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18:54 19.01.2018
Szene mit Joana Martins, Hugo Rodrigues, Leonardo Germani und Anita Suzanne Gregory. Quelle: Foto: Hagen König
Radebeul

Gute Tänzer sind nicht zwangsläufig ebenso gute Choreografen. Sie können es aber sein. Je nach Begabung. Und ein Ausprobieren mit vielleicht weniger Erfolg mindert keinesfalls ihre vorhandenen Tanzqualitäten. Andererseits lassen sich solche Veranlagungen eben auch nur herausfinden, wenn Tänzer überhaupt die Gelegenheit dazu erhalten, sich als Choreografen zu versuchen. Was es sowohl in größeren wie auch kleineren Compagnien, speziell aber besonders auch in der freien Szene gibt. Und das ist immer wieder eine Ermutigung, eine Chance dafür, eigene Stärken entdecken zu können. Überhaupt gibt es da kein Scheitern an sich – man kann nur gewinnen. Und für das Publikum sind solche Experimente nicht minder spannend.

Mitglieder der Tanzcompagnie von Carlos Matos an den Landesbühnen Sachsen haben jetzt ein derartiges Projekt mit vier neuen Werken als Uraufführungen herausgebracht. Das Ergebnis, vorgestellt auf der Studiobühne in Radebeul, kann sich sehen lassen. Auch in Hinblick auf die Bühnenausstattung von Tom Böhm, notwendigerweise für einen Tanzabend sparsam angelegt, aber dennoch markant und bezeichnend. Durchweg bemerkenswert sind besonders auch die Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie. Wobei die von den jungen Choreografen doch offensichtlich frei gewählte Tanzsprache durchaus noch etwas eigenwilliger hätte sein können.

In welcher Weise, das zeigen beispielsweise Anita Suzanne Gregory und Leonardo Germani in ihrem gemeinsam choreografierten Duett „2 > 1“. Eine recht stimmige Arbeit mit zuweilen intensiver Stille. Wie beispielsweise in der Szene zu Beginn, wenn die Tänzerin mit dem Rücken zum Publikum vor einem Türrahmen steht. Nur die nervöse Anspannung der Hand lässt ahnen, wie es in ihrem Innern kocht und brodelt, wie es sie zu Entscheidungen drängt. Dieses Bild wiederholt sich später, wenn er vor dem Türrahmen steht, durch den sie, nachdem sie sich längst begegneten, auf der Suche nach dem Freien, Befreienden hinausgetreten ist. Was aber gewiss nicht Flucht heißen muss. Eher der nun frei gesetzte Wille und die Ermutigung, dem anderen voran zu gehen.

Zum Auftakt des Premierenabends erzählen vier Frauen und ein Mann im Tanz davon, wie es ist, als „kind of human – verdammt zu leben“ und wie sich andere dazu verhalten. Die Choreografie von Mattia Saracino holt etwas weit aus, bevor sie zum Wesentlichen kommt. Aber dann wird es spannend, wenn jener Ausgegrenzte mit Defiziten und Ängsten – zwei Krücken machen das quasi sicht- wie auch fassbar – sich mühsam (und das mit verrückten Bewegungsideen) durchschlagen muss. Da gibt es Annäherungen und Abgrenzungen, Ermutigung und Abstoßendes. Wo zu ahnen ist, wie schwer es fällt, sich im Anderssein zu behaupten.

Im gewissen Sinne ist „trippin’ – drauf sein“ von Morgan Perez und Hugo Rodrigues dann doch eher dem Wunsch geschuldet, einzutauchen in eine Gemeinschaft, sich einzulassen auf diese weit verbreitete Erfahrung, welche nur scheinbar alles leichter und „schwebender“ macht. Szenisch gibt es dafür zwar einen Ansatz im Spiel, aber eine Tanz-Metapher hat sich wohl weniger gefunden, was garantiert auch recht schwierig zu fassen ist. Ein Thema, das in der Körpersprache so durchdacht sein will, dass es eindringlich ebenso vom scheinbaren Spaß wie von den Gefährdungen erzählt.

Zum Schluss rundet die Arbeit „outsider – draußen sein“ von Brian Scalini den Abend junger Choreografen in kraftvoller Weise ab. Fünf Tänzer (drei Frauen und zwei Männer: Joana Martins, Anita Suzanne Gregory, Ana Teresa Pereira, Leonardo Germani und Hugo Rodrigues) finden sich zu entsprechender Musik gewissermaßen in Gruppenstrukturen zusammen, ein im Tanz vereinter Gesamtkörper, bestehend aus Einzelnen, die sich erkennbar zusammengehörig fühlen. Oder auch so fühlen sollen. Warum, das bleibt offen, und man weiß auch nicht so ganz genau, ob es dabei um gewisse Zwänge geht oder um freie Entscheidungen. Darüber aber lässt sich nachdenken und das ist sehr anregend. Zumal das Stück gut strukturiert ist und die Zuschauer deutlich in den Bann zu ziehen vermag.

Ob mit dieser Aufführung vor allem jüngere oder auch gereiftere Tanzfreunde angesprochen werden, wer weiß das schon so genau. Allein von den Themen her oder von der Art des Tanzes lässt sich das wohl kaum festlegen. Und der übergreifende Titel „Fly sein“ benennt doch alles und nichts, assoziiert zugleich aber auch im weitesten Sinne „Frei sein“. Etwas, das nun wirklich jeden betrifft. Sich frei fühlen, allein, vereint oder auch in der Gruppe. Die Kraft haben, zu widerstehen, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen und sie auch nicht zu verdrängen. Das sind anspruchsvolle Geschichten, für den einen wie den anderen, egal welchen Alters. Und nicht minder auch für den Tanz. Der doch seine ganz eigenen Möglichkeiten, seine ganz eigene Sprache hat.

„Fly sein“, Tanzabend junger Choreografen der Landesbühnen Sachsen, wieder in Radebeul, Studiobühne, am 28.02., Beginn 18 Uhr, am 6.03. und am 3.06, jeweils 19.30 Uhr. Sowie im Kulturhaus Freital am 14.03., Beginn 10.30 Uhr.

Von Gabriele Gorgas

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