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Regional Uwe Kolbe stellte sich mit Gedichten in der Unterkirche der Frauenkirche vor
Nachrichten Kultur Regional Uwe Kolbe stellte sich mit Gedichten in der Unterkirche der Frauenkirche vor
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18:24 21.07.2017
Uwe Kolbe Quelle: S. Fischer Verlag

Noch keine zwei Monate ist er hier, schon hinterlässt Dresden Spuren in den Texten des neuen Stadtschreibers Uwe Kolbe. „Erster Eindruck Friedrichstadt“ heißt das Gedicht, das der 1957 in Berlin Ost geborene, in Hamburg lebende Autor jetzt zu Beginn seiner Lesung in der Unterkirche der Frauenkirche vorgetragen hat.

Darin weckt die Friedrichstraße Assoziationen ans Berlin seiner Kindheit und Jugend. Aber sie zeigt ihm zugleich, dass es außer dem Preußenkönig Friedrich II. auch andere mit Namen von Großen gibt, nach denen Straßen benannt wurden. In Dresden war das Kurfürst Friedrich August II. (1696-1763), damals Kurprinz, Sohn Augusts „des Starken“.

Der Spaziergänger in Kolbes Gedicht entdeckt die Tafel für Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1736), den Architekten des Zwingers und des sächsischen Hochbarock, an der evangelischen Matthäuskirche, die natürlich geschlossen ist; anderswo eine für den Friedensschluss von Kötzschenbroda 1645, dazu Hinweise auf Richard Wagner. „Diese Gegend atmet Frieden“, geht ihm durch den Kopf. Er beobachtet das „shooting and shouting“ der Touristen und tritt zurück in seine „Pomeranzenwälder“.

In den Versen seines mit 176 Seiten recht umfangreichen Gedichtbands „Gegenreden“ (2015) wird Liebesschmerz zum Eisen, das Rosen beschneidet und reifere Lieder wachsen lässt – eine Art des Handwerks: „Schneiden / formt Gärten, sieht aus gnadenlos“. Da geht es um geheime Worte, die einer dem anderen sagt, um Redewendungen, Körperteile und die fünf Sinne, eine zärtlich-erotische Pandora und das Ende der Hoffnung, da wünscht sich einer hinaus aus dem Wortschwall, und der „kleine Mann“ fordert uns in seinem Lied auf, alles, was groß ist an der Liebe, klein zu machen, scherzend, ironisch das Heilige auf den Boden herunterzuholen.

„Ich bin in einer gottlosen Welt groß geworden“, erwiderte Uwe Kolbe auf eine Frage von Moderator Frank Richter von der Stiftung Frauenkirche. Luthers Sprache sei ihm von jeher eine Selbstverständlichkeit gewesen; die Bibel jedoch keine heilige Schrift, sondern ein Buch der Geschichten und Mythen, ebenso wie Ovids „Metamorphosen“. Ohne sie verstehe man zum Beispiel die Malerei der alten Meister nicht. Die Sprache seiner Gedichte sieht er dem 18. Jahrhundert, dem Duktus Hölderlins oder Hegels, näher als der Gegenwart – „aber nur grammatisch“.

Zu Dresden habe er eine sehr frühkindliche Verbindung, scherzte er. Als Kind von Binnenschiffern wurde er auf der Elbe gezeugt, auf dem Weg von Usti nad Labem Richtung Hamburg. Jetzt ermuntert er in einer Kolumne in der die Dresdner, doch souverän zu sein, was den Umgang mit den politischen Dauerspaziergängern betrifft, die mittlerweile zur festen Größe jedes Montags gehören. Er wundert sich im Gespräch mit Frank Richter über dieses „Schwächeln“, dieses „Schamgefühl“. „Aber Dresden kann nicht peinlich sein, wenn demokratische Willensbildung auf der Straße stattfindet.“ Eine Stadt mit solch großartiger Tradition und Kultur sollte doch verschiedene Meinungen aushalten können.

Schon in Gedichten aus „Gegenreden“ kommt „Gott“ vor. Nun scheint der wie die meisten DDR-Bürger atheistisch sozialisierte Dichter Mut zu Bekenntnissen gefasst zu haben, die manchen unzeitgemäß anmuten könnten. „Psalmen“ ist sein nächster Gedichtband betitelt, der am 27. Juli bei S. Fischer erscheint.

„Wer ist der Adressat dieser Psalmen?“, fragte Frank Richter. „Ach“, entgegnete Uwe Kolbe, „das beantwortet sich von selbst.“ Zum Beispiel in den letzten Zeilen des „Psalms nach der tonlosen Zeit“: „Das Lied ohne dich ist tonlos, / Herr, dies ist mein Psalm.“

Uwe Kolbe: Gegenreden. S. Fischer. 176 S., 18,99 Euro

Von Tomas Gärtner

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