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Verssprachen: Anne Dorn und Michael Fiedler in Dresdens Villa Augustin

Verssprachen: Anne Dorn und Michael Fiedler in Dresdens Villa Augustin

So vielgestaltig, so kontrastreich kann ein Abend mit Gedichten werden. Wenn, wie in der Villa Augustin, zwei Lyrikdebüts kombiniert werden, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Seltsam schon klingt das Wort Debütantin, wenn es sich, wie bei Anne Dorn, um eine Frau im 87. Lebensjahr handelt. Eine gestandene Autorin zudem - nur eben mit Romanen. In denen finden wir ihren Lebensstoff erzählerisch ausgebreitet. In ihren Gedichten komprimiert.

Man liest diese Zeilen und wundert sich: Ach, so einfach kann man es sagen? Kann solche Worte wie "Gefühl" schreiben, "Schmerz", "Seele" und "Herz", selbst "Waldvögelein", ohne dass es banal wird? Ja, weil diese Schlichtheit so kunstvoll ist, dass jeder Kunstwille ganz im Gesagten aufgeht.

Der bisweilen an einen Dreivierteltakt erinnernde Rhythmus dieser Zeilen bringt es zum Tanzen. Dabei ist der Grundton oft elegisch, ist von Schwerem die Rede: vom Kampf um die eigene Identität, ums Ich-Sein, von der Verzweiflung über das eigene Ungenügen, der Angst vor einem verfehlten Leben, der, wie es einmal heißt, "Vorstellung, auf Abstellgleisen / gefahren zu sein". "Mein Leben ist verwickelt gewesen", erzählte Anne Dorn während der Lesung. Staunen, Erschrecken, Liebe, Trauer, Verluste. "Damit ich das ertrage, habe ich Worte dafür gesucht. Die Gedichte waren immer mein geheimer Schatz."

Die Worte ihrer Verse klingen, als kämen sie direkt aus der Mitte der Erfahrung. Sie sind gesättigt und beglaubigt durch ein Leben, das es selten gut mit ihr meinte. Deshalb sprechen einen diese Zeilen so intensiv an. Die Welt, in der sie sich bewegen, ist eine ländliche. Häufig die der erinnerten Kindheit. Sie bewahren, was uns Stadtmenschen in der Künstlichkeit unserer Technikwelten verlorenzugehen droht: Sie beschreiben Momente des Berührtwerdens, wo die Sprecherin sich angeschaut sieht von der Natur. Es sind Augenblicke der Stille, der schweigenden Aufmerksamkeit, wo sie sich als dünnhäutig preisgibt. Wo sich die eigenen Grenzen weiten, weil sie sich eins und tief verwandt sieht, auch mit anderen Menschen.

Erinnerte Episoden bewahrend, wird sie zu jener "Sammlerin", von der Herausgeberin Jayne-Ann Igel im Nachwort spricht. Zwischen diesem Aufnehmen und dem Verschenken bewegt sich ihr Dichten. Anne Dorn zeigt uns mit ihrem Band "Wetterleuchten", dass sie eigentlich, auch in ihren Prosatexten, immer Dichterin gewesen ist. Eine, die uns viel zu sagen hat. Zum Beispiel, dass Altern Rückkehr bedeutet. Und all dies ist bitter durchlebt, also authentisch. Und hat eine Richtung: "eine Sehnsucht, die dahin zielt, / daß alle Menschen einander im Sinn haben, / daß sie mit ihrem Leben / eine eindeutige Sprache sprechen".

Wie anders der 1981 in Leipzig geborene Michael Fiedler. In seinem Band "Geometrie und Fertigteile" haben wir keinen unmittelbaren Zugang zu den Dingen. Er zeigt uns, dass unsere heutige Welt vor allem in dem besteht, wie wir über sie sprechen. "Die Welt bedient sich Transformatoren, um Wort zu werden. / Eines, das voll ironischer Resignation ausgesprochen wird (aber das macht nichts)."

Er unternimmt Reisen in die Texte, mal in die alten des Grimmschen Wörterbuches, mal in die Regionen von Fachbegriffen. Seine dichterische Arbeit: sammeln, demontieren, neu zusammenbauen. Gegen die Zwänge einer Sprache, die oft von Konventionen regiert ist, erobert er sich seine Souveränität zurück, indem er sie zum Material macht. Sprachliche Einzelteile fügt er gegen Logik und technische Rationalität nach den Prinzipien des Halbbewussten. Das Surreale schafft ein kreatives Chaos, beim Experimentieren entstehen wunderliche Gebilde.

Oder wie er es in seiner schroffen, zerklüfteten Verssprache ausdrückt: "Wachtraum / in Ungleichzeitigkeit und Propaganda / Noch-Nicht- / Bruchstück und Klarheit / Einfluss und Abbild".

Gedichte, die vor allem Jüngere ansprechen dürften, die, vielleicht sogar von Berufs wegen wie dieser Dichter, mit cut-ups und Teaser-Texten umgehen. "Fiedler recycelt", schreibt Herausgeber Jan Kuhlbrodt im Nachwort. "Es entstehen aber keine recycelten Formen. Das Entstehende dabei ist originär." Der individuelle Ton macht schließlich die Musik in der Dichtung. Was aber, wenn alles Zitat ist? Dann bleibt als Eigenes nur die andere Ordnung. Und die hat bei ihm etwas Faszinierendes.

Anne Dorn: Wetterleuchten. 80 S., 16,80 Euro. Michael Fiedler: Geometrie und Fertigteile. 64 S., 16,80 Euro. Beide im Verlag poetenladen, Leipzig.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.07.2012

Tomas Gärtner

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