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Wie Grimms Märchen wirklich entstanden

Boulevardtheater Dresden Wie Grimms Märchen wirklich entstanden

Das neue (Advents-)Stück am Dresdner Boulevardtheater richtet sich an Klein und Groß und vermittelt, wie die Märchen der Brüder Grimm wirklich entstanden

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„Am Anfang aller Märchen“ mit Ruth Käppler (Stefanie Bock) sowie Wilhelm (Jonathan Heck) und Jacob Grimm (Leif Gilbert).

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden. Sein Ruf ist mies und sein Jagdtrieb gefürchtet. Der Wolf hat ein Imageproblem, zuhauf gibt es Redensarten, Metaphern, Buch- oder Filmtitel, in denen der Wolf vorkommt, und zwar in der Regel schlecht. Die Geschichte vom „bösen Wolf“ steckt tief im kollektiven Bewusstsein, fast jeder denkt sofort, dass der Isegrim kleine Mädchen mit roter Kappe fressen will (was eher nicht an der Kopfbedeckung liegt), wobei es sich interessanterweise so verhält, dass Märchen wie „Der Wolf und die sieben Geißlein“ oder „Rotkäppchen“ von den Brüdern Grimm erst aufgeschrieben und verbreitet wurden, als die Wölfe im Prinzip längst überall ausgerottet waren.

Aber der Mythos lebt und so herrschte am Sonnabend im Boulevardtheater Verblüffen, ja atemlose Stille, als kurz vor der Pause „mal eben so“ ein „Wolf“ auf die Bühne lief. Gut, es war de facto ein Wolfshund und entsprechend trainiert, aber man weiß ja nie, ob da nicht plötzlich der Wolf die Oberhand gewinnt wie bei Anakin Skywalker die dunkle Seite der Macht, woraufhin er als Darth Vader Angst und Schrecken verbreitet.

„Gebrüder Grimm. Am Anfang aller Märchen“ lautet der Titel des Stücks, mit dem die Betreiber und Akteure des Boulevardtheaters die Plätze gefüllt sehen wollen. Das könnte gelingen, denn die Inszenierung von Olaf Becker hat einen hohen Schau- und Unterhaltungswert. Das fängt schon beim Dorfidylle beschwörenden Bühnenbild an, das eine einzige Ansammlung von Zitaten einschlägiger Märchen ist. Da bittet ein Ofen darum, dass die Brote aus ihm herausgeholt werden, da taucht ein Frosch auf einem Brunnen auf, „tanzt“ ein Knüppel im Sack hin und her, deckt sich mal eben so ein Tischlein...

Das Stück basiert auf einem Buch von Kenny Friedemann, das erzählt, wie die weltberühmten Märchen der Grimm-Brüder wirklich entstanden sein sollen, damals in „Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat“ und die Welt voller Magie und Märchen war, „die nur darauf warteten, aufgeschrieben zu werden“. Nun hat sich herumgesprochen, dass die Brüder Grimm vom Typus her eher ernsthafte Wissenschaftler und penible Zettelkasten-Fetischisten waren, dass an der kolportierten Mär, sie seien persönlich durch die hessischen Lande gezogen, um sich in Wirtshäusern und Spinnstuben Geschichten aus dem Volk erzählen zu lassen, nichts dran ist.

Hier ist es so, dass das alles dem ganz persönlichen Örksenknörks zu verdanken ist. Was ein Örksenknörks ist? Nun, so eine Art (inneres) Wesen, das dafür sorgt, dass man die immer wieder beschworene Welt voller Magie und Märchen auch wahrnimmt. „Wem das Örksenknörks erlischt, sieht die schönen Dinge nicht“, heißt es in einem der vielen flotten Songs, die von Andreas Goldmann eingängig arrangiert wurden. Der Oberörksenknörks wird von Christian Ludwig gegeben, optisch eine Art Mischwesen aus Conehead, Grinch und hibbeligem Kobold unter Speed mit Namen Heinrich. Neben dem Bühnenbild (Marlies Knoblauch) sind auch Kostüm(e) und Maske(n) sehr apart.

Jonathan Heck spielt vorzugsweise den jüngeren, fabulierfreudigeren Wilhelm Grimm, Volkmar Leif Gilbert den anfangs rationaleren Bruder Jacob, Katharina Eirich deren zunächst böse Schwiegermutter, in der aber dann, nachdem das Örksenknörks in ihr erfolgreich wiederbelebt werden konnte, das Gute siegt. In weiteren Rollen sind Stefanie Bock und Andreas Köhler zu sehen. Erstere gibt ein Mädchen, das „alles mit dem Herzen sieht“, letzterer legt vor allem als dauerfutternder, polternder, aber irgendwie auch jovialer König einen Auftritt hin, den keiner, der zugegen war, so schnell vergessen wird. Im Vergleich zu anderen Produktionen am Haus ist der Humor mal nicht so krachledern, aber magische und poetische Momente gleichen das mehr als aus und die vor allem für Jungs wichtige Action kommt durchaus nicht zu kurz.

Wie in jedem ordentlichen Märchen siegt erwartungsgemäß auch hier am Ende das Gute. Das ohne Klamaukkracher auskommenden Stück sollte nicht nur in der Adventszeit leuchtende Kinderaugen bescheren. Und die Moral von der Geschicht’? Mag ein Leben ohne Örksenknörks auch möglich sein, es ist sinnlos. Und wenn sie nicht gestorben sind oder sich in der Türkei als Journalist oder Gülen-Anhänger ausgaben und weggesperrt wurden, dann spielen sie auch weiter…

nächste Aufführungen: bis 29.12., fast täglich, Karten ab 12,80 Euro, Tel. (0351) 26 35 35 26

www.boulevardtheater.de

Von Christian Ruf

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