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Vor 450 Jahren wurde der komponierende italienische Edelmann Carlo Gesualdo geboren

Zerrissene Seele Vor 450 Jahren wurde der komponierende italienische Edelmann Carlo Gesualdo geboren

Finster quälen sich die Stimmen durch ihre Abgründe, aneinander gekettet, sich bisweilen ganz fremd. Carlo Gesualdos weltliche Madrigale oder seine geistlichen Bußpsalmen sind auch heute noch ebenso faszinierend wie gleichermaßen verstörend. Vor 450 Jahren wurde der komponierende italienische Edelmann geboren.

Dresden. Finster quälen sich die Stimmen durch ihre Abgründe, aneinander gekettet, ineinander verdrahtet, sich bisweilen ganz fremd und doch ohne jede Möglichkeit, voneinander loszukommen. Carlo Gesualdos weltliche Madrigale, in denen es um Liebesschmerz und Todessehnsucht, Eifersucht und Ausgeliefertsein geht, oder seine geistlichen Bußpsalmen sind auch heute noch ebenso faszinierend wie gleichermaßen verstörend – und jedenfalls alles andere als ein hedonistischer Ohrenschmaus. Nur wenige wussten mit Selbstquälereien, Höllenängsten und Bußübungen so gut Bescheid wie der komponierende italienische Edelmann, der heute vor 450 Jahren geboren wurde: in Neapel oder vielleicht auch auf der Familienburg weiter im Landesinneren, wohin er sich später jahrelang zurückzog und 1613 starb.

Dass Gesualdo sich nach seiner Jugendzeit nur selten an den großen Höfen aufhielt, hat die gleiche Ursache wie seine künstlerische Ausrichtung auf die dunklen und verzweifelten Seiten des Lebens: Er wusste allzu gut und sehr direkt damit Bescheid, nachdem er 1590, 24 Jahre alt, seine Frau und deren Liebhaber per Auftragsmord (und mutmaßlich unter eigener Beteiligung) beseitigen ließ – eine monströse, aber nach dem Ehrenkanon der damaligen Zeit nicht belangbare Tat. Allerdings zwang sie ihn zum Rückzug aus der Öffentlichkeit und dem politischen Leben und machte damit, ebenso gruselig wie logisch, vielleicht erst den Weg für seine Vertiefung ins kompositorische Schaffen frei.

Jedenfalls liegt die Parallelsetzung von Lebens- und Kunstentwicklung, sonst oft genug ein heikel-spekulatives Unterfangen, in diesem Fall ziemlich nahe. Wobei die zwischen 1594 und 1611 in langen Folgen veröffentlichten Madrigale und Motetten natürlich dennoch viel mehr sind als nur eine individuelle Buß- und Trauerarbeit: Sie stehen auch für jene geistig-religiöse Krise im damaligen gesellschaftlichen Bewusstsein, in der viele alte Gewissheiten schwanden, Sinnenrausch und Vernichtungsangst immer in Sichtweite zueinander blieben und sich die politisch-konfessionellen Spannungen im Vorfeld des 30-jährigen Krieges immer weiter aufheizten.

So sind Gesualdos Stücke Zeugnisse einer in Gärung befindlichen Zeit und gleichermaßen einer gequälten Seele, die wohl, um mit Worten zu sprechen, die Hugo von Hofmannsthal seiner Klytämnestra gibt, keine guten Nächte hatte und wachen Sinnes zerfallen musste, ohne wirklich physisch krank zu sein; überlieferte, wenngleich nicht hundertprozentig verifizierbare Anekdoten sprechen von masochistischen Exzessen am Lebensende des schuldig Gewordenen. Kunst ist sehr oft, wenigstens zu einem Teil, auch die Sublimierung erlittener Traumata. Bei Carlo Gesualdo lief der Prozess, wenn man so will, in umgekehrter Richtung. Wie es aussieht (oder besser: klingt), hat er ihm keine wirkliche Befreiung gebracht – uns aber eine Reihe von Werken, die so tief in das Gefühl menschlichen Ausgeliefertseins hineinblicken lassen wie nur wenige andere.

Von Gerald Felber

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