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Von Oligarchen bis Krimsekt - Viktor Timtschenko und sein Buch "Ukraine"

Von Oligarchen bis Krimsekt - Viktor Timtschenko und sein Buch "Ukraine"

Was die "Orange Revolution" 2004 für die Ukraine gebracht habe? "Nichts", antwortet Viktor Timtschenko spontan. Und fügt nach kurzer Pause hinzu: "Von allem, was damals versprochen wurde, ist nichts gemacht worden.

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Grundlegende Veränderungen in Staat und Gesellschaft habe es keine gegeben. "Eine politische und wirtschaftliche Elite wurde lediglich durch eine ähnliche ersetzt." Zu diesem ernüchternden Urteil gelangt er in seinem Buch "Ukraine", das er jetzt vor etwa 50 Zuhörern in der Villa Augustin in Dresden vorgestellt hat. Der Untertitel "Einblicke in den neuen Osten Europas" hält, was er verspricht: Das Buch lässt uns tief hineinschauen in Geschichte und Gegenwart, Politik, Wirtschaft und Lebensweise dieses Landes, das zu den Austragungsorten der Fußball-Europameisterschaft im Juni gehört.

Viktor Timtschenko ist Experte: 1953 im Osten der Ukraine geboren, Redakteur bei Zeitungen und Fernsehen seit 1977. Seit 1990 lebt er in Markkleeberg bei Leipzig, hat bis 2005 bei der Deutschen Welle gearbeitet und ist jetzt freier Autor. Gerade hat er eine Biografie über den russischen Oligarchen Michail Chodorkowskij veröffentlicht.

Zu uns spricht ein intimer Kenner seines Heimatlandes. Das ist die größte Stärke seines Ukraine-Buches. Wir erfahren eine Menge über das tägliche Leben, Gewohnheiten, Mentalität der Ukrainer, über ihr gebrochenes Verhältnis zu Versicherungen etwa. Auf der anderen Seite weiß er, was uns Ausländer an seinem Land interessieren könnte. Keine Frage, die sich aufdrängt, bleibt offen.

Als bestens bewandert erweist sich der Autor in Sachen Wirtschaft. Die großen ökonomischen Zusammenhänge erklärt er uns ebenso wie die Folgen für das Leben der Menschen. Führt er Zahlen an, vergleicht er sie mit Zahlen aus Deutschland. Am liebsten jedoch erzählt er alles sehr lebendig - in Geschichten und Episoden. Was die Darstellung besonders sympathisch macht: Dieser Autor hat viel Sinn für den Humor seiner Landsleute. Tiefschwarz kann der sein. Man findet Witze selbst da, wo es um die Atomkatastrophe von Tschernobyl (ukrainisch Tschornobyl) geht.

Was wir aus diesem Buch erfahren: Dass die Ukrainer erst seit 1991 einen eigenen Staat haben zum Beispiel. Wie Stalin 1933 mehr als vier Millionen Bauern verhungern ließ. Dass auch die Ukraine ihre Vertriebenen hat - im Westen Polens. Dass der Kampf um die Interpretation der ukrainischen Geschichte bis heute andauert. Wieso Russisch und Ukrainisch zwei verschiedene Sprachen sind, wenngleich miteinander verwandt, und welche politische Bedeutung sie haben. Warum man beide im Lande spricht und selbst der ukrainische Präsident 1994 erst Ukrainisch lernen musste. Dass die Ukraine in den 1990er Jahren Atommacht hätte werden können, doch ihre Atomwaffen lieber verschrottete. Auf welch rücksichtslose Weise frühere Parteifunktionäre und Betriebsdirektoren zu Oligarchen mit Milliardenvermögen wurden.

Aber auch, dass Größen der russischen Literatur aus der Ukraine stammen - Nikolaj Gogol beispielsweise, Michail Bulgakow oder Anna Achmatowa.

Dass Krimsekt wie Champagner schmeckt. Dass ukrainische Wissenschaftler noch vor ihren westeuropäischen Kollegen die Immunisierung gegen Pest erfanden, Röntgenstrahlen entdeckten und den Amerikanern die Lösung für den Flug zum Mond lieferten.

Diese Geschichten voller Überraschungen laufen auf ein selbstbewusstes Resümee zu: "Mit einem Wort, sie waren Europäer, lange bevor Europa sich selbst auf die EU beschränkte." Übereilter EU-Beitritt, so der Autor, muss also gar nicht sein. Uns jedenfalls liefert er einen vergnüglich zu lesenden Zugang zu den Ukrainern.

Viktor Timtschenko: Ukraine. Einblicke in den neuen Osten Europas. Ch. Links. 224 S., 16,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.03.2012

Tomas Gärtner

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