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„Vom Mütterchen die Frohnatur“ im Hoftheater

Dresden „Vom Mütterchen die Frohnatur“ im Hoftheater

In Helfried Schöbels Stück „... Vom Mütterchen die Frohnatur...“ im Hoftheater Dresden treffen Elisabeth Goethe und Bettina Brentano aufeinander – zwei Frauen, denen Goethe viel zu verdanken hatte.

Julia Titze (l.) als Bettina Brentano und Renate Geissler als Dichter-Mutter Catharina Elisabeth Goethe.

Quelle: Kurt Titze

Dresden. „Hinter jedem berühmten Mann steht eine starke Frau“, sagt der Volksmund. „Nur eine?“, dürfte Goethe lustvoll zurückgefragt haben, wusste der im Laufe seines Lebens wiederholt leidenschaftlich verliebte Mann doch, wovon er sprach – hatten ihn doch viele seiner Angebeteten zu poetischen Ergüssen der genialsten Art inspiriert.

Eine starke Frau, der Goethe viel zu verdanken hatte, war auch Goethes Mutter – und die sowie Bettina von Arnim stehen im Mittelpunkt des Stücks „... Vom Mütterchen die Frohnatur...“, das vom Hausautor Helfried Schöbel, der am Sonntag seinen 90. Geburtstag feierte, am Hoftheater in Szene gesetzt wurde. Schöbel ist auch der Verfasser dieser „Plauderei nach Briefen und Notizen von Elisabeth Goethe und Bettina Brentano“, deren Titel auf Goethes in den „Zahmen Xenien“ von 1828 formulierten Vierzeiler „Vom Vater hab ich die Statur / Des Lebens ernstes Führen / Vom Mütterchen die Frohnatur / Und Lust zu Fabulieren“ zurückgeht.

Vieles, was von Goethe dann dem Bild der 1809 gestorbenen Mutter in seiner bald nach ihrem Tod begonnenen Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ hinzufügte, hatte er aus Briefen Bettine Brentanos. Die hatte sich mit Goethes Mutter zu Hause in Frankfurt in deren letzten Lebensjahren angefreundet und stellte dem bewunderten Weimarer Dichter die Erinnerungen der alten Dame (die von Freunden in Anlehnung an eine literarische Figur gern schon mal „Frau Aja“ genannt wurde) an die Kindheit des Sohnes gerne zur Verfügung. So freigebig mit dem Gehörten war die fantasiebegabte Schriftstellerin von Büchern wie „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ Jahre später allerdings auch mit dessen Wahrheitsgehalt, was der Mythisierung der Frau Aja vielleicht sogar eher förderlich war. Ansonsten ist allerdings die Quellenlage nun mal eher spärlich, denn Goethe selbst hat bei einer seiner umfangreichen Briefverbrennungen auch die Schreiben seiner Mutter vernichtet.

Eng kann man das Mutter-Sohn-Verhältnis nicht nennen. Goethe schrieb selten, besuchte seine Mutter das erste Mal nach zwölf Jahren und lud sie wohl auch nie nach Weimar ein. Trotz ihres weltberühmten und weit gereisten Sohnes kam Elisabeth Goethe nie über die Umgebung der Freien Reichsstadt Frankfurt hinaus. Als der Gatte starb und es immer einsamer wurde in dem großen Bürgerhaus am Hirschgraben, verkaufte sie ohne Sentimentalitäten alles Hab und Gut und verzog um die Ecke an den Roßmarkt, was den Vorteil hatte, dass dort das Schauspielhaus lag. Als sie am 13. September 1808 an Herzinsuffizienz starb, kam der Sohn, den sie liebevoll schon mal „Wölfchen“ oder „Hätschel-Hans“ genannt hatte, nicht zu ihrem Begräbnis, wie er sich schon nicht zu dem Begräbnis Schillers oder später seiner Ehefrau Christiane blicken ließ.

Manches erschließt sich in der gediegenen Inszenierung selbst Goethe-Kennern nicht so ohne Weiteres, etwa wenn sich die einen Schluck „Tyrannenblut“, also einen Tropfen guten Rotwein, nicht verachtende Elisabeth Goethe an „Unzelmann“ erinnert. Karl Wilhelm Ferdinand Unzelman war Schauspieler, 31 Jahre alt und spielte sich mit seinen Auftritten am Frankfurter Komödienhaus offensichtlich auf Anhieb ins Herz der zeitlebens theaterbegeisterten, 22 Jahre älteren Elisabeth Goethe. Auch dürfte nicht jedem klar sein, weshalb die Mutter ihren Spross in einem Brief wissen lässt: „Du bist kein Landmann.“ Goethe hatte 1798 ein Landgut in der Nähe von Apolda erworben, um seine Familie abzusichern.

Deutlich verständlicher sind ein paar Sprüche, die locker auch auf heutige Verhältnisse angewendet werden können – etwa „Furcht steckt an wie ein Schnupfen“ oder „Lass Dich nicht einschmelzen im Alltagsschlendrian“. Deutlich wird, dass der Krieg damals eine gefürchtete, aber feste Größe im Leben der Menschen war. Was 1794/95 die Einnahme Mannheims im Ersten Koalitionskrieg durch die Franzosen und dann die Rückeroberung durch österreichische Truppen war, das mag manchen Zuschauer vielleicht an das Ringen heute um Palmyra in Syrien oder Mossul im Irak erinnern.

Renate Geissler ist nach langer Zeit mal wieder am Hoftheater, wo sie etwa mit Horst Schulze in „Kur in Marienbad“ das Publikum begeisterte, zu sehen. Sie spielt – inmitten von Möbeln, wie sie typisch für einen bürgerlichen Haushalt jener Zeit waren – die Frau Rat, die junge Julia Titze, die frisch von der Fritz-Kirchhoff-Schauspielschule Berlin kommt, die quirlige Bettina Brentano, die der alten, nur manchmal wunderlich wirkenden Dame bescheinigt, den Leuten „ins Herz und nicht auf Titel zu schauen“. Später schwärmt sie in regelrechter Backfisch-Manier von dem Dichter in Weimar schließlich derart, dass Goethes Mutter mahnend bis drohend warnt: „Sei nicht gar zu toll mit meinem Sohn!“ Vortrefflich wird von Geissler ausgespielt, wie schmerzlich Elisabeth Goethe ihren Sohn, seinen auch von ihr sehr geschätzten „Bettschatz“ Christiane sowie ihr Enkelkind August vermisst haben muss.

Die geistvolle und ein selbstbestimmtes Leben führende Elisabeth Goethe starb vor der „Blutwurst-Affäre“ von 1811, der öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Bettina von Arnim und Goethes Ehefrau Christiane, als Bettina Christiane eine „wahnsinnige Blutwurst“ nannte und der treu zu seiner Frau stehende Goethe Bettina von Arnim und ihrem Ehemann fortan sein Haus verbot.

nächste Vorstellungen: 26.5. und 10.6., jeweils 20 Uhr

Karten unter: (0351) 250 6150

www.hoftheater-dresden.de

Von Christian Ruf

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