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Regional Verblüffend heutig: Premiere „Maria Stuart“
Nachrichten Kultur Regional Verblüffend heutig: Premiere „Maria Stuart“
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19:29 21.01.2018
Mächtige Frau in einer Welt voller Männer, das gilt nicht nur für Maria Stuart, sondern auch für Königin Elisabeth (Fanny Staffa), umringt von George Talbot (Hans-Werner Leupelt, l.) Baron von Burleigh (Torsten Ranft, M.) und Graf Aubespine (Viktor Tremmel). Quelle: Foto: Sebastian Hoppe
Dresden

Von „Märchen, die den Pöbel ängstigen“ spricht Leicester. Überhaupt herrscht Panik in diesem kaum gefestigten England des Jahres 1587. Im Norden lauert der katholisch gebliebene schottische Rivale, auf dem Festland werden Intrigen geschmiedet. Zum Symbol der Verschwörung gegen England wird Maria Stuart, die eigentlich vor ihren eigenen Mordverstrickungen und den schottischen Rebellen 19 Jahre zuvor Zuflucht bei ihrer Cousine Elisabeth gesucht hatte. Im Lichte der gegenwärtigen Befürchtungswelle, die die so genannte westliche Welt erfasst hat, hört man den Schiller plötzlich neu. Überall lauert der altböse Feind. Man begreift, dass „Maria Stuart“ einen sehr berechtigten Platz im aktuellen Spielplan des Staatsschauspiels hat. Fehlte nur noch, dass ein Bürgerchor „Die Stuart muss weg!“ skandiert. Und dass „der Brite gegen den Schotten nicht gerecht sein kann“, klingt auch wie ein Kommentar zum Brexit.

Der Text liefert weitere Assoziationen. „O Sklaverei des Volksdienstes“, lamentiert gegen Ende Angela Merkel – pardon, nein, die vereinsamte Elisabeth. „Der ist nicht recht König, der der Welt gefallen muss“, resigniert sie in dem Augenblick, da ihre Macht mit der Hinrichtung Marias scheinbar unantastbar geworden ist. In der Dresdner Inszenierung legt sie dabei Perücke und Kragen ab. Der Druck des „Pöbels“ liefert die unsichtbare Kulisse für das Machtspiel am englischen Hof, in dem sich Staatsräson, Leidenschaften, religiöser Fanatismus und das besondere Verhältnis zweier Königinnen in einer ansonsten von Männern dominierten Welt vermischen.

Vor knapp zehn Jahren stellte auf der gleichen Bühne die Inszenierung von Hermann Schein dieses einzigartige Verhältnis der Herrscherinnen in den Mittelpunkt. Es kulminiert in ihrer von Maria erbetenen, wahrscheinlich fiktiven Zusammenkunft im dritten Aufzug. Da ist Elisabeth, die sich wider Willen verhärten muss und Liebe und Menschenfreundlichkeit dem Machtgefüge opfert, die sich ihrem ursprünglichen Wesen entfremdet. Maria hingegen, und das ist eine der möglichen Sichtweisen, findet in der Gefangenschaft zur Authentizität, überwindet Machtstreben und Todesangst. Obschon früher machtpolitisch auch nicht gerade zimperlich, erscheint sie trotz der Auslieferung an den Scharfrichter als die moralisch Überlegene.

Zum Ausspielen dieses Duetts und Duells aber kommt es im Dresdner Schauspielhaus bei der aktuellen Inszenierung von Thomas Dannemann nicht. Die beiden Protagonistinnen begegnen sich nicht auf Augenhöhe. Fanny Staffa als Elisabeth in ihrem unablässig funkelnden Paillettenkleid lässt die Zuschauer ihre Zerrissenheit fühlen. Wenn sie aus der Tiefe der Bühne vor dem kahlen Sternenhimmel auftaucht, erscheint sie ebenso majestätisch wie einsam. So bleibt sie am Ende auch zurück, ledig aller Freunde und Berater, nicht wie eine Siegerin.

Die Qual, das Todesurteil über die Konkurrentin unterschreiben zu müssen, nimmt man ihr ab, ebenso den kurzen Leidenschaftsausbruch gegenüber Leicester. Anja Laïs als die Stuart aber gewinnt zu keiner Zeit Konturen. Mal larmoyant, anfangs geradezu flapsig und schwer zu verstehen, selten energisch und jedenfalls gar nicht stolz oder königlich, ist sie Elisabeth nicht wirklich ein Gegenüber.

Kommt hinzu, dass ihr Regine Standfuss einen orangefarbenen Monteursanzug verpasst hat, der sie in Verbindung mit Kragen, weißer Schminke und Frisur eher wie ein Harlekin aussehen lässt. Das scheint jeglichen königlichen Reststolz in ihr zu ersticken. Auch andere Kostüme stehen der Rolle geradezu entgegen. Nun ja, die Lords tragen mehr oder weniger gut sitzende Maßanzüge, niedere Chargen eher Freizeitlook. Dazwischen Mortimer, der aussieht wie ein Zollbeamter und dem Lukas Rüppel ausgerechnet Liebesleidenschaft einhauchen soll. Wie er dann, zwischen die Fronten geraten, sein Taschenmesserchen zückt und schließlich an die eigene Kehle führt, sorgt eher für ungewollte Komik.

Die zupackendste Sprache finden einmal mehr Torsten Ranft als Burleigh und Ahmad Mesgarha als Leicester. Kontrahenten im Ringen um das Leben von Maria Stuart, wie man sie sich auch historisch vorstellen kann. Die Textkürzung um ein Drittel auf eine straffe Zweistundenfassung bringt einesteils auch dem unbelesenen Zuschauer einen klaren Handlungsfaden. Auf der Strecke bleiben dabei innere Prozesse und Reflexionen, obschon Regisseur Dannemann bei den großen Monologen oder Dialogen nicht auf die Uhr geschaut hat.

Auf die Spieler und ihre Personenführung kommt es nicht nur wegen des wortlastigen Schiller-Textes besonders an. Viel Action wie bei den „Räubern“ gibt es nicht, und wo die Szene wenig Interaktion hergibt, droht manchmal Stehtheater. Auch das wie immer stark reduzierte und flächendominante Bühnenbild von Olaf Altmann schärft die Konzentration nahezu ausschließlich auf die agierenden Personen. Man durfte schon vorab gespannt sein, welche mechanisch aufwändige Bühnenkonstruktion er sich diesmal einfallen lassen würde. Podium und eine riesige Holzdecke lassen sich scherenartig aufeinander zu bewegen. So steigen die Spieler entweder in das Verlies einer Unterbühne hinab oder müssen auf einem extrem schräg gestellten Podium balancieren. Das Deckenelement lässt sich in seiner Neigung sinnvoll variieren, schließt sogar in Elisabeths ausweglosester Situation symbolträchtig nach hinten ab.

Ein Brief und ein Aktenordner, mit diesen beiden Requisiten kommt die neue Dresdner Inszenierung aus. Die optische Kargheit wird kompensiert durch eine akustische Dauerbeschallung. Meist im Hintergrund, gelegentlich verstärkt sind diffuse Schlagwerktöne oder Atemgeräusche zu vernehmen, die offenbar eine Dauerspannung erzeugen sollen, wie sie bei einigen Rundfunksendern den Nachrichten unterlegt wird. Signalisiert das Misstrauen in die Kraft der Szene? Ausdrückliche Erwähnung verdient Lichttechniker Michael Gööck. Mit raffinierten Spots erzeugt er auf der weitgehend leeren Bühne suggestive Raumstimmungen und Fokussierungen. Die behält man in Erinnerung, ähnlich wie treffliche Regieeinfälle, beispielsweise die eigentlich gemordete Maria plötzlich im königlichen Kleid an derselben Stelle auftauchen zu lassen, wo Elisabeth verschwand.

Auch wenn diese Schiller-Inszenierung keine nachhaltige Wirkung hinterlassen mag, etwas mehr Beifall als den der immer lauten persönlichen Fans hätte sie zur Premiere am Freitag schon verdient gehabt.

nächste Aufführungen: heute (ausverkauft, 28. Januar, 10. Februar

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Michael Bartsch

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