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Von Wegen Lisbeth verzückt ihr Publikum im Alten Schlachthof

Konzert Von Wegen Lisbeth verzückt ihr Publikum im Alten Schlachthof

Die Berliner Band Von Wegen Lisbeth hat im Alten Schlachthof Dresden ihr bislang größtes Konzert gespielt. Von Beginn an nahm dabei die Gute-Laune-Party ihren Lauf. Alles hüpft und singt und grinst, dass sich die Mundwinkel irgendwo am Hinterkopf berühren.

Die Berliner Band Von Wegen Lisbeth hat im Alten Schlachthof Dresden ihr bislang größtes Konzert gespielt.
 

Quelle: Anja Schneider

Dresden.  „Küss mich, Matze“ steht auf einem nach oben gereckten Schild mitten im großen Saal des ziemlich vollen Alten Schlachthofs. „Was steht da?“, fragt ebenjener Matze vorn auf der Bühne. „Ich kann das nicht lesen. Da musst du schon mal vorkommen!“ Innerhalb von 0,74 Sekunden bildet sich scheinbar eine Gasse zwischen den 2.000 Menschen im Publikum, man sieht das Schild über den Köpfen schnurstracks nach vorn wandern, dann einen Kuss am Bühnenrand und den genauso schnurstracksen Rückweg des Schildes. Es ist Samstagabend, die Berliner Band Von Wegen Lisbeth spielt gerade ihr bisher größtes Konzert – und alle im Saal sind glücklich, selbst wenn sie noch ungeküsst sind.

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Die Berliner Band Von Wegen Lisbeth verzückt ihr Publikum im ausverkauften Alten Schlachthof

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Zu Beginn nimmt das Chemnitzer Trio Blond den Auftrag „Vorband“ sehr ernst, macht also auf Knopfdruck Spaß: mit ausladenden Bewegungen und Elektropop zwischen Le Tigre, den Ting Tings und 200 Sachen. Die vielen Ringelshirts und Karohemden in der Halle fangen an zu wackeln, Turnbeutel hüpfen fröhlich Rücken rauf und runter. Die 2.000 Leute hätten jetzt am liebsten keine 30-minütige Umbaupause. Aber wat mutt, dat mutt. Albert man halt ein bisschen rum, schielt mal zu den Mädels rüber oder zu den Jungs da vorn. Die Vorfreude platzt aus allen Gesichtern, die Jugend und die Zuversicht als solche im Grunde genommen auch. Und ein paar weniger Junge träumen vor sich hin: Hatte man hier nicht einst auch als Teenager mit großen Augen in seinen ersten Konzerten neben sich gestanden? Den so bedacht gewählten Pullover viel zu spät und viel zu verschwitzt dann doch noch total uncool um die Hüfte gebunden?

Punkt neun wird mit dem Bühnenlicht das Publikum angeknipst, eine Basstiefenbohrung und zischelndes Zwitschergezwirbel werden von einem Spielzeug-Keyboard verdrängt, dass wie im Dolby-Surround-Lehrfilm von Box zu Box kreist. Daraus bricht sich das Intro von: „In The Army Now“! Stark. Und zum Glück nur kurz, dann erkennen alle im Saal „Meine Kneipe“, den ersten Song vom ersten Album von Von Wegen Lisbeth – und den ersten Hit des Abends. Es folgt (zum Glück nur akustisch) „Becks Ice“ und spätestens, allerallerspätestens hier ist die Vorfreude einer ganz dem Hier und Jetzt gewidmeten Glückseligkeit gewichen. Alles hüpft und singt und grinst, dass sich die Mundwinkel irgendwo am Hinterkopf berühren. Es ist ein Rätsel, wie der Flamingo auf der Bühne bei all dem so ruhig stehen kann.

Die – und das ist ausdrücklich positiv gemeint – Gute-Laune-Party nimmt ihren Lauf, mit allem Pipapo: einem Herzluftballon über den Köpfen der ersten Reihen, einer Triangel (!) auf der Bühne, mit (miss-) glückten Love-Stories in den Liedern und so wundervollen Zeilen wie: „Als ich in die Küche ging / um drei Minuten vor halb acht / hab’ ich kurz nicht an dich gedacht.“ Die Band klingt live kantiger und basslastiger als auf Platte: von wegen Zuckerwatte – das hier ist Krokant! Und der bietet immer wieder sloganhafte Refrains, wie man sie so gern mitsingt, wenn man jung ist, von „Mach, was du willst“ bis zu einem ganz generellen „Oh, nein!“ Wobei dieses „Oh, nein!“ jenem Song entstammt, der die zunächst so fluffig-fröhliche Band Von Wegen Lisbeth vom schlichten Zeitgemäß-Seichten befreit: Ja, ihre Songs wimmeln von I-Phones, Center-Shocks und ähnlich „wichtigen“ Dingen. Aber im Unterschied zur Wiener Band Bilderbuch zieht Von Wegen Lisbeth Schlüsse aus dieser Ansammlung von Banalitäten: „Und auf einmal weiß ich plötzlich, was sie meinen: Das muss dieser Untergang des Abendlands sein.“ Dazu kurz auf der Bühne übers Bundestagswahlergebnis geschimpft – die Band zeigt Haltung und ist ihren Fans ein gutes Vorbild. Dazu passt auch der Song „Milchschaum“, in dem es ironisch heißt: „Wie schon Ricky Martin sagte: Buhrufe sind lauter als Applaus.“ Ein paar Spaßvögel versuchen danach in den gewaltigen Applaus zu buhen, aber Ricky Martin hat eben dieses eine Mal nicht recht: Dagegensein ist niemals lauter oder besser als Dafürsein. Wenn eine Popband das glaubhaft transportieren kann, hat sie schon sehr viel erreicht. Glückwunsch dazu, Von Wegen Lisbeth!

Von Benjamin Heine

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