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Regional Verschollenes Dokument der Kriegsjahre
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20:00 14.02.2018
Erich Kästner Quelle: Deutsches Literatur-Archiv Marbach
Dresden

Zu Beginn des dritten Kriegsjahres, am 16. Januar 1941, fasst Erich Kästner (1899-1974) einen Entschluss: Wichtige Einzelheiten des Kriegsalltags wird er von nun an aufzeichnen. „Ich will es tun, damit ich sie nicht vergesse, und bevor sie, je nachdem wie dieser Krieg ausgehen wird, mit Absicht und auch absichtslos allgemein vergessen, verändert, gedeutet oder umgedeutet sein werden.“

Seite um Seite eines blau eingebundenen Buches mit unbedruckten Seiten – „Blindband“ nennt man das in Verlagen – füllte er bis Ende Juli 1945 mit Tagebucheinträgen in Gabelsbergerscher Stenografie. Regelmäßig drehte er den Band um und trug so von hinten her Notizen für einen „großen Roman“ zusammen, den er nach dem Krieg zu schreiben gedachte. Aus diesem Vorhaben wurde nichts. Doch mit dem „Blauen Buch“ legt uns Herausgeber Sven Hanuschek, Jahrgang 1964, Kästner-Biograf und Germanistikprofessor in München, jetzt eine Art Ersatz für diese Leerstelle in Kästners Werk vor – gedrängt, fragmentarisch, Rohmaterial aus dem Mittendrin. Sein größter Wert besteht darin, unbearbeitet zu sein.

Die Dresdner Schriftstellerin Uta Hauthal, die diese mit umfangreichen Kommentaren gründlich aufbereitete Ausgabe während des Kulturfestivals „Erinnern & Vergessen“ in einem der gelben Container auf dem Dresdner Neumarkt erstmals vorstellte, betonte zu Recht: „Erst einmal zu verstehen versuchen – das ist die Grundhaltung, die wir diesem Buch gegenüber brauchen. Eben nicht mit der Klugheit der Nachgeborenen heranzugehen.“

Authentizität ist nicht ohne eine Schwäche zu haben: den naturgemäß begrenzten Blick des Notierenden. Unübersichtliche Gegenwart, im Ungewissen liegende Zukunft ist ihm, was für uns, die wir von der anderen Seite darauf zurückschauen, verbürgte Geschichte ist. Doch zeigt uns sein Tagebuch immerhin, was man damals zum Beispiel wissen konnte: „Und seit Tagen werden die Juden nach dem Warthegau abtransportiert.“ (Ende Oktober 1941) Er hört von „Studentenunruhen“, von Flugblättern und Hinrichtungen (März 1943). Heute wissen wir, es handelte sich um die „Weiße Rose“. Jemand erzählt ihm von „Judenerschießungen im Osten“.

Quelle: Atrium Verlag

Neben offiziellen Verlautbarungen, der gefilterten Propaganda in Radio und Zeitungen, aus denen er Artikel ausschneidet, kursieren Gerüchte, Anekdoten, Legenden, Witze – all das überliefert uns Kästner. Diese Bruchstücke des Mündlichen, die Historiker unberücksichtigt lassen müssen, soweit sie nicht aktenkundig sind.

Vor uns tut sich ein Alltag auf mit seinem Nebeneinander von Banalem, Nebensächlichem, zum Beispiel die angeblich bestochenen Verkäufer bei Kempinski, und Entscheidendem, Politik, Kriegsfolgen. Humor und Schrecken liegen dicht bei dicht. Geschehnisse können wir in Geschichtsbüchern nachlesen. Aber wie die Menschen unmittelbar darauf reagierten – das können uns nur solche Dokumente wie das Kästnersche Tagebuch erzählen. Wie beispielsweise die Angst vor einer russischen „Invasion“ wirkte. „Mit diesem Mittel, das ‚Kraft durch Furcht’ genannt worden ist, kann man noch allerlei erreichen“, notiert er am 18. Februar 1943.

Die eine, schlüssige Antwort auf die Frage, warum Kästner in Deutschland blieb, bekommen wir nicht. Immerhin gibt es einige Hinweise auf mögliche Motive. 1933 hatten die Nazis seine Bücher verbrannt. Allerdings war er ein sehr populärer Autor, berühmt auch im Ausland; „die meisten Exilländer hätten ihm offen gestanden“, konstatiert Hanuschek.

Bleiben, um Zeuge zu sein, führt Kästner an. Die Angst um die Mutter könnte ein weiterer Grund gewesen sein. Die Bindung war von beiden Seiten sehr eng. Etwas davon wird in Kästners Erleichterung sichtbar, als er am 27. Februar 1945 einen ganzen Stapel Postkarten und Briefe von Ida Kästner erhält und nun weiß, dass die Eltern die Zerstörung Dresdens überlebt haben.

Das Kriegsende erlebte er fernab in Mayrhofen im österreichischen Zillertal, wohin er sich in einem Ufa-Team abgesetzt hatte, das vorspielte, einen Film zu drehen. Ein heikles Abenteuer, aber, wie Hanuschek darlegt, nicht lebensgefährlich.

Der „große Roman“ freilich blieb ungeschrieben. Die Gründe, die Sven Hanuschek im Vorwort diskutiert, führen uns ein grundlegendes ästhetisches Problem vor Augen, vor dem viele Autoren standen: Wie über Nazideutschland schreiben nach Auschwitz? Kästner gestand sich ein: „Ich merkte, daß ich es nicht konnte.“ Hinterlassen hat er uns gleichwohl ein aufschlussreiches Stück dokumentarischer Literatur.

Erich Kästner: Das Blaue Buch. Geheimes Kriegstagebuch 1941-1945. Hrsg. von Sven Hanuschek in Zusammenarbeit mit Ulrich von Bülow und Silke Becker. Atrium. 406 S., 32 Euro

Von Tomas Gärtner

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