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Weltsicht und Wissen um 1600 im Spiegel der Dresdner Kunstsammlungen

Neue Dauerausstellung im Residenzschloss Weltsicht und Wissen um 1600 im Spiegel der Dresdner Kunstsammlungen

Ein weiterer Schritt zum Gesamtkunstwerk Dresdner Schloss ist getan: Der jüngste Teil der Dauerausstellung ist „Weltsicht und Wissen um 1600“ betitelt und zeigt auf rund 650 Quadratmetern zahlreiche Exponate, von denen etwa die Hälfte bislang noch nicht gezeigt worden war.

Bergkristallschale, Mailand, 1580/90

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Hartwig Fischer, scheidender Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, zeigte sich vor Journalisten „ganz bezaubert“ von der von Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer, und dessen Team inszenierten neuen Dauerausstellung „Weltsicht und Wissen um 1600“, nannte sie ein „Wunderwerk“, in dem sich „Welt im Großen und im Kleinen“ spiegele. Und er betonte ganz zeitbezogen: „Dresden ist mit seinen Sammlungen groß, weil es die Welt schon immer aufgenommen hat.“

Dass man aus diesen Sammlungen immer wieder Unbekanntes zutage fördern kann, belegte Syndram. Danach wurden etwa 50 Prozent der in der Schau gezeigten Objekte noch nicht ausgestellt. Der Besucher erlebt dies alles auf 650 Quadratmetern, in sieben Kapiteln, in den einstigen kurfürstlichen privaten Wohnräumen in der ersten Etage des Georgenbaus. Die Präsentation – sie umfasst 580 Inventarnummern – ist Teil eines größeren Bereichs, der zukünftig im Ost- sowie im Nordflügel des Residenzschlosses eine Fläche von 1800 Quadratmetern belegen wird und wahrscheinlich im April kommenden Jahres fertig sein soll. Das nun Ausgestellte stellt laut Syndram „die Essenz der Kunstkammer bis etwa 1620“ dar.

Im ersten Raum begegnet man Kurfürst August (1526–1586) und Kurfürstin Anna (1532–1585), gemalt von Lucas Cranach d.J., in Lebensgröße. Der Regent steht hier als „artifex“, als Künstler-Handwerker, im Mittelpunkt. Unterstrichen wird dies mit Gartengerät vom Spaten bis zum Veredelungsbesteck für Gehölze, mit dem das Kurfürstenpaar, das verschiedene Obstsorten kultivierte, wohl auch gewerkelt hat. Zu sehen ist zudem Handwerkszeug aller Art wie große Holzbohrer, Instrumente zur Metallbearbeitung und sogenannte Brechzeuge, ebenso chirurgische Instrumente und Mittel zur Körperpflege, wie die älteste erhaltene Seife von 1628.

Wie man in der Spätrenaissance versuchte, die Dinge, die Welt, zu ordnen, zeigen mehrere Kabinettschränke aus dem Kunstgewerbemuseum. Eines der prachtvollen Möbel – 1615 hat es Johann Georg I. erworben – fertigte Hoftischler Hans Schifferstein. Es ist eine Welt für sich, mit sichtbaren und unsichtbaren Fächern, einem eingebauten Spinett und einer herausziehbaren Tischplatte, versehen mit einer Weltkarte, geschmückt mit Elfenbeinauflagen und Malereien. Nicht weniger kunstvoll sind die kurfürstlichen „Spielwelten“, die unter anderem Musik, Schachspiel, aber auch Trinkgelage meinen. Letzteres passt zum Ausblick dieses dritten Raumes in den Stallhof. Besonders erwähnenswert ist hier ein großer, mit Perlmutt belegter Spieltisch, der einst 9600 Gulden kostete, was dem damaligen Preis von 24 Rubensgemälden entsprach, wie Dirk Syndram vorrechnete.

Anschließend wird es mit „Kombinationswaffen“ kriegerisch. Diese besonders kunstvoll gestalteten „Instrumente“ zum Hauen, Stechen und Schießen überraschen mit Mehrfachfunktionen. Das machte sie nicht zuletzt zu Sammelobjekten. Weiteres aus dem Waffenarsenal der sächsischen Kurfürsten wird man bald im Langen Gang sehen können, zu dem von hier eine Tür den Weg weist. Gleichwohl ging es damals nicht nur um Kriegführung. Es war auch die Zeit der Entdeckungen, die den Auftakt zur „Vernetzung der Welt“ bildeten. Kein Zufall, dass man von diesem Raum in die Weite der Dresdner Elblandschaft blicken kann, während die Exponate den damaligen Forscherdrang vorstellbar machen. Der Bogen der Kunstkammerobjekte ist hier von Gegenständen der grönländischen Inuit, die das dänische Königshaus nach Sachsen schenkte, über einen goldenen Kris aus Indonesien zum Panzer einer Riesenschildkröte oder kunstvoll bearbeitetem Bergkristall gespannt.

Ebenso gehörten Weltoffenheit und Glauben zusammen. Im 16./17. Jahrhundert waren Sachsens Regenten Lutheraner geprägt. Der Blick nach draußen auf die Hofkirche verdeutlicht, dass es nicht so blieb. Im Raum aber weisen erstmals wieder vereinte Objekte aus der Schlosskapelle auf den „Protestantischen Kurfürsten“, darunter die Tür der Kapelle von 1556 und der im Zweiten Weltkrieg beschädigte Taufstein. Schnell sollte sein, wer die kostbar illuminierte Bibel aufgeschlagen sehen will. Der „Kreis“ schließt sich im „Studiolo“ mit einem erneuten Bogen zu Kurfürst August. Zu sehen sind ein bisher nie gezeigtes Bildnis, seine Elfenbeindrechseleien, sein Reißzeug und ein wohl ihm zurechnendes kleines Gemälde. Zugleich wird an die Wurzeln des Kupferstich-Kabinetts mit frühen Kupferstichen erinnert. Bis September ist die Serie „Nova Reperta“ von Jan van der Straet (1523–1605) präsentiert, die neunzehn epochale nachantike Erfindungen thematisiert.

Man kann sich freuen, ist „Weltsicht und Wissen um 1600“ doch ein Zeichen, dass – nun auch dank nicht unwesentlicher Unterstützung des Bundes – der Ausbau des Residenzschlosses weitergeht.

Ab 19. März, täglich 10 bis 18 Uhr (außer Di)

Von Lisa Werner-Art

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