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Zwei Harnische ganz aus Silber locken im Dresdner Residenzschloss

Eine Art „Mona Lisa“ Zwei Harnische ganz aus Silber locken im Dresdner Residenzschloss

Mit dem Silberwaffensaal wird im Rahmen der Museumsnacht am 16. September im teilrekonstruierten, sogenannten Rotseidenen Zimmer des Dresdner Residenzschlosses eine weitere neue Dauerausstellung der Rüstkammer eröffnet. Zu sehen sind Rüstungen und Waffen.

In der Vitrine Teile einer Rapier-Dolch-Garnitur aus massiv Silber, ca. 1600, von der Dresdner Goldschmiede Wendel unter der Linden geschaffen.
 

Quelle: epd

Dresden.  Silbergerät war immer Objekt der Begierde, und was aus den alten Zeiten überlebte, ist vielleicht nur ein Tausendstel dessen, was es einmal gab. Obwohl Deutschland im 16. Jahrhundert von Bauernkrieg und Religionskämpfen erschüttert wurde und im 17. Jahrhundert der Dreißigjährige Krieg ein Leichentuch über die Kultur der Renaissance warf, hat sich doch vom deutschen Silber der Frühzeit weit mehr erhalten als in Großbritannien und Frankreich. Während aber London und Paris die Achsen waren, um die sich alles drehte, eingeschlossen Stil, Markt und Aufsicht aller Goldschmiedearbeit, gab es in Deutschland vieler Herren Silber.

Am Anfang standen Nürnberg und Straßburg. Dann stieg infolge der Reformation Augsburg auf als Gold- und Silberzentrum. Unter den reichen Hansestädten zählten Hamburg, Lübeck, Danzig und Königsberg. Und es lebten natürlich nicht zu knapp auch Goldschmiede in Städten, die Residenzfunktion hatten: Wien, München, Braunschweig. Und dann war da natürlich der Hof der Wettiner in Dresden, die dank der Silbervorkommen im Erzgebirge wie auch dem Gewerbefleiß der Sachsen über reichlich finanzielle Mittel verfügten und diesen Reichtum auch in aller Öffentlichkeit zur Schau zu stellen gedachten. Noblesse oblige. Adel verpflichtet. Niemand von blauem Geblüt hatte damals die Absicht, sein Licht in Gestalt pekuniären Reichtums unter den Scheffel zu stellen.

Und deshalb ließ Kurfürst Christian I. anlässlich der Taufe des holden Töchterleins Dorothea im Januar 1591 zwei Fußturnierharnische anfertigen, die es in sich hatten. Jeder wog 11,7 Kilogramm, der Helm allein nochmal 2,6 Kilogramm. Längere Zeit zu tragen waren diese Schwergewichte nur mit durchtrainierter Nacken- und Rückenmuskulatur. Der Grund: Die Harnische bestanden aus reinem Silber und waren reich verziert. Die Hauptmotive bilden antike Heldendarstellungen an der Harnischbrust: der Opfertod des Marcus Curtius sowie Horatius Cocles auf der Tiberbrücke in Rom. Flächenübergreifend sind Waffentrophäen, Blattwerk und orientalisierende Blüten eingebracht.

Laut dem Rüstkammerinventar waren die silbernen Harnische und Rossstirne für den Kurfürsten selbst und für Fürst Christian I. von Anhalt-Bernburg bestimmt. Die kupfervergoldeten Helme, Rossstirne und Sattelbleche weisen aber auch außer dem kursächsischen Wappen von Christian I. zusätzlich die Wappen von Christian I. von Anhalt-Bernburg und die von Johann Georg I. von Anhalt-Dessau auf.

Prunkharnische als weiterer wichtiger „Mosaikstein“ des Schlosses

An sich schon ästhetische Schwergewichte, drücken die beiden Silberharnische, die von Dirk Syndram, dem Direktor des Grünen Gewölbes, zur Mona Lisa der an Highlights ohnehin nicht armen Rüstkammer erklärt wurden, nun dem Silberwaffensaal ihren Stempel auf. Dieser Saal im Georgenbau des Stadtschlosses war Ende des 19. Jahrhunderts das Residenzgemach der Königin Carola, wurde dem „Versuch einer (teilweisen) Rekonstruktion“ unterzogen und soll „eine Scharnierfunktion übernehmen“, wie Charlotte von Bloh gestern erklärte, die Oberkonservatorin der Rüstkammer und Kuratorin der Ausstellung. Die Objekte in diesem Raum, darunter nicht zu knapp Waffen, meist silberplattierte Rapiere und Dolche aus der Zeit um 1580 bis 1610, knüpfen als kurfürstliche Festausstattungen zum einen thematisch direkt an die Turnier- und Paradewaffen im Riesensaal an, zum anderen bilden sie als Silberschatz den sinnfälligen Auftakt zum Münzkabinett. Für Syndram ist der Silberwaffensaal ein „weiterer wichtiger Mosaikstein bei der Gestaltung des Schlosses als Museumszentrum der Staatlichen Kunstsammlungen“, am heutigen Sonnabend kann er im Rahmen der Museumsnacht zum ersten Mal begutachtet werden. Und ist erst mal der kleine Ballsaal um die Ecke fertig rekonstruiert, „dann kommt hier Leben in die Bude“, zeigt sich Bloh überzeugt, was die Besucherströme im Silberwaffensaal angeht.

Gut, Hasenfüße mag ob all der Waffen hier ein mulmiges Gefühl überkommen, aber im höfischen Leben waren es für Fürsten in der Renaissance wie im Barock nicht zuletzt Waffen, die als Geschenke dem verwandtschaftlichen, freundwilligen und diplomatischen Verkehr sachliche Stützung verliehen.

Helm eines Prunkharnischs

Helm eines Prunkharnischs.

Quelle: epd

Weitere Schmuckstücke aus den Hinterlassenschaften der Fürsten

Ein Blickfang ist auch das Prunkrapier mit einem neuartigen Tiefschnittdekor für Herzog Johann Georg I., auch diente es der Demonstration wirtschaftlicher Prosperität bei öffentlichen Aufzügen. Eine Augenweide sind die beiden Rapier-Dolch-Garnituren mit kunstvollen Ranken und Blüten, die Kurfürst Christian II. von Sachsen anlässlich seiner prachtvoll gefeierten Hochzeit mit Hedwig, königliche Prinzessin von Dänemark, 1602 in Dresden für sich selbst fertigen ließ. Noch haben nicht alle Kostarbeiten, die man hier zeigen will, ihren Platz gefunden. Die „Vitrinenproduktion hakt“, wie von Bloh wissen ließ. Wenn es so weit ist, dann werden noch drei weitere kupfervergoldete Harnische hier präsentiert.

Aus künstlerischer Sicht stellt der Silberwaffensaal ein bedeutendes Zeugnis der Goldschmiedekunst in der aufblühenden kurfürstlichen Residenz Dresden dar. Man konnte sich die erlesensten Goldschmiedearbeiten aus Nürnberg oder Augsburg leisten, wollte die Originalarbeiten „aber noch toppen“, wie Syndram erklärte. Interessant sind auch zwei gleichartige silberplattierte Rapiere und Patronenbüchsen, die das Wappen und die Initialen „HGW“ von Hans Georg Wehse tragen, kursächsischer Hofmarschall von 1604 bis 1608. Sie standen wohl im Zusammenhang mit den Hochzeiten Christians II. 1602 sowie Johann Georgs I. 1604 und 1607.

Einer, der für die Bedürfnisse des Dresdner Hofes arbeitete, war Wendel unter der Linden. Er lieferte insbesondere unter Kurfürst Christian I. zahlreiche Silberarbeiten, darunter Siegel, Gürtel- und Scheidenbeschläge sowie Blankwaffengefäße. Nach 1610 war dann Schluss mit der ganzen Pracht und Herrlichkeit von Hieb- und Stichwaffen – „es dominierten dann, 1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus, ganz andere Waffentypen“, wie Syndram erläuterte.

In der Vitrine Teile einer Rapier-Dolch-Garnitur aus massiv Silber, ca

In der Vitrine Teile einer Rapier-Dolch-Garnitur aus massiv Silber, ca. 1600, von der Dresdner Goldschmiede Wendel unter der Linden geschaffen.

Quelle: epd

Dass die Erzeugnisse unter der Lindens und seiner Zunftkollegen überlebt haben, ist ohnehin ein großer Glücksfall für die Nachwelt. Trotz aller ökonomischen Schwierigkeiten Sachsens im Zuge der friderizianischen wie napoleonischen Kriege kam keiner auf die Idee, „aus den 22 Kilo der Prunkharnische wieder 22 Kilo Silber zu machen“, wie Dirk Syndram erklärte. Und auch nach 1945 war Glück im Spiel. Als die Sowjetunion 1953/55 das Gros der geraubten oder (nach russischer Lesart „kriegsbedingt verlagerten“) Beutekunst zurückgab, waren die Bestände der Dresdner Rüstkammer dabei, der Verbleib der rund 100 Harnische umfassenden Sammlung der Rüstkammer auf der Wartburg ist ungeklärt.

Rüstkammer im Dresdner Schloss, geöffnet täglich außer Dienstag, 10-18 Uhr

www.skd.museum/ausstellungen/silberwaffensaal/

Von Christian Ruf

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