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"Wir sind ein ehrliches Museum" - Ein Jahr Militärhistorisches Museum in Dresden

"Wir sind ein ehrliches Museum" - Ein Jahr Militärhistorisches Museum in Dresden

Ein Jahr ist seit der Eröffnung des neu gestalteten Militärhistorischen Museums am 14. Oktober 2011 vergangen. Kontroverse Diskussionen um den Libeskind-Keil, exorbitante Besucheranstürme in den ersten Wochen und hartnäckige Kinderkrankheiten - hinter Museumsdirektor Oberst Matthias Rogg liegen turbulente zwölf Monate.

Im DNN-Interview spricht Rogg über das vergangene sowie über Ambitionen für das kommende Jahr.

Frage : Herr Rogg, Wenn Sie heute, ein Jahr nach der Wiedereröffnung, in Ihr Museum kommen, sind Sie dann zufrieden mit sich und der Welt?

Matthias Rogg : Ganz klar ja. Wir haben zehn Jahre lang darauf hingearbeitet. Und wenn man es dann schafft, auf den Punkt genau zu eröffnen, und die Besucher kommen und sind in der übergroßen Mehrheit begeistert, und auch das öffentliche Interesse ist derart groß und reißt nicht ab - dann ist das einfach nur ein Riesenerfolg.

Haben Sie denn selbst einmal Zeit gefunden, ganz in Ruhe durch das Haus zu gehen und sich alles anzuschauen?

Selten! Aber ich habe sie mir genommen, und ich entdecke dabei immer wieder Neues. Auch ich habe hier meine Lieblingsecken...

...die da wären?

Ich mag die Frühe Neuzeit, weil ich dort wissenschaftlich lange meine Heimat hatte. Auch der Themenbereich "Militär und Mode" gefällt mir gut. Aber auch ich habe noch nicht jeden Bereich genauestens betrachtet. Das Schönste am stetigen Neuentdecken ist immer wieder zu sehen, dass unser Konzept aufgeht, unsere Philosophie überall erkennbar ist.

Gibt es auch Dinge, an denen noch gefeilt werden muss?

Logisch. Es gibt bestimmte technische Probleme. Das ärgert uns schon. Ein Beispiel: Die Schrift in den Vitrinen ist zu klein. Wir haben das erkannt und werden die Tafeln auswechseln. Leider geht das nicht so schnell, man kann die Texte nicht einfach "aufblasen". Auch nicht schön ist, dass wir noch immer nicht alle interaktiven Stationen am Laufen haben. Die Inhalte sind lange erarbeitet, aber die Umsetzung ist problematisch, da es sich um Prototypen handelt. Beispiel: die Rollregalanlage zum Thema Erinnerung. Das Prinzip ist super, aber die Sensorik macht Schwierigkeiten. Vom 7. bis 16. November werden wir eine Schließwoche einlegen, um viele dieser Kinderkrankheiten zu beheben.

Muss noch anderweitig nachjustiert werden?

Einige Besucher haben Orientierungsschwierigkeiten im chronologischen Bereich beklagt. Man muss vorweg sagen, dass das Teil unseres Konzeptes ist! Dennoch sind wir dabei, hier Erleichterungen zu schaffen. Zum Beispiel, indem wir punktuell mit Wegmarkierungen arbeiten. Unterm Strich sind das aber wenige Stimmen, insgesamt zeigt sich: Die Ausstellung funktioniert - und zwar auch, wenn viele Besucher im Museum sind.

Fast 500 000 waren es ja im ersten Jahr. Was ist diese Zahl wert?

Von über 6400 Museen in Deutschland haben nur etwa vier Prozent mehr als 100 000 Besucher im Jahr. Natürlich gibt es Museen mit noch mehr Gästen. Aber rund eine halbe Million im ersten Jahr - das ist unglaublich viel.

Wird das so weitergehen?

Das werden wir natürlich nicht halten können. Aber wenn wir uns ungefähr bei 200 000 im Jahr wiederfänden, wäre das ein Supererfolg.

Was ist wichtiger: dass möglichst viele Menschen Ihr Konzept sehen, oder dass möglichst viele ihm eine hohe Qualität attestieren?

Weder das eine noch das andere - obgleich wir uns über beides natürlich freuen. Aber der größte Erfolg unseres Hauses ist es, denke ich, wenn die Besucher überraschende, neue Aspekte und Perspektiven entdecken. Darin liegt die eigentliche Qualität: In diesem Museum bleiben starke Bilder.

Spielen die Sonderausstellungen dabei eine besondere Rolle?

Ja, darauf legen wir besonderen Wert. Auch in den Sonderschauen muss die Linie des Hauses wiedererkennbar sein. Wir sind nicht beliebig. Deshalb werden wir auch künftig keine techniklastigen Sonderausstellungen machen, sondern immer den Menschen in den Mittelpunkt rücken. Das wird sich auch beim Thema "Stalingrad" zeigen, das im Dezember startet. Auch hier stehen keine Generäle oder Schlachtpläne im Vordergrund, sondern die Perspektive ganz einfacher Soldaten.

Sie wollen nach eigener Aussage ein ehrliches Museum sein. Meinte das nicht auch, noch kritischer nach innen zu schauen? Themen wie Frauen in der Bundeswehr oder Kriegstraumata sind im Museum noch recht rar gesät.

Kritisch nach innen schauen sollte man immer. Das sind natürlich auch junge Themen für ein historisches Museum, die aber heute interessieren. Wir sind derzeit dabei, diese in künftige Projekte zu integrieren. Konkret ist eine Sonderausstellung "Militär und Sexualität" in Planung, in der das Thema "Frauen in der Bundeswehr" auch eine Rolle spielen wird. Da sind wir also durchaus mutig. Zum Thema Kriegstrauma machen wir uns derzeit Gedanken, wie wir das abbilden können. Es ist ohne Frage ein Thema, das drängt.

Gibt es etwas, das Sie unheimlich gern in Ihrer Ausstellung hätten?

Ich würde mir zu allererst wünschen, dass der Zuspruch der Besucher weiterhin so stark bleibt. Für die Stalingrad-Ausstellung habe ich in der Tat etwas ganz Besonderes vor Augen, das sich derzeit in Privatbesitz befindet. Mehr kann ich aber dazu noch nicht sagen, da es bislang keine Zusage gibt. Aber das wäre wirklich eine ganz tolle Sache und ein zentrales Exponat.

Was darf der Besucher im zweiten Museumsjahr erwarten?

Nach der Stalingrad-Ausstellung, die wieder von zahlreichen Veranstaltungen begleitet werden wird, wird es u.a. im nächsten Jahr eine kleinere Ausstellung mit dem Titel "1636 - Ihre letzte Schlacht" über das Auffinden eines Massengrabes bei Wittstock geben; im Sommer startet dann mit "Blutige Romantik" eine Rückschau auf die Befreiungskriege 1813. Ansonsten wird es viele kleinere Veranstaltungen und auch das Forum Museum wieder geben und am 29. Oktober den nächsten Poetry Slam. Gespräch: Jane Jannke

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.10.2012

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