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Von Zweien, die auszogen, Kinderbücher zu erfinden

Dresdner Autoren-Duo Von Zweien, die auszogen, Kinderbücher zu erfinden

Eine Geschichte wie aus einem Buch: Keiner wollte etwas von ihrer Idee wissen. Zum x-ten Mal waren sie mit Schulterzucken abgewiesen worden. Zu unkonventionell ihr Vorschlag. Zu unbekannt ihre Namen. Doch inzwischen sind Hans-Christian Schmidt und Andreas Német mit ihren ausgedachten Geschichten auf dem Buchmarkt präsent.

Dresdner Autoren-Duo Hans-Christian Schmidt und Andreas Német

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Eine Geschichte wie aus einem Buch: Keiner wollte etwas von ihrer Idee wissen. Zum x-ten Mal waren sie mit Schulterzucken abgewiesen worden. Zu unkonventionell ihr Vorschlag. Zu unbekannt ihre Namen. Fast schon erniedrigend war das, mindestens aber nervend. Nur ein einziges Mal noch!, sagt der eine zum anderen, der aufgeben will. Mit Mühe lässt er sich überreden. Und bei diesem letzten Mal hören sie: Ja, das machen wir. Seither ist alles anders.

Seither sind Hans-Christian Schmidt und Andreas Német mit ihren ausgedachten Geschichten auf dem Buchmarkt präsent. Die Geschichte vom Anfang allen Erfolges war freilich sehr real. Und sie hat die beiden gelehrt: „Man darf nicht anfangen, an sich selbst zu zweifeln“. Das sagt Hans-Christian Schmidt in der Gewissheit darüber, dass ihre Projekte eben nicht alltäglich sind und zum Gelingen den richtigen Augenblick brauchten, aber genau darum nun eben auch gut laufen.

Schmidt und Német, beide Jahrgang 1973, beide in Dresden zu Hause, erfinden Kinderbücher. Pappbücher und Bilderbücher für die Jüngsten; das erste, 2006 erschienene hieß „Mama Huhn sucht ihr Ei“. Alle sind wunderbare, warmherzige Geschichten, liebevoll gestaltet bis ins Detail, manche mit Pop-up-Bildern, Klappen zum Öffnen, Details zum Schieben, immer jedenfalls das Kind herausfordernd, einbeziehend.

Und stets im eng verzahnten Miteinander von Schreiber (Schmidt) und Maler (Német) entstanden, nicht später die Bilder zur fertigen Geschichte oder umgekehrt. „Möglicherweise war das“, sagt Schmidt, „auch das anfängliche Problem: Wir kamen mit fertigen Konzepten zu den Verlagen auf der Buchmesse und wollten davon auch nicht abrücken. Das waren die nicht gewohnt, das war zu viel für die fünf Minuten, die man nach langem Schlangestehen Zeit bekommt, um seine Idee vorzustellen.“ Gleich gar nicht wollte sich im harten Buchgeschäft jemand einlassen auf kompliziert herzustellende, unkonventionelle Dinge wie ein Holzbuch – der erste Versuch der beiden.

Auch Pop-up-Bücher sind äußerst aufwändig in der Herstellung, was sich nicht zuletzt im Preis für den Kunden niederschlägt. Doch wenn sie den Nerv von Kindern und Eltern getroffen haben – wie jüngst beim „Apfelwunder“ des Duos wieder geschehen – , können sie ein Verkaufsschlager werden. Sechs Jahre lang wollte kein Verlag die zauberhafte Idee umsetzen. Jener, der sich dann durchrang, hat jetzt ohne langes Nachdenken in einen Nachfolger eingewilligt... Der Prototyp dafür liegt schon bei Andreas Német im Atelier in der Dresdner Neustadt – noch in schwarz-weiß, eigenhändig gebastelt und in Sachen Überraschung wiederum mit Neuem aufwartend.

Dummys basteln ist überhaupt Némets große Leidenschaft. Ein gewisser Spieltrieb halt. Freund Schmidt teilt ihn unbedingt. Die gemeinsame Liebe zum Kinderbuch, zum Erspinnen von Geschichten, die in Wort, Bild und Effekt eine runde, eine tragende Summe ergeben, haben sie früh entdeckt. Sie machten damals, Anfang der 1990er Jahre, Musik miteinander (und tun es heute wieder). Inzwischen haben sie bei renommierten Verlagen wie Oetinger, Sauerländer oder Carlsen knapp 40 Bücher zusammen auf den Markt gebracht, dazu einige mit jeweils anderem Illustrator bzw. Erzähler. Manches ihrer Konzepte wartet noch in der Schublade auf seinen großen Tag. Und viele, viele Ideen wollen noch geboren werden. Dass der Brunnen irgendwann aufhören könnte zu sprudeln, glauben die beiden nicht, zumal sie sich auch auf keinen Stil festlegen lassen.

Gleichwohl ist das Bücher-Erfinden nichts, wovon man, zumal mit eigenen Kindern am Tisch, leben könnte. Andreas Német – ausgebildeter Porzellanmaler und Tischler, dazu studierter Produktdesigner – verdient als selbstständiger Grafiker sein Geld auch mit Plakaten und anderen grafischen Arbeiten. Hans-Christian Schmidt ist im zweiten Leben Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte.

Die Crux: Gerade im Segment Papp- und Bilderbücher verschwinden die Bücher in der Regel nach zwei Jahren wieder aus den Läden. „Diese zunehmende Beschleunigung des Buchmarkts ist“, so Német, „für die Autoren tödlich, denn die sind darauf angewiesen, dass die Bücher Zeit haben, sich auf dem Markt zu etablieren, dass sie auch nach ein paar Jahren noch Geld abwerfen.“

Sehr bewusst haben Schmidt und Német darum für ein weiteres ihrer jüngsten Projekte – „Das schrecklichste Monster der Welt“ – ihr inzwischen erarbeitetes Privileg des Aussuchen-Könnens ausgenutzt, und es bei einem kleinen Verlag herausgebracht, der die Bücher länger im Programm hält. Denn gewiss ist das kein Buch, das sich auf den ersten schnellen Blick im Laden unter dem Motto „Ich brauch noch schnell ein Buch für einen Fünfjährigen!“ in seinem ganzen Witz erschließt. Die Geschichte, die das Kind direkt einbezieht, funktioniert am besten, wenn sie vorgelesen wird, und das möglichst ambitioniert. „Eine Hürde für viele Erwachsene“, weiß Schmidt.

Doch schnell produziertes Mittelmaß (auch das nach Meinung der beiden Autoren eine Folge des schnelllebigen Buchmarkts), mit dem man den Nachwuchs allein in die Ecke setzt, ist eben nicht das Ding Dresdner Autoren-Duos. „Es muss zuallererst uns gefallen“, betont Hans-Christian Schmidt, der nichts davon hält, eine Geschichte von der vermeintlichen Ebene des Kindes her aufzuziehen. „Natürlich braucht man ein Händchen dafür, etwas Komplizierteres einfach und auf wenigen Seiten auszudrücken, braucht interessante Gedanken und Humor. Vor allem aber muss man das Thema ernst nehmen, sorgsam mit der Sprache umgehen, darf nicht sagen: Für ein Kind reicht‘s. Bereits ein Buch für ganz Kleine ist Literatur! Dafür fehlt hier in Deutschland – auch bei den Käufern – noch ein bisschen das Bewusstsein.“ Andreas Német ergänzt: „Uns liegt vor allem daran, die Themen nicht eins zu eins zu übersetzten, sondern sie zu brechen, mal von der anderen Seite zu schauen, Konventionen zu hinterfragen, Nebenschauplätze zu eröffnen, ohne dass die der eigentlichen Geschichte im Wege stehen.“

Ob dieser Zutaten funktioniert dann auch eine Geschichte wie „Das Apfelwunder“, die nicht einmal eine jener Identifikationsfiguren hat, die Verlage so gern beschwören. Aber die kennen Schmidt und Német ja inzwischen bestens und wissen, was sie an ihnen haben. Und die beiden genießen es – berechtigter Weise – auf der Buchmesse inzwischen an der Schlange vorbeigehen zu können. Sie bekommen dort jetzt separate Termine.

Von Sybille Graf

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