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Zum 70. Geburtstag von Thomas Rosenlöcher

Arbeit am Unerschöpflichen Zum 70. Geburtstag von Thomas Rosenlöcher

„Hast du mal Zeit?“, fragt vorsichtig das Gedicht – aber wer hat die heutzutage schon. So hätte die Poesie also von vornherein verloren? Es sei denn, sie macht den Zeitverlust beherzt gleich selber zum Thema: „Die Stunden, die sich rechnen müssen, von den Sekunden, die zählen, abziehn.“

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Thomas Rosenlöcher

Quelle: dpa

Dresden. „Hast du mal Zeit?“, fragt vorsichtig das Gedicht – aber wer hat die heutzutage schon. So hätte die Poesie also von vornherein verloren? Es sei denn, sie macht den Zeitverlust beherzt gleich selber zum Thema: „Die Stunden, die sich rechnen müssen, von den Sekunden, die zählen, abziehn.“ So pointiert wie hier vor 20 Jahren in der „Dresdner Kunstausübung“ sagt es Rechenkünstler Rosenlöcher zwar nicht immer, aber immer geht es ihm um die gleiche Anwesenheitsfrage: wie viel Wirklichkeit nehmen wir wahr und wie viel davon passt ins Gedicht (das dadurch erst haltbar wird und unser gewohntes Denken für Augenblicke aus den Fugen bringt)? Seit seiner ersten Veröffentlichung war das das Thema des Dichters; er arbeitet sich seither beharrlich daran ab. Es beherrschte beispielsweise auch seine große Weimarer Rede vor einem Jahr: „Im Augenblick wird die Ewigkeit knapp – warum Gedichte anders ticken“.

Was bei dieser Suchbewegung entstanden ist, sind wunderbare sprachliche Gebilde, hochgelobte Gedichte und Prosaminiaturen, mit denen sich das werte Publikum nun schon seit 35 Jahren verproviantiert gegen den täglichen Sinn- und Zeitverlust. Das kann man lesen oder hören oder sehen oder – wenn man Glück hat – greifbar miterleben. Mit ein paar Erinnerungsbildern möchte der Unterzeichner von Berührungspunkten reden, wo er dem „Verfasser“, wie der von sich selber sagt, leibhaftig nahekam.

Lieber Thomas, das Erinnern reicht bei uns weit zurück ins Lederhosenzeitalter. „Ich lag im Garten bei Kleinzschachwitz“ – mit diesem ersten Lyrikband, mit dem 1982 ein junger Dichter kräftig zur Kunstausübung kam, hast Du Dir und uns eine Herkunft entfaltet zwischen Dresdner Bürgerlichkeit und eigenwilliger Poetisierung ihrer Ursprungslandschaft, jungen Familienfreuden und dem Unbehagen im Dreibuchstabenland DDR.

Nur dreihundert Meter elbabwärts lag in einem anderen Garten ein anderer Knabe. Als dieser zur Schule kam, warst Du in Klasse Vier; ein Großer also, der den Dreikäsehoch kaum registriert hat. Gelegentlich brachte „der kleene Rosenlöcher“ meinen Eltern „Schäler“ fürs Schaf, Kartoffelschalen, für die es im Gegenzug Brennholz gab vom Sägewerk des Vaters. Diese ähnliche Herkunft aus gebremster Bürgerlichkeit hat Jahrzehnte später viele unserer Gespräche bestimmt. Mehrfach waren meine Eltern bei den Deinen zur Hausmusik geladen – man hielt auf sich und auf die Tradition. Es war die Zeit, da wir unter den Krachledernen noch Strumpfband trugen. Jeder hatte seine Kumpels und hat seine Erinnerungen gesammelt – zum Beispiel an die Sauf-Reichelten, die mit ihrem Pilzmesser hänselnde Knaben verscheuchte und deren selbstversunkenes Dauergemurmel Du später so wunderbar als poetische Urlaute gedeutet hast. Vielleicht deshalb, dieser ähnlichen (auch ähnlich gespaltenen) Wurzel wegen, hat mich das, was von Deinen Erinnerungen Dichtung wurde, als ich es erstmals las, so unmittelbar angesprochen.

Da waren wir ein Quentlein älter; Du im Mitteldeutschen Verlag Deine Selbstbestimmung klug erzählend, ich diese am gleichen Ort langsam begreifend (als Leser und als Lektor). Deine Gedichte waren mir eine ideelle Handreichung zu der irgendwann eine reale kam als nächste Etappe unseres Kennenlernens: Ich wurde häufiger Gast bei Deinen üppigen Feten mit Tanz in den Morgen und später mit Sohn zum Kirschkernweitspucken in den Gründen hinter Pillnitz. In Strömen floss in Eurem Garten „Saxa trocken“, der edle Apfelsekt von nebenan, Zigarren leuchteten energisch in nächtliche Diskussionen und weit nach Mitternacht wurde der Fährmann mit Westmark bestochen für eine Runde elbauf zum Pillnitzer Schloss. Czecho, erinnere ich mich, beglückte einmal früh um Drei vom Wasser aus die Chinoiserien mit Opernarien aus Nabucco. So durfte ich beobachten, woher Deine Lebenslust kam, durfte sie teilen und eine Ahnung davon gewinnen, aus welchem Stoff Gedichte sind.

Einsichten solcher Art wiederum machten Dir Vergnügen, und die Frage, welchen Platz man einzunehmen hätte in dieser komisch blockierten Welt, die uns umgab, stiftete mancherlei Gemeinsamkeit zwischen uns. Dann endete das Land und seine Träume verschwanden. Nicht nur Pflastersteine wurden verkauft. Die Nachrichten, die Du mit diesem doppeldeutigen Titel gabst vom Umsturz der Verhältnisse in Stadt und Land und in den Köpfen, hat inzwischen den fundamentalen Status von Aufklärungsliteratur. Sie wurde vorgetragen von einer Stimme, die gegen den Pragmatismus kategorisch das Recht des Träumers setzt, die Kunde von den Engeln und den Apfelbäumen, Punktum. Die Vertracktheit dieser sächsischen Rede ist eine doppelte, sie berührt die Tabus verborgener Sehnsüchte gleichsam auf dem linken Fuß der Heiterkeit und sie nimmt ausgerechnet das sächsische Idiom als Einfallstor zu unserer Seele.

Damals folgte „Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern“ – das wäre die dritte Etappe meines kleinen Versuches, Deine Literatur als tapferes Benennen unseres Laufenlernens zu deuten. Die Provokationen solcher poetischen Rede trägt man, trage ich, als sanften Widerhaken im Gemüt: ja, mancherlei wäre im Leben zu ändern. Du hattest längst die Dresdner Niederungen gen Erzgebirge verlassen und hin und wieder konnte ich Dich begleiten bei Deinen Erkundungsgängen durchs bergige Gelände. Beides, Gedichte und reale Wanderungen, gehen mir seither ineinander. Wundersame Touren haben wir gemacht: zu den Apfelbäumen von Maxen – und keine haben mir seither so ungeheuer geblüht wie diese – oder durch die Täler der Weißeritz, die vom Schmelzwasser dampften wie der leibhaftige Märchengrund; oder auf Skiern durch einsame Winterwälder und bei Mondschein quer über unbetretene weiße Felder, wo die Querner-Landschaft still im Weltraum lag. Einkehr dann in winzigen Dorfgasthöfen, aus denen uns Deine treue Birgit, per Handyanruf geordert, mit dem Auto heim zum Whisky nach Beerwalde brachte. Solche Bilder kommentieren mir seither Deine Gedichte von Blütenzweigen, Schneegestöber und Engelsräuspern und Deine Lust, das Gesehene immerfort zu verwandeln in das uns Zugehörige.

Es ist klar: Dich begleiten zu dürfen, bedeutet immer eine Wahrnehmungs-Anstrengung kurvenreicher Art. Wo sie gelang, hat das Wort Freundschaft seinen besonderen Sinn. Die Beobachtung schließt ein, dass Dir die Dichtung schwerer wird: „Herr Rosenlöcher, Sie schreiben ja gar nichts“, lockst Du Dich in Deiner Weimarer Rede ironisch selbst ins Freie. Dabei, ich weiß es, tust Du nichts intensiver als das: Arbeit am Unerschöpflichen. Das braucht seine Zeit – Monsieur, wir haben Geduld. Beste Grüße also zum verblüffenden 70. Geburtstag in Deine leuchtenden Berge.

Von Hans-Peter Lühr

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