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Wolfgang Herrndorfs Buch "Bilder deiner großen Liebe" wird in Dresden uraufgeführt

Wolfgang Herrndorfs Buch "Bilder deiner großen Liebe" wird in Dresden uraufgeführt

Seine Theaterversion von "Tschick" ist nach der Uraufführung 2011 nicht nur in Dresden stets ausverkauft, sondern auch bundesweit ein Renner mit aktuell 77 Inszenierungen.

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Wolfgang Herrndorf, 2008.

Quelle: Patrick Seeger

Nun hat sich Robert Koall auch des letzten Romans des 2013 verstorbenen Wolfgang Herrndorf angenommen: "Bilder deiner großen Liebe" erlebt am Donnerstag im Kleinen Haus seine Uraufführung. Vorher sprach die DNN mit dem Chefdramaturgen am Dresdner Staatsschauspiel. Der Kölner (*1972) wird im Sommer 2016 mit seinem Intendanten Wilfried Schulz nach Düsseldorf wechseln.

Frage: Herr Koall, die meisten verbinden Herrndorf mit "Tschick". Warum sind Buch wie Stück so erfolgreich?

Robert Koall: Es ist einfach eine gute Geschichte, die Acht- bis Achtzigjährige anspricht. Keine Eltern, unendlich Zeit. Es reicht ein bester Freund, ein Auto, die Sonne - und dann einfach los! Es funktioniert, weil Herrndorf eine unheimlich schöne Sprache hat und unglaublich gute Dialoge schreiben kann.

Es wird überall nur Ihre Fassung von "Tschick" gespielt - warum?

Ich muss vorab gestehen, dass ich etwas beschämt bin, wenn von "meiner Fassung" gesprochen wird. Ja, ich habe etwas arrangiert, damit es auf der Bühne funktioniert - aber es ist zu 99 Prozent Herrndorfs Text.

Und welchen Zugriff hatte sich der Autor ausbedungen?

Keinen. Wolfgang Herrndorf hatte mir völlig freie Hand gelassen, er hat es sich noch nicht einmal angesehen.

Warum nicht?

Er war kein Theatermensch. Viel mehr ein Kinogänger. Er hatte eine DVD von unserer Inszenierung, aber vermutlich hat er sie nie angeschaut. Dafür waren seine Eltern zweimal hier und haben es mit Begeisterung aufgenommen, sie werden ihm davon erzählt haben.

Nun wird auch hier die Uraufführung von Herrndorfs letztem Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe" statt- finden...

Es war ja erst nach seinem Tod klar, dass er es doch noch so weit fertiggestellt und die Veröffentlichung verfügt hat. Und ab dann war klar, dass wir es machen müssen. Wir sind hier in diesem Hause alle wahnsinnig sentimental (lacht). Unser Verhältnis zu seinem Verlag ist sehr gut.

Sie kannten Herrndorf persönlich - konnten Sie mit ihm noch darüber reden?

Nein, das ging nicht mehr. Ab einem bestimmten Punkt der Erkrankung war die Kommunikation auf die wichtigen Dinge beschränkt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihn mit meinen trivialen Theaterfragen zu belästigen.

Aber er hat ja währenddessen noch gebloggt?

Ja. Daran konnte man auch sehen, dass die Arbeit voranschritt. Aber dort konnte man auch seine Akribie und seinen Drang zur Perfektion nachlesen, so dass die posthume Verfügung zur Veröffentlichung von "Isa", so wie er es lange nannte, doch für viele, auch für mich, etwas überraschend kam. Er hatte dann doch genug Vertrauen zu Verlag, Lektor und zur langjährigen Freundin Kathrin Passig, dass sie es fertig editieren und herausbringen konnten. Und wenn Sie heute das Buch lesen: Es klingt nicht wie ein Fragment. Es ist in sich fertig und abgeschlossen, meiner Meinung nach hätte es den Untertitel "Ein unvollendeter Roman" nicht gebraucht.

Mit dieser Uraufführung produzieren Sie ja auch eine Art Herrndorf-Vermächtnis...

Von Vermächtnis möchte ich nicht reden - das hat er selbst produziert, vor allem mit "Arbeit und Struktur". Das wäre auch ein zu großer Druck auf der Inszenierung. Fakt ist: Es ist sein definitiv letzter Text für uns als Theaterleute.

Es gibt also kein weiteres Material im Nachlass?

Nein. Schon im Juni wird das vollständige Gesamtwerk Herrndorfs sorgfältig editiert bei Rowohlt im Schuber erscheinen. Es ist ein schmales, aber reiches Werk. Seine Bücher gehören für mich zu den besten, die in Deutschland in den letzten Jahrzehnten erschienen sind.

Warum?

Er kam leider erst spät zum Schreiben. Aber schon "Plüschgewitter", wo er noch seine Aufwärmrunden dreht, ist ein außergewöhnliches Buch. Dann "Tschick", "Sand" und "Bilder deiner großen Liebe" - allesamt komplett unterschiedlich in Tonalität und Dramaturgie, aber immer ganz nah an der Geschichte, wenig manieriert, mit großer Sprachgewalt. Und zum Schluss "Arbeit und Struktur" als solitäres Beispiel. Viele gehen ja heute mit ihrer Krankheit an die Öffentlichkeit - aber keiner so geist- wie humorvoll.

Ohne zu viel zu verraten - was passiert im Stück?

Es wird eine sehr schöne Inszenierung. Aber man darf keinesfalls erwarten, dass es die Fortsetzung von "Tschick" sei und nahtlos daran anknüpfe. Es sind zwei unterschiedliche Bücher, die sich eine Figur, nämlich jene der Isa, teilen. "Tschick" ist trotz der tiefschwarzen Stellen ein im Grundtenor fröhliches Buch. Es handelt von Bewältigung. Isa handelt von Überwältigung - ein 14-jähriges, krankes, verstörtes Mädchen wandelt auf Abwegen durch Deutschland. Wie eine späte Erbin der Romantik kommt sie daher. Sie finden, wenn Sie wollen, viele Echos in der Literaturgeschichte, die sich hier vereinen. Zwar gibt es helle, heitere Momente, ab letztlich beobachten wir jemanden, der nicht in Harmonie mit der Welt lebt - um es vorsichtig auszudrücken.

Es ist neben den Schauspielern Lea Ruckpaul und Holger Hübner auch das komplette Tschick-Regieteam am Start?

Ja, man wird das erkennen, aber es wird dennoch ganz anders. Regisseur Jan Gehler geht ungemein zärtlich mit seinen Figuren um.

Alle angekündigten Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Hätte man angesichts der zu erwartenden Resonanz nicht sofort in den großen Saal des Kleinen Hauses gehen sollen?

Es ist ein kleiner Stoff, im Prinzip fast ein Solo. Man sollte ihn so belassen und ihm den nötigen Halt geben, nicht versuchen, ihn künstlich aufzupumpen. Die Konstellation auf der Bühne passt schon gut für einen eher kleinen Raum. Lieber spielen wir es öfter, als es vor einem größeren Publikum aufzublasen.

Sie haben mit Christoph Schlingensief, mit Christoph Marthaler und mit Wilfried Schulz gearbeitet. Wie unterscheiden sich deren Arbeitsweisen?

Der Vergleich ist eigentlich nicht statthaft, denn es waren drei völlig unterschiedliche Arbeitsbeziehungen. Bei Schlingensief war ich Regieassistent, bei Marthaler als junger Dramaturg, und bei Wilfried Schulz bin ich, nach fünf Jahren in Hannover, nun schon sechs Jahre Chefdramaturg in Dresden. Ich schätze alle drei, obwohl sie sehr unterschiedliche Charaktere sind. Christoph Schlingensief hat aus einer permanenten Überforderung die Kraft gesogen, auch andere stets zu überfordern, um aus diesem Zustand heraus Erstaunliches zu vollbringen. Christoph Marthaler arbeitet und lebt einen sehr familiären Theatergedanken. Er pflegt ein sehr offenes System, auch in Sachen Verantwortung und Arbeitsteilung. An Wilfried Schulz schätze ich besonders drei Sachen: Erstens, dass es nichts gibt, was in diesem Haus für ihn unwichtig ist. Das fängt beim Haken für Handtaschen in der Damentoilette an und hört bei der Präsentation großer Premieren auf. Das zweite ist: Er ist auch als Intendant immer Dramaturg geblieben. Das heißt, er leitet seine Häuser unter inhaltlichen Prämissen. Und das dritte: Er betrachtet Theater nicht als geschlossenes System, sondern als einen Ort in der Stadt, der sich mit seiner Umwelt optimal zu vernetzen hat. Das bedeutet auch Einmischungen in die Gesellschaft, die über ästhetische Interventionen hinausgehen. Diese drei Dinge, also seine Akribie, sein inhaltlicher Ansatz und sein politisches Verständnis künstlerischer Arbeit, liegen mir sehr. Deshalb werde ich auch mit einem weinenden Auge im Sommer 2016 aus Dresden weggehen, um meine Arbeit mit Wilfried Schulz in Düsseldorf fortzusetzen.

Uraufführung am Donnerstag, 19.30 Uhr, Kleines Haus (ausverkauft)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.03.2015

Andreas Herrmann

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