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Vor der Kulisse Dresdner Proteste gegen Nazis wird Lutz Hübners "Ein Exempel" im Kleinen Haus uraufgeführt

Vor der Kulisse Dresdner Proteste gegen Nazis wird Lutz Hübners "Ein Exempel" im Kleinen Haus uraufgeführt

"Mutmaßungen über die sächsische Demokratie?" Der Untertitel der morgen im Staatsschauspiel anstehenden Uraufführung von Lutz Hübner und Ko-Autorin Sarah Nemitz erscheint wie ein Understatement.

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Der Dramatiker Lutz Hübner.

Quelle: PR

Denn "Ein Exempel", so der eigentliche Titel, spekuliert nicht, sondern ist ein mit journalistischer Akribie recherchiertes Gegenwartsstück. Die Autoren haben mit Vertretern der sächsischen Justiz Gespräche geführt. Die fünf Akteure schnupperten bei Hans-Joachim Hlavka einen ganzen Tag lang Gerichtsatmosphäre, jenem Richter, der den Berliner Tim H. wegen "Rädelsführerschaft" bei den Dresdner Anti-Nazi-Demonstrationen 2011 zu einer ungewöhnlich hohen Freiheitsstrafe verurteilt hatte. Wer mit diesen Prozessen und den politischen Äußerungen über den Missbrauch des Dresdner Zerstörungsgedenkens und dem Widerstand dagegen vertraut ist, wird Zitate unschwer erkennen und konkreten Personen zuordnen.

In die sprichwörtlichen Mühlen dieser Justiz, die als "sächsische Justiz" bundesweit einen gewissen Ruf genießt, gerät A., der spätere Angeklagte. Die Assonanz zu Josef K. aus Kafkas "Prozess" ist zumindest ohrenfällig. Auch Michael Kohlhaas taucht kurz im Text auf. Hier steht der ehrenamtliche Kassierer in einem linksalternativen Klub plötzlich zwischen den Fronten, als Nazis ein Weltmusikkonzert stören wollen. Die Braunen mag er nicht, aber die "linken Paranoiden" eines Solidaritätskomitees auch nicht. Es wird geschubst, als die Polizei eintrifft, A. wirft tatsächlich eine Bierbüchse, und aus der Redensart "Jetzt geht's aber los hier" wird ihm der ebenso sprichwörtliche Strick gedreht.

Der fiktive Anlass, der fiktive Fall hat dennoch die denkbar konkretesten Bezüge. "Wir füttern ihn quasi von der Seite mit Material an", sagt Lutz Hübner. Der vermutlich meistgespielte deutsche Gegenwartsdramatiker greift seit jeher ungemein heutige Themen auf. Das Stück zur Berliner Bankenkrise, "Frau Müller muss weg" über die Jagd der Eltern von Viertklässlern nach dem Gymnasium oder "Die Firma dankt" über Mobbing und Ausbeutung in Betrieben mögen stellvertretend dafür stehen. Die mittlerweile 14 Jahre währende gute Zusammenarbeit mit Staatsschauspiel-Intendant Wilfried Schulz hat ihn dabei immer wieder nach Dresden geführt.

"Wir wollten auch dieses Mal nicht in einer Allgemeingültigkeit landen, die keinem mehr weh tut", bekräftigt der Autor. Und erinnert an die alte Theaterweisheit, dass man umso mehr Globales erwischt, je konkreter man wird. Dass dieses "Exempel" über die Eigendynamik des Justizapparates, über die kaum noch zu stoppende "Maschine" manchen weh tun und andere bestätigen wird, darf man schon vor der Premiere voraussagen. In der Beschreibung dieses Mechanismus haben Hübner und Nemitz zugleich die über Dresden und Sachsen hinausgehende Universalität des Stoffes versteckt. Als "Mutmaßungen", verteidigt Hübner den Untertitel, könne man die Kombination des Materials bezeichnen, auch die nach den persönlichen Begegnungen im Text weiter gedachten Passagen. Aber auch die sind nicht aus der Luft gegriffen, wenn am Schluss Richter, Staatsanwältin und Polizist ihr Innerstes nach außen kehren und über ihre Rolle sinnieren.

Was dabei herauskommt, gehört zu den erklärten Absichten der Autoren. "Wir verhandeln den Beispielfall nicht nur juristisch, sondern fragen, was die Geschichte mit den Leuten macht." Das sei klar eine Sache des Theaters, Auswirkungen auf die Bühnenfiguren zu zeigen. Wie die gefühlte Legitimität von A. mit dem Gesetzesbuchstaben und dessen von Haltungen bestimmter Auslegung kollidiert. Wie A. während der langen Verfahrensdauer mürbe wird, am Ende ohne Job und Familie dasteht. Aber auch, unter welchem Druck die Beamten stehen und wie Allzumenschliches doch immer wieder durchschimmert. Systemisches und Subjektives mischen sich. Von einer "Versuchsanordnung" spricht Lutz Hübner, "bei der eine Gruppe von Leuten durch das Anspielen und Nachspielen von Situationen etwas herauszubekommen versucht". Wieder typisch Theater, jedenfalls kein Dokumentarspiel. Der Wiedererkennungswert für jeden Zuschauer ist dabei durchaus gewollt: "Das könnte jedem passieren!" Was ist justiziabel, wo beginnen die Spielräume und mithin der gerade der Dresdner Staatsanwaltschaft immer wieder unterstellte Verfolgungseifer? "Linksphobie gehört zu Sachsen wie der Christstollen", heißt es provozierend auch im Text.

"Politisches Theater besteht immer aus zwei Teilen: Einer erkennbaren Haltung in der Aufführung, aber auch aus dem Mitdenken, der Auseinandersetzung des Zuschauers mit den Postulaten." Lutz Hübner und Sarah Nemitz outen sich nicht nur als Dialektiker, sondern halten das Theater insgesamt für eine dialektische Veranstaltung. Das heiße auch, alle Seiten ernst zu nehmen und "nicht nur ein Schweinesystem zu zeigen, das die armen Leute auffrisst". Diesem Grundsatz trägt auch ein "Exempel-Forum" des Staatsschauspiels Rechnung. Beginnend am 27. Juni wird es drei Diskussionen mit Akteuren, Justizbeamten, Verfassungsschützern und Wissenschaftlern über das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Rechts geben. Einer ist nicht dabei, dessen Prozess formal immer noch nicht abgeschlossen ist, der aber die authentische Pointe des Stückes liefert: Jugendpfarrer Lothar König aus Jena.

Premiere am Sonnabend, 19.30 Uhr, Kleines Haus

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.06.2014

Michael Bartsch

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