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Zittaus Intendant Carsten Knödler schenkt sich "Virginia Woolf" - als künftiger Chemnitzer Schauspieldirektor

Zittaus Intendant Carsten Knödler schenkt sich "Virginia Woolf" - als künftiger Chemnitzer Schauspieldirektor

"Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" Seit Sonnabend in Chemnitz keiner mehr, dafür aber umso mehr vor dem zynischen Akademikerpaar Martha und George, obwohl diese weit weit weg, nämlich in Boston vor über fünfzig Jahren hausten.

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Constantin Lücke, Philipp Otto, Lysann Schläfke und Susanne Stein (v.l.).

Quelle: DieterWuschanski

Das Kultstück von Edward Albee, von Schauspieldirektor Enrico Lübbe als eigener Beitrag zum Spielzeitmotto "Ein Spiel um Illusion" ausgewählt, inszenierte nun sein Nachfolger Carsten Knödler, noch bis Sommer Intendant am Theater Zittau, für ihn.

Es entführt in eine kleine, spontane Nachfeier, zu der sich Martha, 52-jährige Tochter des College-Rektors, ein junges Pärchen eingeladen hat. Geschichtsdozent George, der nachts lieber liest und von seiner Frau ebenso wie von seinem Schwiegervater als Versager betrachtet wird, aber Gott sei Dank sechs Jahre jünger ist, zeigt sich darüber anfangs nicht begeistert. Weiß er doch, was folgt: Biologe Nick und seine Süße werden hemmungslos entblößt - und nicht nur alkoholgeschädigt, sondern schwer erfahrungsbereichert nach Hause wanken.

Der Regietausch hat nicht nur angesichts der Arbeitsbelastung beider Herren Sinn. Auch kann Carsten Knödler, hier bis vor zehn Jahren als Ensemblemitglied acht Spielzeiten als Spieler und Regisseur angestellt, vorab eine erste Duftmarke setzen. Denn er gehört gemeinsam mit Lübbe zu den drei Hauptgewinnern des großen sächsischen Schauspielroulettes, das im Sommer große Wechselwellen in den Ensembles von Leipzig, Chemnitz und Zittau erzeugt. So saß auch eine erlauchte sächsische Theaterkommune von Ost- über Nord- bis Westsachsen im begeisterten Publikum, um eventuell frischen Wind zu spüren. Sie sahen vor allem den Gewinn von Philipp Otto, den Knödler als künftigen Ensemblespieler verpflichten konnte. Ottos George, der oft wie der Verlierer der aktuellen Schlacht ausschaut, aber letztlich alle Fäden für den Kriegsgewinn in der Hand hält, ist stete Augen- wie Ohrenweide. Susanne Stein bietet ihm als verhärmte, trunksüchtige Gattin Martha gehörig Paroli - beide tun sich verbal so weh, dass es selbst beim reinen Beobachten schaudert. Lysann Schläfke als zerbrechliche Süße und Constantin Lücke als sportlicher Nick durchschauen das Spiel schnell, nehmen aber dennoch neben den Drinks auch die Einladung an, die angebrochene Restnacht zu einer der schlimmen Offenbarungen zu machen. Nachhallend wird das ganze Fiasko erst, als sich offenbart, dass diese perfiden Spielchen, garniert mit hochgradiger Lust an Verletzung, der sehr kleine, gemeinsame Nenner im abgeklärten Eheleben sind - und dass eigentlich auch nichts von den raren heilen Momenten oder Geschichten wahr bleibt.

Knödler, durchaus erfahren mit verfahrenen Familienbühnengeschichten, nimmt dem Text nichts an Schärfe oder Intellekt, belässt aber dem Publikum die leichte Hoffnung auf den Wunsch, dass alle vier Nachtgestalten in derartiges Koma verfallen, um am nächsten Tag nicht daran anknüpfen zu müssen. Sondern, um noch mal neu zu spielen. Etienne Pluss baute ihm dazu ein riesiges, halbrundes, holzvertäfeltes Wohnzimmer auf die Bühne, deren Blickfang ein großes, buntes Vivarium ist, in dem sich wohl ein fleischfressendes Viech versteckt, das aber nie zum Vorschein kommt.

Hausherr Lübbe, demnächst Intendant am großen Leipziger Schauspielhaus, ließ es sich nicht nehmen, Darsteller und Regieteam bei der Premiere persönlich zu beblümen - und Chemnitz hat dank des geglückten Deals nun schon ein erstes fertiges Stück für die nächste Spielzeit.

iNächste Vorstellungen am Schauspiel Chemnitz am 26. April und 20. Mai.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.04.2013

Andreas Herrmann

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