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Regional Wenn der Kulturpalast zum kleinen, feinen Flohzirkus wird
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17:15 10.04.2018
Klaus Doldinger Quelle: Andreas Weihs
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Dresden

Als der 82-jährige Karl Berger, heute ein weltbekannter Vibrafonist, einst eine Dissertation schrieb und auch Adorno sein Mentor wurde, ließ der Philosoph ihn bei mehreren Treffen klipp und klar wissen: „Schreiben Sie, was Sie wollen, nur schreiben Sie nicht, Jazz sei Kunst.“

Sind die Jazztage, die im November mit Stars aus aller Welt in Dresden über die Bühne gehen, also keine Kunst? Berger gab jedenfalls Adorno zu verstehen, „dass er gar keine Ahnung hat, wovon er da redet. Weil Jazz und Kunstbegriff nicht übereinstimmen müssen.“ Jazz hin, Definition von Kunst her, das Programm ist jedenfalls erlesen. Was einst vor 18 Jahren klein, aber fein in Unkersdorf begann, hat sich zu einem Großevent gemausert, der nicht nur regional Beachtung findet.

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Im kommenden November findet die 18. Auflage der Jazztage Dresden statt. Wir zeigen jetzt schon, wer daran teilnehmen wird.

Über 60 Konzerte stehen nach derzeitigem Planungsstand auf dem Programm, hinzu kommen noch vier Sonderkonzerte und vier Konzerte in der Reihe „JAZZnoTALK“, wie Jazztage-Intendant Kilian Forster gegenüber den DNN erklärte. Der Reigen wird am 1. November im Kulturpalast eröffnet. Von den Blechbläsern von Mnozil Brass“, sieben Blechbläsern, die - wie immer die Grenzen ihrer Instrumente auslotend - die Manege betreten, um dem Affenzirkus des Alltags Musik und Humor entgegenzusetzen und ihn laut Ankündigung „so in einen kleinen, feinen Flohzirkus zu verwandeln und sei es nur für wenige Stunden...“

Der Schlusspunkt wird ebenfalls im Kulturpalast gesetzt – und zwar am 29. November von Klazz Brothers & Cuba Percussion. Wer sich erinnert. Im letzten Jahr dauerten die Jazztage drei Wochen, nun sind es knapp über vier Wochen. Geworben wird auf Plakaten und Flyern ja immer mit einem Gesicht. Mal ist es ein Mann, mal eine Frau, mal ein „Schwarzer“, mal ein „Weißer“, womit dem Gender-Proporz nachgekommen wird, auch wenn vermutlich schon ein bald ein Querulant in einem Blog seiner Empörung Ausdruck verleihen wird, dass mal wieder kein Asiate berücksichtigt wurde. Dieses Mal fiel die Wahl jedenfalls auf das Gesicht von Gregory Porter, der am 18.11. im Erlwein-Capitol einheizt. Sein optisches Markenzeichen ist eine dunkle Ballonmusik, seine Jazz-Musik ist deutlich Soul, Gospel und Rhythm & Blues beinflusst.

Das Erlwein-Capitol im Ostrapark ist – entsprechend umgebaut - wie schon im Vorjahr die Hauptspielstätte der Jazztage, alles im Allem werden hier mit 24 Konzerten so viele Künstler empfangen wie noch nie zuvor. Hier sind nationale wie regionale Schwerpunkte des Jazz zu erleben. So feiert das LeipJAZZig-Orkester aus der Messestadt an der Pleiße sein 20-jähriges Dienstjubiläum, es sind aber in Gestalt der Jazzrausch Bigband aus München auch junge Wilde mit von der Partie, die mit „Dancing Wittgenstein zur schrägen Kombi aus fetten Bläsersetzen von Anton Bruckner in Kombination mit hippen House- und Techno-Beats einladen.

Schauspielhaus, Jazzklub Tonne, Dresdner Piano Salon, Dreikönigskirche, Societaetstheater, Staatsoperette - alles in allem sind es 17 Spielstätten. Für manche Geschäftsführer, Intendanten usw. sind die Jazz-Tage eine gute Gelegenheit, Künstler im Haus aufspielen lassen zu können, die man sich gagentechnisch sonst nicht leisten könnte, wie Andreas Nattermann vom Societaetstheater einräumte.

Summa summarum sind es 400 Künstler aus etwa 30 Nationen ihre musikalische Visitenkarte abgeben, wobei es natürlich sein kann, dass noch ein paar Nationen hinzukommen– man weiß ja nie bei diesen separatistischen Bewegungen, die Europa womöglich bald Katalonien, Schottland und die freie Republik Kleinkleckersdorf bescheren. Etwa die Hälfte der Künstler sind Wiederholungstäter in Sachen Dresden-Stipvisite, die andere Hälfte würde das erste Mal zu den Jazz-Tagen auftreten, versicherte Forster.

Manchmal ergeben sich Synergieeffekte. Da die Kooperation mit der Reihe „Musik zwischen den Welten“ unter dem Motto „World & Vision“ im vergangenen Jahr erfolgreich war, wird diese Zusammenarbeit fortgesetzt, mag Ex-Kanzler Helmut Schmidt einst auch geätzt haben: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Erstmals werden die Jazztage auch die Ballsportarena bespielen. Dort kommt es, so Forster, zu einem Gipfeltreffen zwischen dem Klaus Doldinger, seinem Ensemble Passport und dem Dresdner Medicanti-Orchester zum großen sinfonischen Programm „TATORT DRESDEN“. Doldinger, mittlerweile 88 Jahre alt, gibt nicht mehr viele Konzerte – Dresdnern und auswärtigen Jazz-Enthusiasten bietet sich also eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Die in die Jahre gekommene und zunehmend kleiner werdende Freejazz-Gemeinde wird bedient, aber nur in Spurenelementen. Der eine mag insofern offen, der andere hinter vorgehaltener Hand meckern (es ist und bleibt halt der ewige Grabenkrieg zwischen Avantgardisten und Ausverkäufern), aber da dürfte wie so oft beim Bashing auch Neid im Spiel sein. Wer als deutscher Jazzer einschlägiger Nerd-Musik lauscht, will zumindest den wahren Spirit für sich und seinesgleichen im Freejazz-Ghetto reklamieren. Ihnen sei gesagt: Jazz-Größen wie Chet Baker, Freddy Hubbard oder der Gitarrist Wes Montgomery haben mit Smooth-Jazz-Alben ihre besten Verkäufe erzielt. Auch Miles Davis wollte raus aus der Nische für akademische Besserhörer und ist am Ende wieder zu einem alten, erfolgreichen Rezept des Jazz zurückgekehrt: dem Veredeln von Popsongs und Gassenhauern.

Im vergangenen Jahr zählte man 30 000 Zuschauer bei insgesamt 104 Veranstaltungen, was doppelt so viele Gäste wie 2016 und eine Veranstaltungsauslastung von etwa 75 Prozent bedeutete. Der Rekord wird wohl geknackt werden, schließlich dauert das Festival wie schon gesagt nochmals vier Tage länger. Der Vorverkauf läuft, bei so mancher Veranstaltung muss man sich bereits jetzt ranhalten. Wer mehrere Konzerte besucht, kommt billiger weg. Wer Karten für fünf Konzerte ordert, bekommt zehn Prozent Ermäßigung, wer Ausdauer für zehn Konzerte hat, bekommt 20 Prozent Ermäßigung pro Karte, und wer ... Wer richtig viel Kohle hat, kann natürlich sich auch einen der zehn (limitierten) „Festival-Deluxe-Pässe“ gönnen. 1200 Euro sind hinzublättern. Die teuerste Karte im Einzelverkauf kostet 99 Euro – für das Konzert von Gregory Porter.

Weitere Infos: www.jazztage-dresden.de

Von Christian Ruf

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