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Vor der Dix-Ausstellung im Albertinum: Kolossal für die Forschung: ein Brief-Band zu Otto Dix

Vor der Dix-Ausstellung im Albertinum: Kolossal für die Forschung: ein Brief-Band zu Otto Dix

An Paul Ferdinand Schmidt, den einstigen Direktor der Städtischen Kunstsammlungen in Dresden, schrieb Otto Dix im Mai 1946: "Nachdem die Schweine mich 12 Jahre nicht ausstellen ließen und mich zuletzt noch an Stelle eines hiesigen Saubauern, der den Ortsgruppenleiter mit Speck bestochen hatte, ins Feld schickten, war ich ein Jahr in französischer Gefangenschaft und bin nun zurück" (S.

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Otto Dix: Kriegsverletzter, 1922, Graphit, Aquarell auf Papier, erworben 2012 vom Kupferstich-Kabinett.

Quelle: © VG-Bildkunst Bonn, 2014

Von Bernhard Maaz*

526), ein Stimmungsbild und Erlebnisbericht, den man in dem soeben erschienenen kolossalen Buch "Otto Dix. Briefe" findet. Bearbeitet und kommentiert wurde der gut tausend Seiten umfassende Band von Gudrun Schmidt, die lange für die Kunstsammlungen der Akademie der Künste in Berlin zuständig war, und herausgegeben von Ulrike Lorenz, der Direktorin der Mannheimer Kunsthalle, die das Werkverzeichnis der Zeichnungen und Pastelle von Dix bearbeitet hat.

Der Band wird sich in absehbarer Zeit schon als unentbehrliche Grundlage für die Forschung zu Dix und zur Kunst in Dresden erweisen; dieser Stadt blieb der Künstler auch dann verbunden, als er durch Arbeit, Beziehung oder Zeitläufte seinen Lebensmittelpunkt anderenorts aufschlug, wie man schon beim ersten Blättern leicht ermessen kann. Auf fast 400 Seiten finden sich Dix' Briefe an seine Gattin Martha und andere Familienmitglieder, etwas weniger Umfang nehmen die an Freunde gerichteten Schreiben ein. Hinzu kommen die Korrespondenzen mit Kunsthandel und Institutionen sowie eine Biographie und eine kommentierte Übersicht über wichtige Personen, die in der Korrespondenz erwähnt werden oder als Korrespondenzpartner in Erscheinung treten, eine Zusammenstellung wesentlicher Literatur.

Die frühen Jahre des 1891 geborenen Dix spiegeln sich vor allem in einigen Freundschaftsbriefen, die Jahre des Krieges und dessen Eindrücke sind nicht so sehr in der Familienkorrespondenz enthalten, sondern in einigen Schreiben an Freunde und Bekannte, darunter grausame Darstellungen der Kriegsgräuel. Diese Quellen sind ergänzend zu den bekannten bildlichen Darstellungen zu verstehen, wenn demnächst die Galerie Neue Meister in einer Sonderausstellung das Triptychon "Der Krieg" und die zugehörigen Arbeiten auf Papier ausstellt.

Die ersten Nachkriegsjahre sind knapp belegt, doch mit dem Eintritt von Martha in sein Leben, mit dem Jahre 1921, verdichtet sich das Material: Eine flammende Liebe bricht auf, die zunächst die Schrecken des Ersten Weltkrieges und die Mühen des jungen Künstlers in den Hintergrund treten lässt. 1922 spürt man, wie die künstlerische Kraft reift, und im Folgejahr plant er ein großes Kriegsbild (S. 69). Seine sozialkritische Position rückt ihn in die Nähe von George Grosz, dieser "ist und bleibt doch einer der sympathischsten Menschen, die ich kenne", schreibt Dix 1926 (S. 95).

Die Kontakte zu Galeristen, der Austausch mit Kunsthändlern und Künstlern sowie die Verhandlungen mit Museen - darunter diejenigen mit Dresden wegen der Überlassung eben jenes Kriegstriptychons (S. 760 ff.) - werfen Schlaglichter auf Verkaufswege, Behinderungen und Beförderungen, die Dix erfuhr. Auch Reibungen blieben nicht aus, und er konstatierte 1928 scharf: "so intelligent Grohmann auch ist, ich habe von ihm noch nie einen originalen Gedanken gehört" (S. 103), worauf ein eklatantes Zerwürfnis folgte (S. 471), an das sich der betagte Künstler 1968 aber nicht mehr erinnern wollte oder konnte (S. 762).

Arbeiten von Dix waren seit 1927 durch Klaus Zoege von Manteuffel für das Dresdner Kupferstich-Kabinett erworben worden, 1931 wurde er Mitglied der Berliner Akademie der Künste, die wichtigen Ehrungen schienen erreicht. Doch - wie eingangs angedeutet - die Jahre des Nationalsozialismus erwiesen sich als finster, obgleich Dix sie persönlich weitgehend unbeschadet überstand. Privataufträge hielten ihn über Wasser, die Einbeziehung in die Aktion "entartete Kunst" schreckten einige Auftraggeber nicht ab.

Während eines Besuchs in Dresden sah Dix, der in den 1930er Jahren zahlreiche altmeisterliche Landschaften malte, sich die Filialgalerie auf der Brühlschen Terrasse an, in der sich die Bestände der Gemäldegalerie mit Kunst ab 1800 befanden, den Vorläufer also der Galerie Neue Meister. Selbstverständlich maß er eigenes Tun an den Vorläufern, und er war erschrocken und polemisierte: "man kriegt wahrhaftig das große Gähnen über solche edle Langweile, selbst bei Friedrich. Da hängt in einem anderen Saal ein schlaksig hingeschmierter Lautrec. Eine wahre Erholung aus all dieser spießigen Biederkeit" (S. 143). Selbstkritisch fügt er hinzu, er selber sei "keinen Dreck besser". Solche kritische Sichtweise auf das Eigene lässt tief in das Innere des Künstlers blicken, der die Problematik seiner Zeit genau erfasste - und doch selten brieflich thematisierte, sei es aus Vorsicht oder sei es, weil er sein Medium in der bildenden Kunst sah.

Bemerkenswerte Fragen bleiben innerhalb der Texte offen, so bei der folgenden Briefstelle von 1934: "Überall geht die Kunde, ich hätte ein Bild an Göbels verkauft, möchte bloß wissen, wer so was erfindet." (S. 121) Die Herausgeber lassen auf diesen Namen den Zweifel anklingen, ob es sich hier um Joseph Goebbels gehandelt haben könne - eine angesichts der altdeutschen Qualitäten von Dix' Bildern der 1930er Jahre denkbare, angesichts der Stellung des Künstlers innerhalb der deutschen Kunstszene aber unwahrscheinliche Lesart. Die Frage spiegelt aber doch eine Unsicherheit, die auf die Stellung des Künstlers ein spannendes Licht wirft. Hier ist jedenfalls noch eine andere Lesart denkbar, nämlich dass es sich um Erhard Göpel - sächsisch gesprochen: Göbel - handelt, der seit 1932 mit Max Beckmann bekannt und bald befreundet war und der auch als Dolmetscher in der Wehrmacht wirkte. Göpels Lebensweg wird ihn am ehesten dadurch mit Otto Dix in Verbindung gebracht haben, dass er zeitweilig Mitarbeiter des Dresdener Galeriedirektors Hans Posse war. So kann man Dix mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jedes Verdachts entheben, dass Goebbels ein Werk von ihm gekauft habe.

Dix konnte von seiner Kunst nicht immer gleich gut leben - aber er konnte. 1940 musste er zwar Fotografien seiner Werke an die "Reichskulturkammer schicken - scheinen mit mir eine Schweinerei vor zu haben" (S. 210), doch es ging glimpflich ab. Vier Jahre später konstatierte er, es seien bei ihm acht bestellte Gemälde in Arbeit, und er ahnte: "nach dem Krieg wird sich kein Schwanz mehr sehen lassen" (S. 265), denn so günstig wie derzeit gäbe es seine Bilder nicht mehr: Ein Bild kostete so viel wie zehn Kilogramm Kaffee. Die Jahre nach dem Krieg lebte Dix in Hemmenhofen am Bodensee. 1966 kam er letztmalig nach Dresden - zum Drucken seiner Lithografien. 1967 folgte ein erster Schlaganfall. Die Verbundenheit mit der Stadt war nicht erloschen, wurde aber noch einmal sehr auf die Probe gestellt, als er das Kriegstriptychon hierher verkaufte und eine opulente Schenkung von Arbeiten auf Papier beifügte, was mit den üblichen Prozeduren nicht leicht zu verbinden war. Ein weiteres Blatt zu diesem zentralen Thema des Krieges, der menschlichen Verwundbarkeit, des Elends und der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts konnte zur Vertiefung des Bestandes 2012 durch das Kupferstich-Kabinett erworben werden und ist demnächst in der Galerie Neue Meister zu sehen: Der "Kriegsverletzte" von 1922, in Dresden entstanden, ein erschütterndes Dokument eines vielfach erschütterten Lebens, in dem Dix sich doch immer zu behaupten vermochte.

iOtto Dix. Briefe. Herausgegeben von Ulrike Lorenz, bearbeitet und kommentiert von Gudrun Schmidt, 1024 Seiten, 287 SW-Abb., Leinen, 49,80 Euro, Wienand Verlag Köln 2013

*Prof. Dr. Bernhard Maaz ist Kunstwissenschaftler. Er leitet als Direktor die Gemäldegalerie Alte Meister und das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.03.2014

Bernhard Maaz

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