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Wunderbares Fest des Chaos: "Mitten auf der Elbe schwimmt ein Krokodil" am Dresdner Theater Junge Generation

Wunderbares Fest des Chaos: "Mitten auf der Elbe schwimmt ein Krokodil" am Dresdner Theater Junge Generation

Auf der Studiobühne herrscht das Chaos. Vier Darsteller bewegen sich in merkwürdigen Kostümen, sind andeutungsweise Matrosen. Sie sprechen Reime ohne Sinn: "Ele mele menk / ticke tacke tenk / ulen drulen droß / ver fief soß".

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"Mitten auf der Elbe schwimmt ein Krokodil" am Theater Junge Generation in der Regie von Irina Pauls und der Ausgestaltung von Martin Mannig.

Quelle: Klaus Gigga

Es handelt sich um einen Abzählvers, wie sie von Kind zu Kind erzählt werden und seit Generationen kursieren. Hier ist er bis in den Nonsens gezwirbelt. Eine große Videoleinwand bildet das Bühnenbild. Abstrakte Farbflächen und skurrile Comicfiguren wechseln sich ab. Die Leinwand zeigt einen Mini-Trickfilm, in dem ein niedliches Entchen untergeht. Musik spielt und Geräusche wecken Assoziationen. Was die Spieler darbieten, erinnert an Tanz der verschiedensten Sparten. Man denkt auch an Pantomime, Akrobatik und Leistungssport. Ein Bewegungstheater, schwer in Worte zu fassen.

Bei manchem mögen Zweifel aufkommen. Ist das nicht zu abstrakt für Kinder ab vier? Trägt eine Fantasie-Sprache fast ohne Inhalt durch ein Stück? Hätte es nicht eine Geschichte oder wenigstens Dialoge gebraucht? Funktioniert so viel Reiz auf einmal im Kindertheater?

Ja, es geht. Es geht ganz großartig in "Mitten auf der Elbe schwimmt ein Krokodil", das wegen der großen Nachfrage gleich zweimal Premiere am Theater Junge Generation feierte. Ohne Zweifel sind der Leipzigerin Irina Pauls, die als Gast die Regie und Choreografie verantwortet, und dem bildenden Künstler Martin Mannig, der Bühne, Kostüme, Objekte und Video übernahm, ein in sich stimmiges, professionelles und wunderbar inspirierendes Chaos-Theater gelungen.

Was schwer in Worte zu fassen ist, ist diese andere Ebene des Verstehens. Rhythmus, Farben, Eindrücke lösen Gefühle aus. Immer wieder schält sich ein kostbarer Augenblick heraus: Zwei Hände liegen aufeinander, eine dritte Hand kommt dazu, die Begegnung führt zur Trennung. Wenn die Stimmen der vier Schauspieler - Nahuel Häfliger, Manuel de la Peza, Ulrike Sperberg und Gregor Wolf - zusammentreffen, entsteht eine besondere Energie. Manchmal ist es Streit oder Spiel, manchmal Angst oder Spaß. Jeder der vier tut etwas - doch was im Ganzen geschieht, ist mehr, als die vier getan haben.

Zu dem Theater-Chaos passt auch, dass das Publikum mitten in der Vorstellung seine Plätze wechseln muss. Hinter der Bühne erstreckt sich eine zweite Bühne, und hier erscheint auch endlich das Krokodil, das dem Stück seinen Namen gibt. Es hat eine rote Zipfelmütze auf und ist ein aufwendiges, von Martin Mannig in Farbe und Stoff gestaltetes Kunstobjekt, das sich außerdem bühnentechnisch hoch und runter ziehen lässt. Wenn sich die Schauspieler dahinter stellen, sehen sie wie Monster mit grotesken Köpfen aus.

Und gerade nach dem Platzwechsel gewinnt die Vorstellung an Geschwindigkeit und Dichte. Ein Glanzstück jagt das nächste. Besonders eindrucksvoll sind die sehr rhythmischen und synchronen Bewegungen zu einem Durcheinander-Alphabet zum Thema Streiten, Hauen, Kneifen. Nach Elementen aus Gebärdensprache, HipHop oder modernem Tanz sieht es nun wie bei einer dieser Capoeira-Gruppen aus, die auf Straßen ihre brasilianische Tanz-Kampf-Kunst aufführen.

So geht es weiter, bis sich alles zu einem deutlich fühlbaren Ganzen fügt. Spätestens hier ist der enorme Aufwand der Inszenierung zu spüren, die Professionalität aller Beteiligten, die vielen Stunden des Probens. Und auch an Aktivierung des Publikums ist wohl alles erreicht, was im Theater erreicht werden kann, so lange der Zuschauer noch immer auf seinem Platz sitzt und seine Aufmerksamkeit linear nach vorn richtet. Doch damit allein ist der besondere Eindruck nicht zu erklären. Es liegt wohl an der Arbeitsweise von Irina Pauls, alles im Prozess zu lassen und in Einzelheiten zu vervollkommnen - bis es sich zum Ganzen fügt.

Und ein letzter Zweifler meldet sich? Können Kinder eine solche Fülle überhaupt erfassen? Sind sie nicht von der Dichte all des Guten wie zum Beispiel der modernen Kunst überfordert? Martin Mannig, der in Stockholm und Tokio ausgestellt und nun zum ersten Mal eine Bühne ausgestattet hat, findet, dass Kinder oft unterschätzt werden. Man würde sie immer wieder schützen, vor allem. In der Premiere war nichts von Überforderung zu spüren. Die Kinder riefen "Äh?" und "Eh!" und waren sogleich beim Reime-Schmieden mit dabei. Auf "blau / schlau" dichtete ein besonders Vorwitziges "Kakao" - und alles lachte.

Und so ging es mit einem wunderbaren Wort-Quatsch im Kopf und Schwingungen im Körper wieder in die Welt zurück. Durch die Garderobe hüpften die Kinder und riefen sich Reime zu. Ein Fest des Chaos, das befreit im Kopf, bei Jung und Alt. So geht jeder gern nach Hause nach einem Theater-Besuch.

ab 4 Jahre. Nächste Vorstellungen heute, 19.30 Uhr, 28.1., 10 Uhr. Theater Junge Generation.

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.01.2014

Andrea Rook

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