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Regional Zukunft der Dresdner Ausstellung im Nebel
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18:00 30.01.2018
Ein Blick auf die Fassade der Futterställe, Ort der Ostrale. Quelle: Anja Schneider
Dresden

„Der Wille bestimmt die Bewegung.“ Ein Satz Oswald Spenglers. Auf die Ostrale gemünzt, Dresdens bislang jährlich gezeigte Ausstellung zeitgenössischer Kunst, ist dieser Wille an mancher Stelle erkennbar, an mancher überhaupt nicht. Eine Bestandsaufnahme.

Trotz nicht eben üppiger Bewegung in Sachen Ostrale gibt es dabei tatsächlich Entwicklungen – selbst wenn der Betrachter manchmal den Eindruck bekommt (oder in diesem Fall seit Jahren hat), dass manches schneller vorangehen müsste. Wie die Suche nach einem Interim-Ausstellungsort für die kommenden Jahre, bis zur fertigen Sanierung des angestammten Ostrale-Areals in den Futterställen im Ostra-Gehege, und dem dann hoffentlich möglichen Wiedereinzug der Ausstellung.

Doch zuvor muss, wie gesagt, saniert werden. Dafür liegt mittlerweile auch eine Konzeptstudie der STESAD GmbH vor, eines Stadtentwicklungsunternehmens, das eine kommunale Tochtergesellschaft ist. Die Studie listet auf, was gemacht werden müsste, bis hin zum Brandschutz. Und sie nennt eine Summe: gut 13,75 Millionen Euro. Darauf folgt eine, je nach Sichtweise, optimistische oder realistische Zeitschiene für Projektierung und Bau. Kurz zusammengefasst, könnte ab Frühjahr 2019 saniert werden. Dauer: zwei Jahre. Voraussetzung: Der Stadtrat müsste bis Mitte dieses Jahres eine entsprechende Entscheidung getroffen haben, dann sollten Genehmigungsplanung (sechs Monate), Baugenehmigung und Ausführungsplanung (jeweils drei Monate) folgen.

Ob das aber so kommt, ist noch völlig offen. Denn das Geld für die Sanierung müsste die Stadt ja irgendwoher nehmen. Sie steht andererseits im Wort, schließlich hatte sie sich – unter rot-rot-grüner Mehrheit im Stadtrat, der 2014 gewählt worden war – vor anderthalb Jahren klar für die Ostrale an deren angestammtem Ort ausgesprochen (DNN berichteten). Ein Bekenntnis, auch und gerade von Seiten der Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) und Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), auf das die Ostrale-Macher seit dem Start ihrer Jahresschau für zeitgenössische Kunst im Jahr 2007 gewartet hatten.

Ein Bekenntnis, auch das ist zu erwähnen, das mit einer gestiegenen kommunalen Förderung für die Ostrale einher ging. 2017 erhielt sie 82 000 Euro institutionelle Förderung von der Stadt, in den beiden Vorjahren waren es je 59 000 Euro gewesen. Und die Stadt versucht auch, mit der Ostrale – die ab diesem Jahr eine Biennale ist und sich in der europäischen Kulturhauptstadt Valletta auf Malta präsentieren wird – das besagte Interim ab 2019 zu finden.

Was sich aber schwierig gestaltet. Den DNN liegt die Liste der von der Stadt ins Auge gefassten möglichen Alternativstandorte vor, die zehn Liegenschaften umfasst. Zwei davon sind jedoch bereits verkauft, bei anderen wird mit „hohen Mietkosten“ (Zeitenströmung) oder „insgesamt hohen Kosten“ (Eventplattform im Flughafen) gerechnet. Das Technische Rathaus fällt flach, weil es „absehbar weiterhin Flüchtlingsunterkunft“ bleibt. Als grundsätzlich geeignet gelten dagegen die Messe Dresden, das Festspielhaus Hellerau und das Kraftwerk Mitte. Da diese Örtlichkeiten aber bereits beständig bespielt werden, müssten dort sehr detailgenaue Abstimmungen erfolgen, ob und wann Räumlichkeiten zur Verfügung stünden – und zu welchen Konditionen.

Ein anderer Vorschlag soll nach DNN-Informationen in diesen Tagen noch einmal bei einer Begehung einer sorgfältigen Prüfung unterzogen werden. Genau genommen sind es zwei voneinander entfernte Ecken: die alten Standorte des Theaters Junge Generation in Cotta und der Staatsoperette in Leuben. In beide Stätten müsste natürlich investiert werden, vor allem wegen des Brandschutzes. Dazu kommt in Leuben ein schräger Fußboden, was für Ausstellungen denkbar schlecht ist. Sollte diese Ortspaarung aber trotzdem zum Interimsstandort der Ostrale werden, steht die Idee im Raum, die beiden an verschiedenen Stadträndern gelegenen Örtlichkeiten mit einer Art „Kunststraßenbahn“ zu verbinden. Was ganz nebenbei gut zum Europa-Kulturhauptstadt-Konzept Dresdens passen würde, das ja die Menschen in den Stadtteilen zu Wort kommen lassen will und ihnen als Ergebnis schließlich auch den einen oder anderen Wunsch in Sachen Stadtteilkultur erfüllen möchte.

Der Ostrale-Hirsch auf dem Neumarkt Quelle: Sebastian Kahnert

Die Stadt versucht also, ihren Teil zur Ostrale-Zukunft beizutragen. Die Ausstellung selbst liefert mit den Zahlen des Jahrgangs 2017 dafür auch Argumente. Die elfte Ausgabe der Ostrale hatte rund 30 000 Besucher (5000 mehr als 2016), zu denen auch 440 Schulklassen gehörten. Gezeigt wurden 1120 Arbeiten von 165 Künstlern und Gruppen aus 26 Ländern. Ein Budget von etwa 550 000 Euro stand dabei zur Verfügung, wovon gut 150 000 Euro privatem Engagement entsprangen, in Form von Geld und Sachleistungen regionaler Sponsoren.

Von anderer Seite kommt für Sachsens größte Ausstellung zeitgenössischer Kunst überraschenderweise seit Jahren aber gar nichts: vom Freistaat Sachsen. Bei den Haushaltsverhandlungen durch die Koalitionsfraktionen CDU und SPD im Kulturausschuss war zuletzt im November 2016 ein Antrag der Grünen auf institutionelle Förderung der Ostrale abgelehnt worden. „Mit nur 150 000 Euro jährlich wäre der internationalen Kunstausstellung nachhaltig geholfen. Jetzt muss die Ostrale weiter um ihr Fortbestehen bangen“ , sagte die kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Claudia Maicher, damals laut Mitteilung.

Um diesen Fortbestand wird anderswo zumindest gerungen. So versuchte das Wissenschafts- und Kunstministerium Sachsens, bei der Kulturstiftung des Bundes, die in Halle sitzt, für eine Förderung der Ostrale zu werben. Die aber winkt ab. Hauptgrund soll nach DNN-Informationen die „regionale Verortung“ der Ostrale sein. Das Ministerium verweist auf Nachfrage auf die Stiftung. Deren Sprecherin Friederike Tappe-Hornbostel bringt die „bundesweite Ausstrahlung“, die satzungsgemäß Projekte erst förderbar mache, ins Spiel und fügt erklärend hinzu: „Natürlich ist das ein sehr dehnbarer Begriff.“ Die Jury könne aber gemeint haben, dass diese überregionale Aufmerksamkeit mit Blick auf die Ostrale eher nicht zu erwarten sei. „Das ist bedauerlich, aber nachvollziehbar“, sagt Tappe-Hornbostel. Und: Keine Förderung bedeute nicht, dass damit eine qualitative Ablehnung verbunden sei.

Zur Erklärung: Von der Bundeskulturstiftung werden die beiden noch größeren deutschen Ausstellungen zu zeitgenössischer Kunst – documenta und Berlin Biennale – ordentlich bedacht. Im November 2016, ziemlich zeitgleich mit der Ablehnung einer institutionellen Ostrale-Förderung durch die sächsische Regierungskoalition, erhöhte die Bundeskulturstiftung die jährliche Zuwendung für die Berlin Biennale auf 3 Millionen Euro, die documenta wird bis 2022 insgesamt 4,5 Millionen Euro erhalten. Wobei die documenta sicher in einer eigenen Liga spielt, die seit 1996 laufende Berlin Biennale dagegen rein quantitativ nur etwa doppelt so groß ist wie die Ostrale, wenn man auf die beiden jeweiligen jüngsten Ausgaben blickt. Bei der letzten Biennale 2016 wurden binnen dreieinhalb Monaten Laufzeit rund 100 000 Besucher gezählt, bei gut zwei Monaten Ostrale 2017 besagte 30 000. Zur internationalen Besetzung und Ausrichtung der Dresdner Ausstellung – siehe oben.

Und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen? Sie listet ihre Förderungen detailliert im Internet auf. Darin findet sich auch die einzige Zuwendung für die Ostrale seit deren Beginn 2007. Im Jahr 2013 gab es 10 000 Euro „für ein neues kuratorisches Konzept“. Zur Ablehnung weiterer Anträge von Seiten der Ostrale zeigt sich die Stiftung zurückhaltend. Der stellvertretende Stiftungsdirektor Manuel Frey verweist auf Anfrage auf die externen Fachbeiräte, die zweimal im Jahr über die Bewerbungen beraten und alle drei Jahre personell durchgewechselt werden. „Wir haben sehr viele Anträge, es ist ein harter Wettbewerb“, sagt Frey. Zweifellos. Doch „die Kontinuität dieser Nichtförderung“, wie es Ostrale-Kurator Detlef Schweiger beim Abschluss der letztjährigen Ausstellung in den Futterställen formulierte, fällt schon auf – vor allem im Vergleich mit der Förderung anderer Einrichtungen, die auf der Website der Kulturstiftung Sachsen ebenfalls genau nachgelesen werden kann.

Der Wille, um den eingangs erwähnten Gedanken aufzugreifen, ist in Sachen Ostrale bei einigen tatsächlich schwer erkennbar. Vor allem der Freistaat macht bei diesem Thema seit Jahren nicht nur keine gute, sondern eigentlich so ziemlich überhaupt keine Figur. Doch auch die durchaus etablierte Kunstszene Dresdens tut sich nach mehr als einem Jahrzehnt immer noch schwer mit Sachsens größter Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Bremsen persönliche Animositäten etwa eine mögliche inhaltliche Zusammenarbeit aus? Das wäre fatal und könnte schlussendlich dazu führen, dass die Ostrale in absehbarer Zukunft beerdigt würde. Wer das will, der sollte dann aber auch den Mut haben, es klar auszusprechen.

Die Ostrale präsentiert sich vom 14. April bis 29. Juli in Europas Kulturhauptstadt Valletta auf Malta

Ostrale 2019 „ismus“, geplant vom 28.6. bis 29.9. 2019

Von Torsten Klaus

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