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Vor 250 Jahren wurde der französische Komponist Etienne Nicolas Méhul geboren

Vor 250 Jahren wurde der französische Komponist Etienne Nicolas Méhul geboren

Hector Berlioz verehrte ihn, Goethe ließ Opern von ihm in Weimar aufführen, Weber dirigierte sie in Dresden, Schubert, Schumann und Brahms schätzten ihn: Etienne Nicolas Méhul, den am 22. Juni 1763 im kleinen belgischen Ort Givet in den Ardennen Geborenen.

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Etienne Mehul, gemalt von Antoine-Jean Gros (Musée Carnavalet Paris).

Quelle: D. Descouens, Wikimedia Commons, Liz. cc-by-sa 3.0, http://bit.ly/4Ynp37

Als Zehnjähriger hatte er bereits ersten Musikunterricht empfangen, wurde gar bald Nachfolger seines Lehrers, eines blinden Organisten, an der Orgel der Franziskanerkirche seines Heimatortes. 1778 übersiedelte er für immer nach Paris, wo er von einem Schüler Christoph Willibald Glucks nach persönlicher Begegnung mit dessen Meister weiter ausgebildet wurde und in der Begeisterung für das Glucksche Opernschaffen frühzeitig selbst für die Bühne zu schreiben begann.

Im Laufe seines Lebens komponierte Méhul an die 40 Opern, von denen allerdings nur wenige wirklich dauerhaften Erfolg erzielten, am meisten wohl sein bedeutendstes Bühnenwerk "Joseph en Egypte" (1807), mit dem übrigens Carl Maria von Weber unter dem Titel "Jakob und seine Söhne" am 30. Januar 1817 seine Tätigkeit in Dresden an der von ihm geleiteten Deutschen Oper im Morettischen Theater aufnahm. Die seinerzeit viel gespielte dreiaktige Oper, eine erbauliche Familiengeschichte von biblischem Geiste, spiegelte mit ihrem alttestamentlichen Sujet, seit Napoleon in Frankreich Religionsfreiheit gewährt hatte, das Lebensgefühl einer ganzen Epoche wider.

Von 1790 an wurden fast alljährlich neue Opern und Ballette Méhuls in Paris aufgeführt. Was letztlich die Popularität des Komponisten ganz wesentlich beförderte, war 1793 seine Entscheidung für eine erste Beteiligung an den staatlichen Revolutionsfeiern und -festen, für die er die Hymne à la Raison lieferte und gleich im nächsten Jahr den berühmten Chant du Dééart, der fortan stets bei derartigen Gelegenheiten gesungen wurde, als beliebtester Massengesang in Frankreich neben der Marseillaise des Offiziers Rouget de Lisle. Doch damit nicht genug. Méhul schuf in der Folgezeit zahlreiche weitere, dem politischen Tagesgeschehen verpflichtete Werke, patriotische Hymnen, Kantaten und dergleichen, die oft mit gewaltigem vokalen und instrumentalen Aufwand aufgeführt wurden.

Schließlich sollte dem Komponisten nicht ein zweites Mal widerfahren, was er mit seiner Oper "Phrosine et Méliodor" erleben musste, deren vorgesehene Uraufführung zunächst behördlich untersagt worden war, wozu ihm ein Revolutionär die Erklärung gab: "Es genügt nicht, dass man nicht gegen uns ist, man muss für uns sein. Der Geist Ihrer Oper ist nicht republikanisch. Die Sitten Ihrer Personen sind nicht republikanisch. Das Wort 'Liberté' (Freiheit) wird nicht ein einziges Mal ausgesprochen. Man muss Ihre Oper in Einklang mit unseren Einrichtungen bringen." Dies gelang Méhul jedoch mühelos mit Hilfe des Librettisten, der einfach neue Verse mit dem Wort "Liberté" in den Text einfügte, die er nachkomponierte und die Aufführung der Oper wurde 1794 prompt erlaubt (übrigens ein Vorgang, der an ähnliche Vorkommnisse in der DDR-Zeit erinnert).

Méhul war durchaus ein republikanischer Künstler von Überzeugung, der selbst einmal seine Tonsprache mit den Charakterzügen "Einfachheit, Größe und Entschlossenheit" verglich. Pflegte er doch einen lapidaren, verständlichen Stil voller Elan und großer dramatischer Wirkung. Außerdem war er auf Fortführung der französischen Tradition programmatischer Musik sowie auf Neuerungen in Harmonieverbindungen, Melodik und Orchestrierung bedacht. Um eine bestimmte Stimmung, etwa das so genannte "Ossianische Halbdunkel" in seiner Oper "Uthal" (1806) zu erzielen, verzichtete er beispielsweise in der Streicherbesetzung des Orchesters ganz auf Violinen. Brahms, dem die Partitur imponierte, hat später im "Deutschen Requiem" diesen ungewöhnlichen Klanguntergrund für den 1. Satz "Selig sind, die da Leid tragen" ebenfalls gewählt.

Den mit Abstand größten Teil des erhaltenen Œuvres Méhuls bilden die Bühnenwerke, darunter die Revolutionsoper "Horatius Ceclès" (1794) mit ihrer Lobpreisung demokratischer Bürgertugenden, gefolgt von vielen politischen Gelegenheitskompositionen, denen gegenüber die Sinfonik (nur zwei von sechs Sinfonien sind erhalten, die eine Nähe zu Haydn und Beethoven offerieren), ferner Kirchen- und Klaviermusik einen geringen Platz einnehmen. 1795 wurde der Komponist einer der Inspektoren des reorganisierten Konservatoriums sowie Mitglied der Akademie der Schönen Künste in Paris. 1802 bis 1811 übernahm er zusammen mit Luigi Cherubini und anderen Komponistenkollegen die Leitung des "Magasin de Musique" zur Herausgabe der vor allem für die nationalen Feiertage und revolutionären Feste geschaffenen neuen Musikwerke. Er galt neben F. J. Gossec, A. E. M. Grétry, L. Cherubini und Ch. S. Catel als der führende französische Komponist zur Zeit der Revolution.

Als ihm nach "Joseph" (1807) auf dem Theater jedoch das Glück nicht mehr hold war - der Geschmack der Pariser hatte sich zu Beginn des neuen Jahrhunderts dem Italiener Gaspare Spontini zugewendet -, verfiel er der Melancholie. Er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und widmete sich der Züchtung von Blumen, insbesondere von Tulpen, die er in immer neuen Spielarten pflegte. Am 18. Oktober 1817 verstarb er in Paris.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.06.2013

Dieter Härtwig

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