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Wolfgang Schaller im DNN-Interview

"Völlig neue Dimensionen" Wolfgang Schaller im DNN-Interview

Am Freitag eröffnet Dresden das Kraftwerk Mitte als neues kulturelles Zentrum der Stadt. Dafür sorgt unter anderem der Einzug der Staatsoperette. Intendant Wolfgang Schaller sieht im Umzug auch eine "Überlebensversicherung" der Bühne. Die DNN haben vorab mit ihm gesprochen.

Wolfgang Schaller mit dem neuen Saal "seiner" Staatsoperette im Rücken.

Quelle: Stepahn Floß

Dresden. Frage: Worauf freuen Sie sich am neuen Standort am meisten?

Wolfgang Schaller: Endlich sind wir befreit von den beiden schlimmsten Hindernissen für unsere Kunst im Nachkriegsprovisorium, der viel zu kleinen Bühne und der schädlichen Akustik. Endlich ist die Bühne groß genug, um unsere Solisten, Chormitglieder und Tänzer mit ihrer wunderbaren Ausstrahlung und in ihren opulenten Kostümen zur Geltung zu bringen. Endlich ist der Orchestergraben so weitläufig, dass unsere Musiker nicht unter einer Betonplatte sitzen müssen, sondern die Sänger hören und mit ihnen musizieren können. Und endlich lässt der um zwei Drittel größere Saal eine echte Klangentwicklung zu, die wir bisher so sehr vermissen mussten. Diese Vorteile werden dem Publikum Gelegenheit geben, das Ensemble der Staatsoperette völlig neu zu entdecken.

Was werden Sie mit einem Blick zurück auf die Randlage in Leuben vielleicht vermissen?

Die wunderbare Gastfreundschaft von Eleni und Georgios Nikola im Restaurant Olympos gegenüber.

Was sind die größten Änderungen und Neuerungen – sowohl für das Publikum als auch für die Mitarbeiter?

Das Publikum findet einen faszinierenden Theatersaal in flammendem Rot, von dem der Architekt Jörg Friedrich sagte: „Das ist mein Vulkan!“. Er punktet mit einer tollen Sicht von allen Plätzen und einer hervorragenden Akustik, und selbstverständlich mit der lang vermissten Klimaanlage! Für unsere Künstler gibt es eine riesige Probebühne für die Neuinszenierungen und eine kleine Probebühne für die Repertoirepflege. Das Ballett nutzt schon den schönen neuen, großen Ballettsaal, der aber einen neuen Fußbodenbelag bekommen muss. Das Orchester und der Chor sind noch in der Erwartung, den großen Orchesterprobesaal und den schönen Chorsaal nutzen zu können, sobald die notwendigen akustischen Eigenschaften hergestellt sind.

Welche künstlerischen und technischen Möglichkeiten bietet die neue Spielstätte und wie werden sich diese in den einzelnen Spielplänen widerspiegeln?

Technisch gesehen bespielen wir im neuen Haus unserem Konzept zufolge eine große Bühne mit einem hohen Schnürboden, mit zwei Seitenbühnen und einer Hinterbühne mit Drehscheibenwagen, in den Drehscheibe und Drehring integriert sind. Mithilfe der elektronischen Steuerung können unsere Maschinisten vielfältige und überraschende Verwandlungen ermöglichen. Vor allem aber erlaubt die moderne Beleuchtungsanlage ein brillantes Lichtdesign, das den hohen Ansprüchen eines heutigen Publikums entspricht. Und die Tonanlage wird den Klang unserer Künstler perfekt wiedergeben können. Alles das zusammengenommen, ermöglicht es völlig neue künstlerische Dimensionen, wie man an unseren Eröffnungsinszenierungen wird sehen können.

Mit welchen Angeboten wollen Sie das Stammpublikum halten, und mit welchen neues Publikum ins Haus holen?

Unser Stammpublikum zu halten, ist uns schon gelungen. Und wir konnten sogar noch neue Abonnenten hinzugewinnen. Viele freuen sich schon auf unsere Opern-Premiere „Die Hochzeit des Figaro“, gesungen in deutscher Sprache, sodass Wortwitz und Pointen dieser wunderbaren Musikkomödie sofort ins Schwarze treffen können. Programmatisch haben wir uns vielfach auf neues Publikum eingestellt. Viele Tango-Tänzer wissen vielleicht noch gar nicht, dass sie demnächst bei „María de Buenos Aires“, der Tango-Operita von Astor Piazzolla, das Ballett der Staatsoperette erleben werden. Alle, die die Musik von Keimzeit lieben, können Norbert Leisegang und Co. bei uns neu entdecken: Gemeinsam mit dem Thüringer Staatsballett gastieren sie im März mit dem Tanzgastspiel „KeimZeit“.

Fans der Musicalstars Pia Douwes, Sabrina Weckerlin und Felix Martin kommen im April auf ihre Kosten. Dann spielen wir das Pulitzer-Preis gekrönte Musical „Next To Normal“, das gerade in Wien Erfolge feierte. Im Oktober bringen wir die Uraufführung von „Zzaun – Das Nachbarschaftsmusical“. Das Stück gewann 2015 den ersten Preis bei „Creators“, einem Wettbewerb für deutschsprachige Musicals. Die Musik ist ein atemberaubender Mix aus Pop-Balladen, Rocksongs und Schnellsprech-Einlagen – die Story ist witzig, skurril und liebenswert-böse: Aus einem kleinen Streit unter Nachbarn um eine zerbrochene Zaunlatte entwickelt sich eine Feindschaft von universellen Ausmaßen.

Welche Rolle wird dabei Laufpublikum spielen, und wollen Sie auch gezielt touristisches Publikum ansprechen?

Das bisherige touristische Publikum nehmen wir einfach mit – der Bus, der nach Leuben fuhr, findet auch den Weg ins Kraftwerk. Und die großen Reiseveranstalter, die bisher zurückhaltend waren, haben schon gebucht. Gezielt werben wir mit unseren touristischen Partnern die Individualtouristen. Der Dresdner, der preisbewusst ist, wird rechtzeitig oder spätestens einen Tag vor der Vorstellung buchen, denn da gilt noch der günstige Vorverkaufspreis. Wer jedoch am Abend in der Stadt, in der neuen Mitte Dresdens unterwegs ist, der wird sich von der neuen Vielfalt unserer beiden Theater sicher angezogen fühlen.

Wie groß ist die Zuversicht, die hohen Auslastungszahlen auch angesichts gewachsener Zuschauerkapazitäten in der Stadtmitte zu halten – oder gar noch auszubauen?

Die Zuversicht ist groß und die Zeichen stehen gut: Momentan haben wir für 45 von 110 Vorstellungen bis Spielzeitende keine Karten mehr oder nur noch wenige Restkarten. Ich habe immer die Auffassung vertreten, dass die Staatsoperette für Besucher aus allen Dresdner Stadtbezirken und aus dem ganzen Umland gut erreichbar sein sollte. Nun ist dies dank hervorragender Verkehrsverbindungen der Fall und meine Zuversicht demzufolge sehr groß. Die unglaubliche Energie, mit der wir bisher unser Publikum überzeugten, wird im neuen Saal nur noch größer sein. Und das unbedingte Bekenntnis unserer Stadt Dresden zu ihrer Staatsoperette, also zu uns, das in diesem Neubau seinen Ausdruck findet, verleiht uns neue Kräfte.

Sanierungen und Umbauten von Theatern sind bundesweit aktuell immer wieder Problemfälle, von Mannheim über Düsseldorf bis Augsburg. Dresdens Kraftwerk Mitte, steht da als positives Gegenbeispiel, selbst wenn es nun doch etwas teurer wird als geplant. Hand aufs Herz: Wie sicher waren Sie, dass alles im Zeit- und fast alles im Finanzrahmen bleiben würde?

Erschreckende Beispiele sind auch das Schauspielhaus Stuttgart und die Oper Köln. Als der Aushub der Baugrube drei Monate Verzögerung brachte, konnte ich mich über die Entscheidung von Axel Walther, Geschäftsführer der Kommunale Immobilien Dresden GmbH & Co. KG (KID), freuen, der mit der Züblin AG Maßnahmen zur Baubeschleunigung vereinbarte. Dass auf diese Weise und durch viele weitere Steuerungsmaßnahmen der Termin der Übergabe an uns gehalten werden konnte, erfüllte mich stets mit Zuversicht, die letztlich nicht enttäuscht wurde.

Staatsoperette und Theater Junge Generation richten sich an sehr unterschiedliche Zielgruppen. Wie viele Kooperationsmöglichkeiten und Synergien zwischen beiden Theatern sind trotzdem möglich?

Eine Art der Synergie stellt sich schon ein: Das Publikum wird sich gegenseitig erleben und allein schon dadurch angeregt sein, das jeweils andere Theater zu besuchen. Doch lassen Sie uns erstmal unsere Schulaufgaben machen und mit allem, was wir sind und sein wollen, im neuen Haus ankommen! Der Gedanke einer Kooperation zwischen unseren beiden Theatern ist so verlockend, dass wir bereits darüber nachgedacht haben, aber für eine konkrete Aussage ist es derzeit noch zu früh.

Die großen Staatstheater sind künftig fast unmittelbare Nachbarn. Wächst damit auch der Konkurrenzdruck?

Ich freue mich auf diese Nachbarschaft, denn ich schätze beide Häuser außerordentlich. Aber Sie sprechen es ja selbst schon aus: Groß sind nicht nur die Häuser, nicht nur die Zuschauerräume, die Bühnen, groß sind dort auch die Budgets und demzufolge die Möglichkeiten. Das Ensemble der Staatsoperette jedoch hat gezeigt, dass es mit seinem begeisterten Publikum und seinem unglaublichen Engagement den von vielen für unmöglich gehaltenen Schritt in das Stadtzentrum, in die neue Mitte Dresdens schaffen kann. Ich vertraue darauf, dass die künstlerische Kraft dieses Ensembles die großartige Investition unserer Stadt Dresden von innen heraus beleben wird. Warten Sie doch einfach das Urteil unserer alten und neuen Besucher ab!

Was unterscheidet Dresdner Theaterpublikum von dem anderer Städte?

Ich habe schon zu meinen Studienzeiten und seither immer wieder die Beobachtung gemacht, dass bei den Dresdnern die Liebe zu ihren Theatern überwiegt und die Lust am Buh-Rufen nicht so stark ausgeprägt ist. Das ist schön für uns, trotzdem habe ich mir manchmal mehr Anspruch und stärkere Meinungsäußerungen gewünscht. Das Stammpublikum der Staatsoperette ist konservativ geprägt. Das musste ich von Anfang an berücksichtigen, denn wenn ich das Haus leer gespielt hätte, hätte niemand ein neues Theater für uns gebaut. Jetzt freue ich mich genauso auf die Zuschauer, die uns seit Jahren die Treue halten, wie auf die Entdecker, die erst noch zu uns kommen werden.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie im Kraftwerk Mitte in den nächsten Jahren und Jahrzehnten?

Für die Staatsoperette, die – Sie erinnern sich – im Jahr 2002 schon einmal geschlossen werden sollte, bedeutet der Neubau mehr als eine Lebensversicherung, eine Überlebensversicherung nämlich. Das war auch immer meine Absicht. Heute schon, und wir haben noch gar nicht eröffnet, ist die Anziehungskraft unseres Hauses für Künstler spürbar gewachsen, das merken wir an den Bewerbungen, das hören wir in den Vorsingen. Befreit von den Behinderungen der Vergangenheit, beflügelt von neuer Wertschätzung, wird das Ensemble künstlerisch wachsen können, stärker noch als in den Jahren, die ich bisher mitgestalten konnte. Gerade planen wir zwei große Uraufführungen für die nächsten Jahre. Wir sind stark genug für eine neue Ära.

Die Fragen stellten Kerstin Leiße und Torsten Klaus

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