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Regional Zehn Waldhörner für ein Indianerdorf
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16:59 07.05.2018
Christoph Gerbeth schaut vor Ort auch, wie man die Instrumente pflegen und reparieren kann.
Dresden/Urubichá

„Guten Morgen! Hier ist es 6.30 Uhr. Die Tierlaute des Dschungels haben mich nach neun Stunden Erschöpfungsschlaf wach gemacht. Wir müssen gleich nach La Paz hoch, beim Zoll gibt es noch ein paar Probleme.“ Der das via Whatsapp schreibt, hat 24 Stunden Flug, zehn Stunden Busfahrt und unzählige Diskussionen mit dem bolivianischen Zoll hinter sich. Die Rede ist von Christoph Gerbeth, Solo-Oboist der Elbland Philharmonie Sachsen. Er war wieder zu Gast in der Musikschule in Urubichá, bei den Guarayos, den Indios in dem 5000-Seelen-Dorf im bolivianischen Südamazonien. Dorthin hat er sich vor vier Wochen auf dem Weg gemacht, um 24 Waldhörner und viele andere Instrumente, darunter auch eine Oboe, in die berühmte Musikschule der Indios zu bringen (DNN berichteten).

Und wie ist die Geschichte ausgegangen, sind alle Waldhörner in Urubichá angekommen? „Die zehn, die ich mit im Gepäck hatte, sind glücklich in Bolivien gelandet. Dass das ein Fest in Uribichá war, das können sie sich denken“, sagt Christoph Gerbeth. Zehn Instrumente jedoch liegen noch in Frankfurt am Main beim Zoll und harren der Dinge. Es könne jetzt aber nicht mehr lange dauern, sagt er weiter und auch: „Wir konnten in La Paz im Erziehungsministerium erwirken, dass von höchster staatlicher Stelle ein Dekret erstellt wird, dass die Musikschule in Zukunft zollbefreit wird. Allerdings müssen wir noch warten, dass vier Ministerien dieses Schreiben bestätigen und auch Präsident Evo Morales seine Unterschrift darunter setzt. Das aber kann dauern.“

Und natürlich, auch wenn er die Instrumente durch den Zoll brachte, leicht sei es dennoch nicht gewesen. „Zehn Hörner im geradezu neuwertigen Zustand waren dann doch eine Nummer zu groß für den bolivianischen Zoll. Die Instrumente wanderten erst einmal ab in die Asservatenkammer“, berichtet der Radebeuler. Eine lange Nacht, einen langen Vormittag dauerte es, bis er sie endlich im Bus verstauen konnte.

Die Instrumente aber werden in der Musikschule Urubichá dringend gebraucht. Allein, wenn er sich die Oboen dort näher anschaue, erzählt der Musiker weiter, müsse er registrieren: von acht vorhandenen Oboen seien vier nicht mehr bespielbar, drei weitere nur noch bedingt und die einzige, die funktioniere, sei die, die er mitgebracht habe. So sei es auch bei den anderen Instrumenten.

Ob er eine Erklärung für die Musikbegeisterung hat? „Musikalisch war dieses Volk schon immer. Es ist ein Volk der Bewahrer, kein Volk der Zweifler. Wenn man ihnen einmal etwas zeigt und sie es verstehen, dann tragen sie es genauso von Generation zu Generation weiter“, antwortet er. Auch, dass es nur so zu verstehen sei, dass diese frühbarocke Musik über die Jahrhunderte weitergetragen wurde. Zwischen 1691 und 1760 gründeten Jesuiten mitten im Amazonas-Gebiet zehn sogenannte reducciones jesuíticas. Und sie brachten auch barocke Musik mit: Noten und Instrumente. Die Ureinwohner interessierten sich sehr für diese Musik. Auch weil Musik – so ihr Glaube – die Verbindung ins Jenseits herstellt. Bald bauten die Guarayos selbst Instrumente, schrieben Messen und Opern.

Die Musikbegeisterung aber halte bis heute an und längst nicht nur in Urubichá, das Musikleben in diesem kleinen Dorf kurz vor der Hölle strahle auf das ganze Land aus. meint Christoph Gerbeth und erzählt von dem Besuch einer Partnermusikschule hoch oben in 4000 Meter Höhe: „Die Reise über den Pass dorthin war abenteuerlich und für unser europäisches Verständnis auch gefährlich. Und dann wird man freudig, ja geradezu wild von 20 Kindern empfangen. Diese Kinder stammen aus Kokabauernfamilien. Sie gehen vormittags in die Schule, arbeiten nachmittags auf dem Feld ihrer Eltern und abends noch auf dem Kokafeld des Nachbarn und das alles nur, um sich zusätzlich Geld zu verdienen für den Bus zur Musikschule, um das ganze Wochenende Geige und Violine lernen zu dürfen. Das ist doch unglaublich, oder?“

Eine letzte Frage noch. Ob er, der Profimusiker, den Klang dieses Schulorchesters beschreiben könne? Es spiele mit Herz, sagt Christoph Gerbeth, mit einem ganz eigenen Flair, so inniglich. „Das können wir Europäer nicht kopieren. Das sollten wir auch nicht. Dieser bolivianische Frühbarock gehört den Indios, nicht uns. Wir können ihnen nur helfen, ganz behutsam, mehr nicht.“

2019 wird der Solo-Oboist der Elbland Philharmonie Sachsen wieder nach Urubichá fahren, dann zum großen Barockfestival. Er wird mit dem Schulorchester eine Messe aufführen, die jahrhundertelang versteckt in einer Truhe mitten im Dschungel lag. Er konnte nicht Nein sagen und hofft abermals darauf, dass wieder viele Menschen in Sachsen, in Deutschland auch nicht Nein sagen können, wenn er erneut bittet, für die Musikschule der Guarayos im bolivianischen Südamazonien zu spenden.

Von Adina Rieckmann

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