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Regional Zeitgemäße Doppelpremiere
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19:35 01.07.2018
Stephan Rügamer als Oedipus, in einem computer-modernen Theben. Quelle: Jochen Quast

Unschuldig schuldig werden, das ist ein Menschheits-Mythos, der sich durch die Jahrtausende zieht. Was einst der griechische Dichter Sophokles in seinem Drama um Ödipus manifestierte (gut 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung), hat mit dem Opernoratorium „Oedipus Rex“ von Igor Strawinsky Eingang in die Moderne des Musiktheaters gefunden, doch noch längst keinen Abschluss. Das Fatum geht weiter…

Angekommen ist es nun in der Dresdner Semperoper, wo die Regisseurin Elisabeth Stöppler mit diesem vor knapp 100 Jahren in Paris uraufgeführten Werk den Auftakt zu einer Doppelpremiere setzte, die mit Luigi Dallapiccolas Einakter „Il priigioniero“ den symbolisch Schlusspunkt der Ära von Wolfgang Rothe in seiner Doppelrolle als Kaufmännischer Geschäftsführer und Intendant gesetzt hat. Der Eiserne Vorhang, schwerstes Symbol im Theater, beschloss diese lange Interimsphase mit einer Neuproduktion, die in mehrfacher Hinsicht vor allem eins ist: absolut zeitgemäß.

Musikalisch ohnehin, denn dieses oratorisch angelegte Werk von nicht mal einer Stunde Dauer steckt derart voller Schönklang, dem man sich kaum entziehen kann. Mal opernhaft dramatisch, mal ans Madrigale angelehnt, dann filmisch expressiv, in den Gesangspartien dann wieder sehr individuell; ein Opus voller Kontraste. Da durfte die Staatskapelle unter der exzellenten Leitung von Erik Nielsen noch einmal zeigen, welch ungemein breites Klangspektrum die einzelnen Stimmgruppen beherrschen.

Aber auch die Regie macht durchweg deutlich, hier soll es keineswegs um einen Blick auf die Antike gehen. Elisabeth Stöppler und ihre Bühnenbildnerin Annika Haller versetzen den Handlungsort Theben in eine gleißende Computerwelt, in der tausendfach bunte Leuchtdioden blenden, die scheinbar von mehreren Manualen im Raum gesteuert werden. Aber ist Schicksal zu steuern?

Die Erzählerin suggeriert es uns, in dem sie sehr theatralisch willkommen heißt, um durch den Abend zu führen. Catrin Steinbeck füllt diesen deutsch gesprochenen Part mit einer gewissen Magie aus, quasi als Zeremonienmeister des Oratoriums. Der Rest ist Latein. Strawinsky (der „Oedipus Rex“ vor genau 90 Jahren in Dresden konzertant aufgeführt hat) hebt damit den Text Jean Cocteaus in etwas Überirdisches, dem er auf musikalischer Ebene absolut entspricht.

Zeitgemäß sind neben dem teils brutal wirkenden Licht von Fabio Antoci auch die von Frank Lichtenberg entworfenen Kostüme, in denen Herrenchor und Solisten wesentliche Eckpunkte des Sophokles-Dramas gestalten. Oedipus, dem einst Vatermord und Inzest prophezeit worden ist, soll helfen, die Pest zu besiegen, was dem Orakel zufolge erst gelingen kann, wenn der Mord an König Laios gesühnt ist. Hat er sich nicht weit genug von seinem Kindheitsort entfernt, der mit durchstochenen Füßen ausgesetzte Sohn, dass er diesem Fluch entkommen müsste?

Das gemeinsame Hoffen von ihm und seiner Mutter Iokaste schließt sich im gemeinsamen Schicksal, dem nicht zu entkommen ist. Nach dieser Einsicht ringt er wie ein einsamer Laokoon mit den unentrinnbaren Datensträngen dieser Computerwelt, die alles weiß und nichts vergisst.

Stephan Rügamer hat zur Premiere mit schneidigem Tenor einen sisyphoshaften Oedipus gegeben, der dem Schicksal bis zuletzt in die Arme fallen will. Claudia Mahnke gab als Iokaste ihr Hausdebüt, überzeugte mit vokaler Kraft und Ausdrucksstärke, was auch Markus Marquardt als noblem Kreon, Tom Martinsen als urigem Hirten und Matthias Henneberg als smartem Boten zu attestieren ist. Eine Hauptrolle kommt hier aber dem bezwingenden Herrenchor zu, dessen Flehen ebenso ängstlich wie bedrohlich wirkt.

Während Oedipus ein Gefangener seiner Selbst ist und der eigenen Schicksalsgläubigkeit nicht entkommen kann, ist der namenlose Gefangene in Luigi Dallapiccolas vor 70 Jahren uraufgeführtem Einakter „Il prigioniero“ das Opfer einer grausamen Macht. Einzig im Prolog gesteht sich die Mutter des Häftlings ein, dass sie ihn wohl nie wiedersehen wird. Er selbst aber, vom Kerkermeister als „Bruder“ bezeichnet und auf ein seine Freiheit verheißendes Geläut hingewiesen, wird durch diese perfide Illusion erst recht grausam gequält und erfährt bald jede Hoffnung als Folter.

Sowohl Lester Lynch in der Titelpartie als auch Tichina Vaughn als Mutter spielen und singen Psychodramen, die - wenn auch nicht immer ganz textverständlich – tief mitfühlen lassen. In der Doppelrolle als Kerkermeister und tödlicher Großinquisitor besticht Mark Le Brocq perfide.

Zwar blicken wir permanent in die Zelle des Gefangenen, doch mit einem Trick lässt die Regie das Publikum sich spiegeln und gleichzeitig den „doppelten Boden“ dieser Tragödie sehen. Hinter einer großen Scheibe im ansonsten schneeweißen Raum, dessen stille Schiebetüren eine besondere Brutalität vermitteln, tummeln sich allegorische Traumwelten, ein Schwan und bunte Papageien; Trugschlüsse mithin in einer vom Bösen bestimmten Welt.

Den heftigsten Kontrast zum schuldlosen Weiß setzt der Orchesterkrimi mit im besten Wortsinn nervigen Nuancen. Das gesamte Regieteam und dessen Sänger-Darstellerensemble hat Schicksal und Hoffnung zu Allegorien erhoben. Den Schlussstrich setzt der Eiserne Vorhang, danach herrscht Schweigen.

Auf diese Ergriffenheit folgte zur Premiere der ungeteilte Jubel des Publikums. Schade nur um jeden freigebliebenen Platz im Saal. Strawinsky und Dallapiccola tun nicht weh, sie ergreifen. Man kann nur hoffen, dass dieses, siehe oben, so zeitgemäße Operndoppel auch in die Zeit der Intendanz von Peter Theiler Einzug findet. Vorerst stehen nur mehr vier Aufführungen an, in der nächsten Spielzeit sind „Oedipus Rex“ und „Il prigioniero“ nicht terminiert.

nächste Vorstellungen: 3., 6., 8., 11.7.

www.semperoper.de

Von Michael Ernst

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