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Wort- und Soundgewitter: Marcuse-Collage mit Stadlober und Spechtl

Wort- und Soundgewitter: Marcuse-Collage mit Stadlober und Spechtl

Nach gut 100 Minuten Wort- und Soundcollage im Dresdner Societaetstheater steht fest: Marcuse war und ist es nicht. Sein Buch "Der eindimensionale Mensch", das 1964 erschienen war und den Grundstock für das ebenso betitelte Programm bietet, ist von einer fast atemberaubenden Aktualität.

Wer ist hier eigentlich aus der Zeit gefallen: die auf der Bühne, Herbert Marcuse - oder doch wir alle?

Marcuse analysierte das Zusammengehen von wachsendem Konsum und Unfreiheit. Richtig gelesen: Unfreiheit. Das Zücken der Kreditkarte mag wohlige Schauer auslösen, frei macht es nicht. Und die strukturellen Ketten einer Arbeitswelt, der wir uns unterwerfen, um die nötigsten Bedürfnisse (auf hohem Niveau, zugegeben) zu befriedigen, hat Marcuse auch beschrieben. Mehr noch. Er rief dazu auf, sich ihrer zu entledigen. "Die große Weigerung" hat das der deutsch-amerikanische Soziologe genannt. Und auch wenn diese Weigerung ausblieb, ist Marcuses Buch immer noch eine der wichtigsten linken Gesellschaftskritiken, ein Leitfaden zum Denken - und Handeln. Über die Kritische Theorie mögen viele nur noch lächeln, ihre Bedeutung sollte in unserer Zeit aber eine Renaissance erleben. Sollte.

Marcuse, vor allem "Der eindimensionale Mensch", ist jedenfalls Gegenstand einer Bühnen-Collage geworden, die ein Quartett erarbeitet hat: der Schauspieler Robert Stadlober, der Musiker Andreas Spechtl, der Publizist Thomas Ebermann, der Autor Kristof Schreuf. Im Oktober 2014 war Premiere in Graz, 50 Jahre nach Erscheinen des Buches. Schreuf ging allerdings aus gesundheitlichen Gründen von Beginn an nicht mit auf die Bühne, auch in Dresden nicht. Ebermann führt eingangs mit sonorer Stimme das Publikum hin zu Marcuse, danach sitzt er im Bühnenhintergrund und raucht. Die Rampe bleibt damit Stadlober und Spechtl.

"Ich fühle Luft von anderem Planeten", wird wiederholt Stefan George zitiert. Und wenn die parallel zu Wort und Sound eingespielten Filme über Marcuse im Hintergrund laufen, wo sich ein volles Auditorium zum Beifall erhebt nach einem seiner Vorträge, schwebt tatsächlich für ein paar Momente dieses Gefühl im Raum, wie es damals gewesen sein muss zwischen 1967 und dem Anfang der siebziger Jahre. Großes und Grundsätzliches wurde verhandelt und in Frage gestellt. Diese Luft von anderem Planeten mag gesellschaftlich gesehen in jener Marcuse-Hochzeit hierzulande letztmalig vibriert haben. Nicht einmal 1989 ähnelt dem, weil dort das Aufflackern einer Utopie vergleichsweise kurz war.

Spechtl und Stadlober geben dem Abend trotz seiner philosophischen Textlastigkeit auch etwas Leichtes, wohlgemerkt nichts Profanes. Wenn Stadlober in kleinen Dialogen das steife Englisch Marcuses imitiert, hat das nichts Herablassendes. Spechtl - Kopf der Band Ja, Panik - trägt seine Textteile im österreichischen Singsang vor, was dem Ganzen eine eigenwillige, charmante Distanz zukommen lässt. Natürlich sind Spechtl und Stadlober Bühnensäue im besten Sinn, beim Thema Marcuse geht es ihnen aber um weit mehr als das Ausleben dieser Attitüde.

Also bleibt nach langem Beifall die Erkenntnis: Wir alle sind aus der Zeit gefallen, wenn wir die unsrige nicht mehr auf ihre strukturellen Unzulänglichkeiten abklopfen. Im Ergebnis muss dann kein Autodafé im Shopping Center stehen. Kurz vor dem Ende seines Lebens schrieb Marcuse über den fehlenden Erfolg der Umsetzung seiner Erkenntnisse: "Sinnlos, die Verzweiflung zu leugnen, die in dieser Beschäftigung steckt." Das Rad dreht sich aber nicht rückwärts. Also muss ein neuer Anlauf her. Von uns, den aus der Zeit gefallenen.

Kulturmanager wird Staatsopern-Intendant

Der Kulturmanager Matthias Schulz wird neuer Intendant der Berliner Staatsoper. Er tritt damit die Nachfolge von Jürgen Flimm an, der seit 2010 an der Spitze der Oper steht. Schultz, Geschäftsführer der Stiftung Mozarteum Salzburg, werde bereits Anfang 2016 kommen und dann bis zum ersten Quartal 2018 mit Flimm zusammenarbeiten, der dann geht. Das teilten Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim gestern mit. Der 1977 in München geborene Schulz arbeitete von 1999 an für die Salzburger Festspiele.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.06.2015

Torsten Klaus

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