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Regional Wie die vieldiskutierte Punkband Feine Sahne Fischfilet im Schlachthof gefeiert wurde
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11:26 03.12.2018
Feine Sahne Fischfilet um Sänger Monchi ist mehr als eine Party-Punkband. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Jede Kindergärtnerin und jeder Verfassungsschutzmitarbeiter würden sich freuen über die wunderbar akkurate Zweierreihe, die sich am Samstagabend häppchenweise in den Alten Schlachthof schiebt. Drinnen dasselbe Bild: Eine Zweierreihe nun nicht mehr frierender, sondern schwitzender junger Menschen, die ihre dicken Jacken loswerden wollen. Jemand gibt den Hinweis, dass das schneller ginge, wenn man sich schon mal in der Schlange entblättere und sortiere, „Einen Euro, bitte“ – „Danke“ – „Bis dann.“ Herzlich Willkommen bei Feine Sahne Fischfilet, Deutschlands wohl meistdiskutierter Band – Sie wissen schon: Verfassungsschutz in McPomm, B(r)auhaus-Konzert in Dessau und so.

Der Alte Schlachthof ist ausverkauft an diesem Abend, und doch geht es entspannt zu. „Extrem“ scheint hier höchstens die gute Laune der Leute zu sein. Die Toten Hosen und das Wacken-Festival, Dynamo Dresden und der Rote Stern Leipzig, Jello Biafra und FCK AFD gehen auf T-Shirts in der Halle spazieren, die Vorband Alarmsignal macht dazu auf der Bühne Krach mit deutschen Texten. Hinten, neben dem Mischpult, lässt sich jemand den Unterschied von Tagesgeld- und Sparkonten erklären. Wirklich wahr.

Viertel zehn wackelt das riesige FSF-Banner auf der Bühne und: „Es geht los! Es geht los, heute Nacht! Alle treiben sich gegenseitig an … Wir sind zurück in unserer Stadt!“ Gitarrengeschrammel, Schlagzeuggeknüppel, Gute-Laune-Trompeten und schon hier, im ersten Song, ganz zwangsläufig das, was sich durch die kommenden zwei Stunden zieht: Wuoh-ohohoo-Chöre von der ersten bis zur letzten Reihe. Alle Köppe in der Halle wackeln, nicht nur die Fischköppe vorn. „Alles auf Rausch“, denken sich da natürlich auch die beiden Trompeten und blasen zum Angriff bzw. zum gleichnamigen zweiten Song. Gitarreschlachzeuchbass knüppeln hinterher. Erklären Sie diesen über 6000 Armen und Beinen in der Halle mal, dass Menschen nicht fliegen können! Sehen die nämlich ganz, ganz anders. Es ist so ein Konzert, bei dem man irgendwann feststellt, dass man doch eigentlich woanders stand, aber ohne eigenes Zutun weggespült wurde. Was soll’s, vorne spielt die Musik, das genügt für heute Abend als Wahrheit.

Wobei, nein. Denn Feine Sahne Fischfilet ist natürlich mehr als eine Party-Punkband. Sänger Monchi erinnert ans „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz, bittet um Unterstützung für die Seenotrettung im Mittelmeer und stellt allen noch so komplexen Links-Rechts- oder Gut-Böse-Debatten das „kleine Einmaleins der menschlichen Sachen“ voran: Wer gewalttätig ist, ist unabhängig von seiner Hautfarbe, Religion oder Nation ein Arschloch; wer zu ertrinken droht, einfach ein Mensch, ebenso unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Nation. Darauf sollte man sich doch einigen können, ganz egal, wie extrem man diese oder eine andere Band findet.

Überhaupt fällt auf, dass Feine Sahne Fischfilet nicht wenige eher unpolitische Songs bringt. „Geschichten aus Jarmen“ ist das „Delmenhorst“ des deutschen Punks, „Warten auf das Meer“ eine kitschig-schöne Ode an die Heimat. „Solange es brennt“ schlägt schon mal die Kerbe für die allerletzte letzte Zugabe, den Mitgröler, der jeder oder jedem 16-Jährigen oder jemals 16 Gewesenen aus der Seele sprechen müsste, zumindest denen, die in der Provinz aufgewachsen sind: „Ich bin komplett im Arsch“ schluchzt Monchi mit der Gitarre um die Wette, Schlagzeug und Bass jagen los und dann DÄ-DÄ-DÄDÄ-en die Trompeten los. Alles springt aufeinander, grinst über alle vier Backen, brüllt sich heiser. Der ganze Körper eine Gänsehaut.

In „Lass uns gehen“ sitzen vorher ganz viele auf den Schultern von denen, die noch mehr sind – ein vielleicht etwas kitschiges, aber doch auch schönes Bild. Ganz konkret hier im Schlachthof, aber auch symbolisch. Stichwort „kleines Einmaleins der menschlichen Sachen“.

nächstes Konzert von Feine Sahne Fischfilet in Dresden: 6. Juli 2019, 20 Uhr, Filmnächte am Königsufer, Karten im Vorverkauf für 31,90 Euro

Von Benjamin Heine

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