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Regional „Widerrede!“ – noch einmal in die Debatte
Nachrichten Kultur Regional „Widerrede!“ – noch einmal in die Debatte
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19:00 27.08.2017
Martin Roth, 2009. Quelle: dpa
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Dresden

Es müssen nicht immer dicke Bücher sein, die dafür sorgen, dass sich die Leserschaft Gedanken macht oder tätig wird. Sieben Jahre ist es her, dass „Empört Euch!“ auf den deutschen Buchmarkt kam, eine Schrift von 14 Seiten. Stéphane Hessel, ein Autor und Diplomat, der früher in der Resistance kämpfte, hatte diesen Aufruf verfasst und ein knappes Jahr später den Text „Engagiert Euch!“ nachgeschoben. Es war die Aufforderung, vor allem an die junge Generation, politischen Widerstand zu leisten. „Das Interesse der Allgemeinheit muss vorrangig vor dem Interesse des Einzelnen sein, die gerechte Aufteilung des durch die Arbeitswelt geschaffenen Reichtums vorrangig vor der Macht des Geldes“, schrieb Hessel im zarten Alter von 93 Jahren in „Empört Euch!“ Er erntete viel Aufmerksamkeit, Unterstützung, aber auch reichlich Kritik.

Heute nun ist „Widerrede!“ erschienen, ein schmales Buch von gut 90 Seiten. Dessen Unterzeile könnte ohne Weiteres „Engagiert Euch!“ lauten. Auf dem Cover steht Martin Roth als Autor – der Anfang August im Alter von 62 Jahren gestorbene Kulturmanager und Museumsdirektor. Eine postume Veröffentlichung – und nun so etwas wie sein Vermächtnis?

Nun, einen ordentlichen Denkanstoß übt das Buch jedenfalls aus. Im Kern sind es Gespräche, die Roth mit seinen drei Kindern Mascha (28 bei der Aufzeichnung des Buches), Roman (27) und Clara (20) geführt hat. Zwei Drittel des Buches machen die Gespräche des Quartetts aus: über die Welt, über Europa, über Deutschland, über sich selbst. Der Bogen dieses Sprechens innerhalb einer Familie zieht sich weit. Und warum sollte man auch die Themen meiden, wenn sie doch so groß im Raum stehen und stellenweise bedrohliche Ausmaße annehmen?

Beispiel gefällig? Mascha, die ältere Schwester, nennt Problemfelder wie Klimawandel oder Bankenkrise gleich eingangs des familiären Diskutierens. Und spricht ihren Vater direkt an: „Wäre es nicht wunderbar, wenn die Elterngeneration, also ihr, an uns heranträtet und mit uns über das redetet, was ihr darüber wisst. Gar nicht nur, wenn ihr gefragt werdet. Einfach mit Hintergründen und Fakten, sagen, was ihr denkt und warum. Wir sehen uns doch konfrontiert mit dem Klimawandel, mit undurchschaubaren Finanzmärkten, mit Machtstrukturen, die kaum bis gar nicht nachvollziehbar sind...“ Die Antwort Martin Roths liest sich nicht gerade optimistisch: „...Mich beschleicht seit Langem der Gedanke, dass wir viel zu viel akzeptieren. Das Hedge-Fonds-Denken scheint alle sozialen Werte und ethischen Formen ruiniert zu haben. Und wir, will heißen: meine Generation, hat nichts, absolut gar nichts dagegen getan.“ In diese Richtung lassen sich einige Dialoge des Buches lesen: als eine Bitte Roths an seine Kinder, nicht so passiv zu sein, wie er es in den Zeilen bei seiner Generation immer wieder beklagt, gewesen zu sein.

Einiges wird in die diskursive Waagschale geworfen, so beispielsweise der Versuch einer Trennschärfe zwischen politischem Handeln und sozialem Engagement. Mascha bringt an einem Punkt den charmanten Gedanken ein, Geschichte genau anders herum zu unterrichten: von der Gegenwart in die Vergangenheit. „Denn dann lehren Unterrichtende zuerst das selbst Miterlebte, das, worin sie selbst involviert waren“, begründet sie. Es geht aber auch um Universales, angesiedelt zwischen dem sogenannten Flüchtlingsstrom (wobei die Grenzen mittlerweile wieder geschlossen sind) und der existierenden sozialen Ungleichheit hierzulande, wenn Roman konstatiert: „Vielleicht ist es ein Spiegel der Zeit, dass wir zu vieles laufen lassen von dem, was wir eigentlich nicht gut finden.“

Zuvor aber hat Roth im Buch das Bild Europas entworfen. Es ist, wenig überraschend, kein schönes. Er nennt Namen wie Nigel Farage oder Marine Le Pen und sieht den von beiden propagierten Nationalismus als fatalen Rückschritt, prangert aber auch ähnliche Entwicklungen wie in Polen, Ungarn oder der Türkei an. „Möglicherweise haben wir, die Europäer mit Herz und Hirn, die einen Kontinent in Frieden für unsere Kinder und Enkelkinder gestalten wollten, plötzlich den Sinn für die Realität verloren. Wo sind unsere christlichen Werte? Die Nächstenliebe?“ Diese Fragen stellt Roth im Angesicht vielgestaltiger restaurativ-nationaler Bestrebungen.

Das Buch lässt den kürzlich gestorbenen Kulturmanager noch einmal sehr lebendig und engagiert aufleben. Es ist nun ein Epilog geworden, aber zugleich auch ein Prolog, denn Roth geht es darum, den Staffelstab gesellschaftlichen Mittuns weiterzureichen.

Und er adressiert auch das, was er besonders gut kennt: den Kulturbetrieb und die Kulturpolitiker. „Dasitzen, sich auf seine schönen Themen und schönen Häuser zurückziehen und Ereignisse unkommentiert vorüberziehen lassen – das geht nicht mehr“, schreibt er. Und nennt Dresden, wo er lange Jahre erst das Hygiene-Museum, dann die Staatlichen Kunstsammlungen leitete: „Kunst und Kultur helfen Identitäten zu entwickeln und zu stärken. Ich habe in meiner Zeit in Dresden erfahren, was das für eine Stadt, für eine Gesellschaft und damit für den Staat bedeutet. In Dresden spürt man bis heute diesen vollkommenen Identitätsverlust im und nach dem Dritten Reich. Dieses Nicht-mehr-Wissen, wer man ist.“

Mit den eingangs erwähnten Publikationen Hessels teilt Roths Buch nicht nur das Ausrufezeichen im Titel, sondern vielmehr einen Kerngedanken: den der Partizipation. Es ist dabei weniger ein Sammeln vor dem Sturm, sondern ein sich Finden, im kleinsten Diskussionskreis, dem der Familie (der natürlich dem sehr guter Freunde sehr ähnelt), und einem Aufbrechen von dort, zaghaft vielleicht, aber umso bewusster. Raus aus dem, was im Buch als der „Jetzt ist alles gut“-Modus bezeichnet wird.

Clara, die Jüngste in der Runde, fasst dabei das gesellschaftliche Grundproblem irgendwann kurz zusammen. „Ohne Reden kommen wir nirgendwo hin. Nur: Reden muss zu etwas führen.“ Vom Wort zur Tat. Empörung reicht nicht. Das wusste auch Hessel.

Martin Roth: Widerrede! Edition Evangelisches Gemeindeblatt, 96 Seiten, 9,95 Euro

Von Torsten Klaus

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