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„Wir sind keine Barbaren!“ funktioniert in Bautzen eindrücklicher als in Dresden

Deutsch-Sorbisches Volkstheater „Wir sind keine Barbaren!“ funktioniert in Bautzen eindrücklicher als in Dresden

Heimatchor mit jeweiliger Nationalhymne – so startet per Regieanweisung „Wir sind keine Barbaren!“ von Philipp Löhle sein „Stück für 4 Schauspieler und einen möglichst großen Chor“. Vorher steht – als eine Art Leitmotiv – eines jener typischen Merkelzitate für kommende Geschichtsbücher: „Wir sind, wie wir sind, und andere sind, wie sie sind.“

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Quelle: Miroslaw Nowotny

Bautzen. Heimatchor mit jeweiliger Nationalhymne – so startet per Regieanweisung „Wir sind keine Barbaren!“ von Philipp Löhle sein „Stück für 4 Schauspieler und einen möglichst großen Chor“. Vorher steht – als eine Art Leitmotiv – eines jener typischen Merkelzitate für kommende Geschichtsbücher: „Wir sind, wie wir sind, und andere sind, wie sie sind.“ Dabei ist die Lage der Nation keine einfache, wie der Chor gleich anfangs barsch gesteht: „WIR schlagen auch mal über die Stränge / Nur nicht zu arg / Und nur samstags / Und nur einmal im Jahr / Gönnen WIR uns was / So!“ Nun also auch in Bautzen.

Angekündigt ward dort das Werk, welches am Deutsch-Sorbischen Volkstheater seine sächsische Zweitaufführung erfährt, als „flotte Ehekomödie“, der Autor als „Hoffnungsträger der leichtfüßigen deutschen Gesellschaftssatire“ und im direkten Vergleich zu Rezas „Gott des Gemetzels“ gepriesen. Spannend ist dessen Karriere, vor allem jene Zeit als Hausautor am Berliner Maxim-Gorki-Theater in dessen guten Zeiten, schon, aber reine Familienkonflikte, die feinsinniger Charakterstudien bedürften, sind eher nicht sein Sujet.

Er widmet sich eher dem Hau-drauf-Politgenre und kopiert dazu den trostlosen Slang abgeklärter Vorabendserien neudeutscher Prägung – dies aber durchaus spitzfindig und gekonnt.

Zur Berner Uraufführung im Frühjahr 2014 tobte dort just die Debatte um die „Einwandererkontingente“, also Angst vor Überfremdung. Im Herbst darauf kam es in Regie von Barbara Bürk im Dresdner Kleinen Haus – und berührte recht wenig, was auch an der Handlung liegt. Denn in der kargen Wohnung des saturierten Durchschnittspaares Barbara und Mario passiert nicht viel, so dass das Einzugsgestöhne von Linda und Paul aus der Nachbarwohnung erst stört, später ein wenig antörnt. Doch die Liebe entfloh kurzzeitig später endgültig bei ihrem Geburtstag: in einem riesigen 46-Zoll-Heimkino Ultra-HD, der vor allem dem besseren Ball dient – dabei wollte sie nur ein Klapprad.

Bald lernen sich die beiden Paare, deren Horizont nur bis zu Jobs (statt Berufen) und Freizeit (statt Kinder) reicht, näher kennen, es könnte eine Art unverbindliche Freundschaft werden, würde nicht nachts das Fremde anklopfen: Ein großer starker schwarzer Obdachloser kommt als gedankliche Lustmetapher ins Spiel und schleicht sich in die Idylle, Yoga-Lehrerin Linda, sehr souverän von Ana Pauline Leitner bei ihrem Bautzen-Debüt gespielt, lehnt den türklopfenden illegalen Kriegsflüchtling, den man Bobo oder Klint nennt, ab. Köchin Barbara, gespielt von Lilli Jung, nimmt ihn unter Marios Duldung auf und päppelt ihn dank Tagesfreizeit hoch.

Beide Nachbarinnen ergötzen sich in ihren exotischen Betrachtungen des Fremden, der ohne echten Namen, Herkunft und Auftritt stets im Vagen bleibt, in subtilen Alltagsrassismen, über die oft und gern gelacht wird, und sind eigentlich mit ihren recht simplen Männergestalten gut

bedient: Lindas Paul ist ein hyperlebendiger Kommunikator, der in der guten Stube in amerikanischer Manier einen Panic-Room für die kommenden Überfalle baut – komödiantisch gut ausgespielt von Mirko Brankatschk. Marian Bulang wandelt sich als Verlierer Mario vom frauenfalschverstehenden Pantoffeltrottel zum todbetrübten Leidenden und zeigt dabei vor allem in der Zerbrechlichkeit neue Facetten.

Denn schnell wird klar – das suggeriert auch der eigens gebildete 17-köpfige Bautzener Bürgerchor, den Gabriele Rothmann unter Mithilfe von Elevin Anna Zacharias souverän führt – durch zunehmende Fiesheit:

Das naive Gutmenscheln geht ganz böse aus: Barbara endet als Leiche im Wald, der Fremde wird als Mörder zum Tode per Abschiebung ins Heimatland verurteilt, Mario derweil zum tobsüchtigen Ausländerfeind, die neuen Nachbarn brauchen bald neue Nachbarn.

Zum Krimi wird das Stück erst ganz zum Schluss: Denn Anna, die Zwillingsschwester von Barbara, ebenso Lilli Jung in Doppelrolle, kommt angeflogen und will die ganze Wahrheit wissen – und geht zum Täterverhör in den Knast. Ihre Erkenntnis: Bobo hat das Schwesterlein leibhaftig geliebt und für einen Mord keinerlei Motiv. Flucht un Verscharrung ein Kurzschluss. Für diese Botschaft wird sie natürlich von der ganz normalen Volksgemeinschaft ebenso als Fremde verfemt … Regisseur Stefan Wolfram kompensiert die Schwächen des Stückes und liefert nach „Terror“ wieder eine überzeugende Arbeit auf recht komplizierten Terrain: Wohnt der verzweifelten Rechtfertigung „Wir sind keine Barbaren!“ doch der Aufruf inne, sich weder für seinen eigenen Wohlstand entschuldigen zu müssen, noch sich für alles Unheil der Welt verantwortlich zu fühlen. Dass diese Argumentation, sobald man die Welt als globalen Organismus begreift, nicht so recht stimmt, ist klar – und wird dank Zeitgeschichte zwei Jahre später viel deutlicher als noch in Dresden.

Dazu schuf er selbst das Bühnenbild – eine weiße, leere Stube mit Randbänken – und setzt auf Kostüme von Irina Steiner und die musikalische Leitung von Tasso Schille. Anders als Barbara Bürk nutzt er den Heimat- als Bürgerchor, um die anfängliche Komödienstimmung, bei der viele Lacher völlig unkorrekt rausrutschen, allmählich kippen zu lassen. Nach dem Höhepunkt der Volkstümlichkeit, dem Karneval, kehren sie nur langsam und einzeln in den Zivilmodus zurück. Und wie bei als Staatsanwältin in „Terror“ lässt er Lilli Jung über der Aufführung schweben: erst als naiven Engel, dann als konsequente Aufklärerin. Wie der Hintersinn Löhles in Bautzen auf Dauer wirkt, bleibt spannend, bei der nicht ganz vollen Premiere dauerte es ein wenig, bis der herzhafte Beifall einsetzte.

Nächste Vorstellungen: Bautzen am 4., 18. & 28. Dezember sowie 28. Januar.

Netzinfos: www.theater-bautzen.de

Von Andreas Herrmann

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