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Regional „Wild“: Michael Mittermeier vergnügt seine Gäste im Alten Schlachthof Dresden
Nachrichten Kultur Regional „Wild“: Michael Mittermeier vergnügt seine Gäste im Alten Schlachthof Dresden
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18:27 25.01.2018
Michael Mittermeier bei seinem aktuellen Programm „Wild“ Quelle: Foto: Andre Kempner
Dresden

„Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage: Lebe wild und gefährlich, Arthur.“ Das antwortete der österreichische Autor Arthur Schnitzler seinem französischen Freund und Kollegen Arthur Rimbaud auf dessen Frage „Was soll ich tun?“ Das war im 19. Jahrhundert. Längst ist das Credo auf einer Postkarte an vielen Kühlschränken von Studenten-WGs gelandet.

Die Deutschen selbst sind allerdings mittlerweile eher ein Volk von Angsthasen, im Ausland macht man sich über die „German Angst“ gar lustig. Und nun kommt Michael Mittermeier daher und nennt sein Programm „Wild“, das Wort stand bei seinem Gastspiel im proppevollen Schlachthof auch in blutroter Farbe, wenn nicht vier Meter groß, im Bühnenhintergrund. Selbst ein Lied in der Pause beschwört die Grundhaltung, der olle Cat-Stevens-Hit aus dem Jahr 1971, in dem es heißt: „Oh baby baby, it’s a wild world“.

Der den nimmermüden Dauerjüngling mimende Mittermeier ist definitiv born to be wild, seit Anfang der 1990er mischt er die verschnarchte Kabarettszene auf, auf eine Weise, die nicht jedem gefällt, auch weil er keine Scheu hat, unter die Gürtellinie zu gehen und, statt nur über die da oben zu lästern, viel lieber in die Welt der Popkultur eintaucht. Klar, Mittermeier zieht durchaus über die „Bad Guys“ der Welt, Trump (der Mann mit der geföhnten toten Katze auf dem Kopf“) und Putin, Erdogan und Kim Jong-un vom Leder, prangert die Kinderarmut im Land an, aber nicht weniger couragiert widmet er sich dem Pokémon-Fieber und der Welt von Star Wars. Leute, die im Elfenbeinturm der vermeintlichen Hochkultur sitzen, haben bei Mittermeier, der den schwierigen Spagat zwischen Genital-Gags und Gesellschaftskritik locker bewältigt, ganz schlechte Karten. Freimütig räumt er, der Jahrgang 1966 ist, also „vorm Großen Krieg geboren sein muss“, wie er mal von zwei deutlich jüngeren Dingern gesteckt bekam, dass er ungern „gendert“. Denn er ist nun mal in Bayern auf dem Land aufgewachsen, „da waren Sexismusdiskussionen seltener als Marienerscheinungen“. Überfordert war er auch mit dem „Hausfrauenbefeuchter“-Film „Fifty Shades of Grey“. Er wollte wissen, was dran ist am Hype, und sah sich im Free-TV, also im „Befreiten Fernsehen“, den ersten Teil an. „Ein Fessel-Film im Free-Tiwi – klassisches Paradoxon“, wie Mittermeier, der mal Politologie und Amerikanistik studierte, klipp und klar erkennt.

So juvenil er herumalbert und -hampelt, das Alter bringt es wohl mit sich, dass Mittermeier nicht nur die Erkenntnis gewonnen hat, dass Eltern ganz bewusst keine Leute einladen, wenn sie mal eine sturmfreie Bude haben, sondern manches auch gelassener sieht (vielleicht unterschwellig beeinflusst von der Weisheit des Jedi-Meisters Yoda aus der Star-Wars-Saga, die da lautet: „Niemals vergessen du darfst: Deine Wahrnehmung bestimmt deine Realität!“).

Letztlich sei doch vieles eine Frage der Perspektive, räumt Mittermeier ein: 12,6 Prozent Stimmen bei der Bundestagswahl für die AfD? Also in Österreich wäre so ein Wahlergebnis für die Rechten eindeutig ein Linksruck. Mit den Ösis hat es der Bayer: Die Begründung, mit der vor zwei Jahren in Österreich die Wahl zum Bundespräsidenten verschoben wurde, weil nämlich die Kuverts mangels eines guten Klebers nicht verschlossen werden konnten, hält die Rampensau für glatt gelogen: „Meine Vignette an der Windschutzscheibe meines Autos klebt seit zehn Jahren, nicht mal mit einem Flammenwerfer habe ich sie runter bekommen!“

Und ja, mit diebischer Freude reißt er auch den einen oder anderen Witz über die Sachsen, da kennt der Bayer nix, was okay ist, denn vor der eigenen bayerischen Haustür kehrt der Sprücheklopfer durchaus ordentlich genug. Wirklich wild wird er nicht, weder bei den Kindheitserinnerungen an Star Wars und das Umfunktionieren von Kirchenkerzen zu Laserschwertern, aber auch nicht bei Spöttereien über die Warnhinweise, wie sie in den USA allgegenwärtig sind, „erstaunlicherweise“ aber auf Waffen fehlen. Gut, alles schon mal dagewesen, aber Mittermeier spielt die Pointen gut aus, setzt jede Sprechpause genau da, wo sie sein muss, auf dass sich die Wirkung des Witzes entfaltet.

Überhaupt scheint die Sprache etwas zu sein, was er immer wieder gern im persönlichen Kaleidoskop betrachtet, mit der er spielerisch arbeitet, die ihn aber auch verblüfft. Das Wort „Sondierungsgespräch“ habe er bislang überhaupt nicht gekannt, räumt er ein. Und letztlich stellt er die einzig richtige Frage: Folgst Du dem guten Stern oder dem Todesstern? Auch hier entgeht denen, die Stars Wars nie gesehen haben, die feine unterschwellige Nuance der Frage. Fakt ist: Michael Mittermeier ist keiner, den es auf die dunkle Seite der Macht drängt.

Von Christian Ruf

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