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Regional Wilfried Krätzschmar: „Große Sorge um die Perspektive der Staatsoperette“
Nachrichten Kultur Regional Wilfried Krätzschmar: „Große Sorge um die Perspektive der Staatsoperette“
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11:55 27.10.2017
Wilfried Krätzschmar  Quelle: Sächsische Akademie der Künste

Prof. Wilfried Krätzschmar, Komponist, 1991 bis 2003 Rektor der Dresdner Musikhochschule und bis Mitte 2017 Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, war in die Findungskommission berufen worden und hat dort seine Vorbehalte zur Neubesetzung der Intendanz der Staatsoperette mit Kathrin Kondaurow zur Kenntnis gegegeben. Jetzt geht er den auch für ihn sehr außergewöhnlichen Schritt, seine Bedenken öffentlich zu äußern. Kerstin Leiße fragte ihn dazu.

Frage: Sie waren in der Findungskommission für die Intendanz der Staatsoperette Dresden. Wie verlief der Entscheidungsprozess?

Wlfried Krätzschmar: Über Einzelheiten werde ich mich nicht äußern, da sie der Vertraulichkeit unterliegen. Dass ich mich überhaupt zu einer Positionierung veranlasst sehe, ist der großen Sorge um die Perspektive der Staatsoperette geschuldet, erwachsend aus dem problematischen Resultat. Der Entscheidungsprozess selbst war von sorgfältiger Vorbereitung getragen und geprägt von einer offenen Atmosphäre, er verlief in gründlichem Austausch, nach demokratischen Regularien und ohne Anlass zu Beanstandungen.

Warum hat sich das Gremium schließlich mehrheitlich für Frau Kondaurow entschieden, was waren die ausschlaggebenden Argumente?

Die Argumentationslinien verliefen kontrovers. Mit der Entscheidung für Frau Kondaurow wurde offenbar vor allem die Hoffnung verbunden auf neue Entwicklungen, auf neuartige Ansätze – die Erwartung, dass ein mutiger Schritt sich auszahlen könnte.

Sie haben gegen den Vorschlag gestimmt, was waren Ihre Gründe?

Was die Staatsoperette braucht, ist fortgesetzte Sicherheit einer Personalie von überzeugender Tragfähigkeit. So ehrenwert ein sogenannter mutiger Schritt erscheinen mag, steht er in keinem Verhältnis zur Sensibilität der Intendantenfrage just in dieser Phase der Weiterentwicklung des Hauses. Frau Kondaurow entspricht – bei aller anerkennenswerten Tüchtigkeit – mit dem, was sie an bisheriger Berufserfahrung mitbringt, nicht den jetzt notwendigen Dimensionen.

Welche Führungspersönlichkeit braucht Ihrer Meinung nach die Operette in der Nach-Schaller-Zeit?

Die Staatsoperette braucht nach der Ära Schaller, in der es nahezu ausschließlich um existenzielle Belange, um das pure Überleben ging, jetzt den entscheidenden künstlerischen Impuls, einen konzeptionellen Akzent von internationaler Ausstrahlung. Die Intendanz muss umfangreiche Leitungserfahrung, auf angemessener Ebene, zusammenbringen mit einer international anerkannten künstlerischen Kompetenz und attraktiven Handschrift, dazu mit dem Feeling für die Spezifik des Hauses und seinen einmaligen Stellenwert.

Was sind in Ihren Augen die besonderen und wichtigsten Herausforderungen inhaltlich, organisatorisch und im Bereich der Ensembles für die kommenden Jahre?

Die Staatsoperette muss nach den Jahren des Provisoriums ihren inhaltlichen Standort zum einen behaupten, zum anderen – nunmehr überhaupt erst einmal angekommen am eigenen Platz – noch einmal grundsätzlich definieren und zukunftsfähig justieren. Sie ist organisatorisch gut aufgestellt, wird aber im Einarbeiten in die neuen Kriterien des laufenden Betriebes, nicht zuletzt auch im Zusammenwirken mit dem tjg und weiteren Playern, auch die Organisationsstrukturen auf den Prüfstand zu stellen haben.

Was kann und müsste da ein Intendant/eine Intendantin erreichen?

Das ist ein weiter Horizont! Ich denke, dass alle Aufgaben immer in ihrem ambivalenten Gefüge gemeistert werden müssen. Also: internationale Ausstrahlung und regionale Identifikation, Bewahrung tradierter Wertigkeiten und ständige Innovation und Infragestellung, künstlerische Dominanz und theoretische Reflexion, Alleinstellungsanspruch und Kooperation, Führungsstärke und Ensemblefähigkeit.

Welche Chancen hat ein solches Theater wie die Staatsoperette überhaupt im 21. Jahrhundert?

Dieses Theater verfügt über ein Alleinstellungsmerkmal, um das es alle anderen beneiden können. Das ist ein Kapital im umfassendsten Sinne. Dieses Kapital hat es durch alle Unsäglichkeiten hindurch ohne Gesichtsverlust – und eher immer noch mit Gewinn – bestehen lassen. Deshalb sind ihm die besten Chancen, vor allen anderen, zuzurechnen.

Es ist eher ungewöhnlich, dass ein Findungskommissionsmitglied sich nach einer Abstimmung öffentlich äußert. Was hat Sie schließlich zu diesem Schritt bewogen?

Es ist unüblich, da haben Sie recht. Und ich befinde mich mit dieser Situation auch in einem Gewissenskonflikt. Aber ich sage es noch einmal: Ich sehe angesichts der anstehenden Aufgaben mit großer Sorge auf die getroffene Entscheidung. Dass die Kulturbürgermeisterin mich, seinerzeit aus dem Amt als Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, und aufgrund meines langjährigen Engagements für das Schicksal dieses Theaters, in die Findungskommission berufen hat, war mir nicht nur eine Ehre, sondern bedeutete auch das Übernehmen einer nicht ganz einfachen Verantwortung. Aus dieser Verantwortung leitet sich für mich die Notwendigkeit her, meine Bedenken auch deutlich zu machen. Einerseits habe ich als Mitglied der Findungskommission das Ergebnis mit zu tragen. Andererseits aber kann ich vor der Öffentlichkeit die Bewertung dieser schwerwiegenden Entscheidung nicht mit Stillschweigen übergehen.

Haben Sie Ihre Einwände auch rechtzeitig der Dresdner Kulturbürgermeisterin deutlich gemacht?

Ja. Das habe ich als unumgänglich erachtet. Da ich zum Mitberaten in die Kommission berufen wurde, sah ich es als meine Aufgabe an, der Kulturbürgermeisterin meinen Rat ausdrücklich nahezulegen.

Und wie war die Reaktion darauf?

Ich habe zur Kenntnis zu nehmen, dass Frau Klepsch als Vorsitzende an die Entscheidung der Kommission gebunden ist. Es steht mir nicht zu, darüber zu befinden, wie das mit der Verantwortung für die Perspektive der Operette in Einklang zu bringen ist.

Welche Möglichkeiten sehen Sie noch?

Das ist eine Frage, die ich mir in Dresden nicht zum ersten Mal stelle. Als vor über zehn Jahren der damalige Finanzbürgermeister öffentlich erklärte, in zehn Jahren werde es die Staatsoperette nicht mehr geben, haben wir uns trotz aller begründeten Befürchtungen nicht beirren lassen. Vielleicht ist auch jetzt noch eine Wendung zum Guten des Hauses möglich. Nach der Havarie könnte man sagen: Möge der richtige Schalter gedrückt werden!

Von Kerstin Leiße

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