte, entschied sie sich für einen gewagtes, aber am Ende dankbares Stilmittel: Gelesener O-Ton ohne Bild. Margarete Kreuzer: „Der Film soll eine Hommage an ihn sein und aus seiner Perspektive erzählt werden. Deshalb entschied ich mich für eine fiktive Stimme im Film. Ihr Text besteht zum einen aus Zitaten aus der bisher noch nicht veröffentlichten Autobiografie, aus Interview-Auszügen und Aussagen, die Froese in gemeinsamen Gesprächen machte. Ich suchte eine Stimme für Edgar Froese und konnte Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten gewinnen, der Edgar Froese sehr gut kannte. Ein Auftritt von Tangerine Dream war Alexanders erstes Konzert gewesen, das er mit seinem Vater besuchte.“

„Tangerine Dream – Revolution Of Sound“ ist ein dicht gewebtes Fleißwerk. Froeses Familie, Freunde, Musiker geben Statements und Einblicke, darunter Jean Michel Jarre und Brian May, Filmer wie Michael Mann. Man hat den Eindruck, dass nicht viel fehlt.

Das ist auch in einer zweiten Künstlerbiografie so, die im September in die Kinos kommt. Sofort fallen Parallelen auf, zunächst bei den Porträtierten selbst: Wie Edgar Froese war auch Conny Plank (1940 bis 1987) einer, der groß dachte und arbeitete, international immense Anerkennung bekam, der die Stellung Europas in der Populär-Musik-Entwicklung stärken wollte, zum Teil wahnwitzige Visionen hatte, ein grandioses Ohr und Geld bestenfalls als „durchlaufenden Posten“ begriff. Plank war Toningenieur und Produzent, ein Klangästhet, der präzise um den „heißen Punkt“ eines Liedes wusste, vom eigenen Studio im Kölner Umland aus Signale in die Welt sendete. Platten von D.A.F, Scorpions, Eurythmics, Ultravox, Devo, Humpe & Humpe, Whodini, Gianna Nannini, Brian Eno, Underworld tragen seine Handschrift, deutsche Bands wie Neu!, Kraftwerk und Cluster bekamen Planks deutlichen Einfluss zu spüren, ein bald verehrtes Indie-Label wie Mute heimste durch Conny Plank frühen Glanz ein.

Parallelen zwischen beiden Filmen sind auch in der Machart klar zu erkennen. Private und öffentliche Archive wurden geöffnet, Männer und Frauen, die Plank traf, mit denen er arbeitete und lebte, erzählen von und über ihn, darunter auch der erst am Dienstag tot aufgefundene Can-Bassist Holger Czukay. Conny Plank selbst ist dabei (sehr schön beispielsweise, als er beantwortet, weshalb er die Arbeit mit Bono und U2 abgelehnt hat: „Welches Bewusstsein muss ich da übertragen?“).

Großartig ist jener eingefangene Zeit-Moment, als gezeigt wird, wie Plank sich selbst half, um die damals noch nicht speicherbaren Einstellungen am Mixer für den nächsten Tag zu retten: Er fotografierte die Regler einfach per Polaroid ab.

„Conny Plank – The Potential Of Noise“ ist vor allem ein persönlicher Film geworden. Planks Sohn Stephan, der 13 war, als Vater starb und der all die gastierenden Künstler dereinst als Teil der Familie betrachten musste, geht nach drei Jahrzehnten auf Spurensuche. Er ringt mit Nähe zu Conny, der damals nicht nah genug war für ihn. Er fährt und fliegt zu Menschen, die Conny Plank geehrt haben und geliebt. Zwangsläufig fällt dieser Film also im Ton intimer aus, duselig im Gefühl wird er deshalb noch lange nicht. Dafür war Planks vergleichsweise kurzes Leben in der Leistung einfach zu innovativ, war Wolperath nahe Köln einfach zu sehr Welt.

Sicher ist es auch Frank Griebes Kameraführung, die für „Conny Plank – The Potential Of Noise“ auf eigenes Potenzial verweist. Wer wüsste nicht, dass eine zu dichte private Ebene des Regisseurs zum Protagonisten schnell aufdringlich werden kann.

„Tangerine Dream - Revolution Of Sound“ läuft in dieser Woche im Thalia und im Kino im Dach
„Conny Plank – The Potential Of Noise“ startet am 28. September im Kino im Dach

Von Andreas Körner

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