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Wer war Erich Kästner?

Premiere im Kleinen Haus Wer war Erich Kästner?

Die Uraufführung „Parole Kästner!“ im Kleinen Haus macht neugierig auf einen eher unbekannten Bekannten. Einen Moralisten, einen Beobachter, der sein reales Erleben nicht zwingend in Worte und Entscheidungen fassen wollte. Oder konnte. Und offenbar an sich zweifelte bis hin zur Selbstaufgabe.

Entlang an Kästner-Texten hat Regisseur Jan-Christoph Gockel in „Parole Kästner!“ die Szenerie gemeinsam mit seinen Darstellern (hier:: Darya Zaretskaya und Matthias Reichwald) entwickelt.

Quelle: Sebastian Hoppe

Dresden. Wie gut kennen wir einen, der mit liebenswerten Büchern diverse Lesergenerationen geprägt hat? Der auf seine Weise eher leise als aufdringlich immer auch ein Mahnender war. Ein Moralist, ein Beobachter, der sein reales Erleben nicht zwingend in Worte und Entscheidungen fassen wollte. Oder konnte. Und offenbar an sich zweifelte bis hin zur Selbstaufgabe.

Das Staatsschauspiel Dresden hat sich mit der Uraufführung von „Parole Kästner“ im Kleinen Haus an ein Thema herangewagt, das zu jeder Zeit heikel und auch nur schwerlich zu fassen ist. Wie verhalten sich Personen, Gruppen, wenn es darum geht, zu werten, Stellung zu beziehen, sich einzumischen? Wie leicht oder schwer ist es, die richtige Entscheidung zu treffen? Und was überhaupt ist die richtige Entscheidung?

Regisseur Jan-Christoph Gockel entwickelt dabei die szenische Vorlage – und Kästner mischt sich mit seinen Texten da maßgeblich ein – gemeinsam mit seinen Darstellern, wird dabei dramaturgisch offenbar auch gut beraten von Julia Weinreich und spielt das in einem offenen Gefüge, das den Zuschauern reichlich Gelegenheit gibt, sich selbst unmittelbar überlegend einzubringen.

Immer wieder verschiebt sich das Geschehen, verändern sich die Konstellationen, denken auch die Darsteller deutlich über jene nach, die da im Zuschauersaal sitzen. Und zuweilen fischt das Team mit der Angelrute auch noch „Geflügelte Worte“ Kästners aus dem Sprach- und Denkschatz des Autors, von denen es weit mehr gibt, als zu ahnen ist. Wie jene, die da besagen, dass ganze Leben sei nun mal lebensgefährlich. Das Besondere und speziell bei Kästner wohl auch das Naheliegende der Inszenierung ist zudem, dass der Regisseur mit einer markanten Gruppe von Kindern arbeitet, und das gemeinsam mit dem nicht minder bemerkenswerten Schauspieler Matthias Reichwald. Der alle Wesenszüge dieser Gestalt erahnen lässt, sie in Stärken und Schwächen zu zeichnen vermag. Das ist rundum großartig gespielt, zeigt, wie eng und bewusst, wie fantasievoll alle miteinander gearbeitet haben.

Zu Beginn befinden sich nur die Kinder auf der Bühne. Sie sind gekleidet, bewegen sich, spielen Erwachsene. Und das in frappierender Weise. Erst, wenn sie zu sprechen beginnen, wenn Reichwald als „Großer“ auf der Bühne erscheint, sind die letzten Zweifel beseitigt. Und irgendwie erinnert das wohl auch an Schneewittchen und besagte Zwerge. Der kleinen Schar von Wissenden minderer Größe steht hier ein stets Verunsicherter gegenüber, der ihnen kaum zu helfen vermag. Und auch nicht einmal sich selbst. Der heillos an der Mutter hängt, der Kindheit nachtrauert, seine Geburtsstadt Dresden und alles, was dazu gehört, mit schönstem Glanz in den Augen betrachtet.

Dafür haben im Inszenierungsteam Julia Kurzweg (Bühne) und Sophie du Vinage (Kostüme) wunderbar gewitzte, kuriose bildnerische Metaphern einbringen können, die man nicht so schnell vergisst. Wie beispielsweise die Reifrock-Yenidze, die schon wieder mal raucht, oder das berühmte Haus auf der Königsbrücker Straße, aus dem der Kopf des „neugeborenen“ Erich glücklich lächelnd hervorsprießt, um alsbald auch schon wieder verschwinden zu müssen.

Zum Schluss – ein sehr berührendes Pendant zum Auftaktbild – sitzt der alt gewordene Schriftsteller allein und verlassen auf der Bühne. Um ihn herum eine Kälte assoziierende Schneeszenerie, verschwunden die makabren Hinterlassenschaften des Krieges. Und auch die Kinder, die er, um sie und die Welt zu retten, längst vehement von der Bühne des Schreckens, der Unvernunft und dem Zweifel an eigener Tatenlosigkeit vertrieben hat. Reichlich zaghaft ruft er, bittet er sie voller Wärme und Hoffnung, doch wieder zurückzukehren.

Er ist ein kraftlos gewordener Rufer, ein aus eigener Sicht Gescheiterter, Vergessener. Doch mit ihm und seinen unvergänglichen Werken lebt auch das ewig Menschliche weiter, stark und schwach zugleich, entschlossen und unentschlossen, mutig und zagend. Und es gibt diese Sehnsucht nach der Kindheit, Geborgenheit, nach dem Schönen, Unversehrten.

An diesem Abend kann man staunen und sich wundern, wird irritiert, berührt, verführt. Von den Kindern ebenso wie von Matthias Reichwald.

Die Aufführungsrechte für „Parole Kästner“ liegen beim Verlag für Kindertheater Weitendorf GmbH, und das unter der Rubrik „Stücke für Erwachsene“. Kinder, Jugendliche, Erwachsene? Bei Kästner ist wohl jede Besetzung möglich, wie im Publikum jedes Alter. Wie überhaupt jede neuerliche Inszenierung mit anderen Darstellern, an anderen Orten, mit veränderten Sichtweisen ein unbekanntes Stück Kästner hervorbringen kann. Das hat der vom Premierenpublikum heftig applaudierend aufgenommene Abend in Dresden in schönster Weise beweisen können.

nächste Aufführungen: 29.11., 5. & 17.12.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Gabriele Gorgas

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